1. Schreibwerkzeug

Einleitung – 1. Schreibwerkzeug (Teil 1) – 1. Schreibwerkzeug (Teil 2)/


Bestimmte Tätigkeiten wie Schneiden oder Schweissen kann ich ohne Werkzeuge gar nicht ausüben, weil ich diese Tätigkeiten gerade durch den jeweiligen Werkzeuggebrauch von anderen Tätigkeiten abgrenze. Schreiben kann ich zur Not ohne Werkzeug, obwohl das deutsche Wort quasietymologisch auf das Schreiben mit einem Griffel verweist. Das althochdeutsche Wort scriban wurde als Tätigkeitsbezeichnung eingeführt, als mit dem Griffel bereits ein Werkzeug benutzt wurde. Das sagt weniger über das Schreiben aus als darüber, wann eine bestimmte Tätigkeit als solche wahrgenommen wird.

Da ich beim Schreiben ein Artefakt herstelle, brauche ich zwangsläufig ein Material, das ich formen kann und etwas weniger unmittelbar eine Unterlage, durch die das Artefakt getragen wird. In der noch ganz unentwickelten Form ist die Unterscheidung zwischen Textmaterial und Textträger noch aufgehoben, weil ich beispielsweise mit meinem Finger in den Sand schreibe, also den Textträger selbst forme. Sand ist weich genug, dass ich mit meinem Finger schreiben kann. Allerdings ist das nicht sehr nachhaltig, eine Welle am Strand oder etwas Wind lassen den Text wieder verschwinden. Wenn ich einen Meissel verwende, kann ich härteres Material wie Holz, Stein oder Fels ritzen, was mein Schreiben nachhaltiger macht. Was geschrieben wird, soll noch eine bestimmte Zeit sichtbar vorhanden sein.

Man könnte sagen, dass der Meissel beim Schreiben den Finger ersetzt, ich neige eher dazu zu sagen, dass der Finger in der Not den Meissel ersetzt, weil für michgriffel beim Schreiben in der Nachhaltigkeit des Geschriebenen ein Sinn des Schreibens liegt. Wie auch immer, der Meissel ist ein Werkzeug, wenn er nicht ein zufällig aufgelesener Stein mit einer scharfen Kante ist. Der Meissel zeigt in einer rohen Form, was ich auch beim Schreiben ohne Meissel mache. Ich mache Striche, die ich später wieder sehen will. Ich kann sagen, dass ich Striche mache, die mich an etwas erinnern sollen. Dann spreche ich nicht darüber, was ich mache, sondern über die Funktion der Striche, oder allgemeiner nicht darüber wie, sondern darüber, warum ich schreibe.

Als Schreiben bezeichne ich ein Tätigkeit, bei welcher ich Werkzeuge verwenden kann. Wo immer ich Werkzeuge verwende, entwickelt sich die Tätigkeit mit der Entwicklung der Werkzeuge die ich verwende. Die Entwicklung der Werkzeuge betrachte ich unter dem Gesichtspunkt einer Ausdifferenzierung, durch die bestimmte Aspekte der Tätigkeit aufgehoben werden.

Wenn ich mit einem Meissel statt mit dem Finger schreibe, muss ich weniger drauf achten, dass mein Text erhalten bleibt. So realisiere ich, dass ich beim Schreiben auch die implizite Aufgabe erfülle, den Text aufzubewahren und dass ich das besser oder schlechter machen kann.

In einer etwas entwickelteren Form des Schreibens variiere und kombiniere ich die Striche, so dass verschiedene Zeichenkörper entstehen. Der Meissel wird dabei zunehmend unhandlich. Ich kann aber auch beobachten, dass die Verwendung von „Farben“ die Ausdifferenzierung von verschiedenen Zeichenkörper besser zugelassen hat. Wenn ich mit „Farbe“ schreibe, was ich wiederum im engeren Sinne von Hand, also mit dem Finger machen kann, brauche ich andere Werkzeuge als den Meissel. Zuerst aber brauche ich „Farbe“. Als Farbe bezeichne ich in diesem Zusammenhang ein farbiges Material, das ich gut auf einer geeigneten Unterlage auftragen kann. Solange die „Farbe“ in einem Behälter ist, ist sie leicht als dreidimensionales Material zu erkennen. Und wenn ich dieses Material in einer dünnen Schicht auf ein Trägermaterial auftrage, verliert es sein Materialsein natürlich nicht.

Den Ausdruck „Farbe“ verwende ich in diesem Sinne für zwei unterscheidbare Aspekte. Einerseits bezeichne ich das Material und andrerseits die Farbe des Materials. Eine naturwüchsige Farbe, die sich zum Schreiben eignet, ist – rotes – Blut, eine hergestellt Farbe heisst Tinte, die auch rot sein kann. Die Variation des Farbmaterials ist nicht nur in Bezug auf die Farbe enorm. Die verschiedenen Materialien verlangen auch verschiedene Werkzeuge, die ich vorerst ganz grob als Pinsel bezeichne.

Die Farbe wird zum Material des Textes, der einen Träger braucht. Ich trenne damit den Text von seinem Träger und unterscheide deshalb, ob ich vom einen oder dem andern spreche. Schreiben mit Farbe verlangt nicht unbedingt ein Werkzeug, aber es verlangt – tautologischerweise – ein Farbmaterial, das ich forme, während ich den Textträger dabei nicht willentlich verforme.

Ziemlich alte Dokumente sind Höhlen- oder Felsmalereien, bei welchen durch farbige Oxide gefärbte Tonerden verwendet wurden, die sozusagen als natürlich Farbe gegeben waren. Als nachhaltige Träger solcher Artefakte erweisen sich beispielsweise die Wände der berühmten Höhle von Lascaux, die relativ trocken sind, da sie von einem Mergelhorizont gegen Wasserinfiltritation abgedichtet sind, wodurch auch kein nennenswerter Kalzitüberzug entstehen kann. Dass diese „Texte“ nach mehr als tausend Jahren noch lesbar sind, ist nicht nur vom Material des Textes, sondern auch von der Beschaffenheit des Textträgers abhängig. Die Höhlenwände sind nicht hergestellt sondern naturwüchsige Textträger, die nur gewählt, nicht gemacht wurden. Die Beobachtung des Textträgers entwickelt sich, wo dieser als Kultur hergestellt wird, zunächst als Pergament oder Papier.

Wenn ich den Text an der Höhlenwand von Lascaux lesen will, muss ich diese Höhle besuchen. Wenn ich aber nur den Text, der dort geschrieben wurde, lesen will, kann ich auch eine Abschrift lesen. Auf dieses Differenz komme ich später im Zusammenhang mit Buchdruck und Computer sehr ausführlich zurück. Zunächst will ich zwei Raumprobleme behandeln.

Das ein Raumproblem entsteht dadurch, dass der Text und der Textträger in vielen Fällen so verbunden sind, dass sie nicht getrennt werden können. In diesem Sinne ist der Textträger dann Teil einer chemischen Verbindung und damit natürlich auch verformt. In diesen Fällen kann ich den Text nur transportieren, wenn oder indem ich den Texträger transportiere. Das macht bestimmte Textträger, etwa Höhlenwände sehr unpraktisch, weil der Leser zum Text muss anstelle davon, dass der Text zum Leser kommt.

Ein zweites räumliches Problem, das ich nur erwähnen und auch später behandeln werde, besteht darin, dass ich beim Schreiben ein Textfeld erzeuge oder impliziere, in welchem ich den Text anordne. „Unterschrift“ deute ich in diesem Sinne als „Schrift“, die unten, „unter“ anderer Schrift plaziert wird. Wenn ich nur Striche an die Höhlenwand mache, muss ich sie später wieder finden, wozu ich mir deren Lage auf der Wand merken muss. Wenn ich komplizierte Zeichen verwende, spielt eine Rolle, wo bestimmte Striche in Relation zu anderen Strichen stehen. Zeichen erscheinen so als Konstellationen von Zeichen.

Wenn ich Text transportieren will, muss ich in vom Träger lösen oder den Textträger transportierbar machen. Der Stein von Rosette ist ein Beispiel für gemeisselten und transportierbaren Text, der überdies noch andere Textkriterien sichtbar macht. Ein Form des Textträgers, die grosse Verbreitung gefunden hat, ist in der entwickelten Form Papier, das zunächst als Tierhaut , Pergament oder als Papyrus naturnähere aber auch schon mehr oder weniger bearbeitete Formen hatte. Papier ist ein Textträger, dessen Herstellung industriell entwickelt wurde, nachdem es zunächst ein Handwerksprodukt war.

Während die Schreibwerkzeuge eine grosse Entwicklung durchlaufen haben, hat sich beim Textträger lange Zeit nur dessen Produktion entwickelt. Papier ist als Textträger erst auf der Stufe der Computertechnik, etwa in der Idee des papierlosen Büros, aber dann vor allem durch das Internet problematisiert worden. Aber die Papierherstellung hat eine enorme Entwicklung durchlaufen. Ich selbst habe mich beruflich eine Zeitlang mit der Konstruktion von Pulpern beschäftigt.

Papier als Textträger hat auch das Textmaterial weitgehend bestimmt, es ist Tinte, die in verschiedenen Viskositäten verwendet wird, was im wesentlichen durch die jeweiligen Schreibwerkzeuge bestimmt wird. Tinte durchläuft natürlich auch eine Entwicklung, sie ist aber von Auge kaum erkennbar, weil sie nur die chemische Zusammensetzung betrifft. Auf einem Brief, den ich mit meinem PC-Drucker ausdruckt habe, ist kaum zu sehen, ob ich einen Laser- oder einen Inkjet-Drucker benutze. Der Text erscheint als Tinte, auch wenn ganz verschiedene Verfahren und Materialien verwendet werden.

Papier – auch in den noch nicht entwickelten Formen – erlaubt nicht nur den Transport von Text, sondern – mit entsprechenden Werkzeugen – auch eine Vereinfachung des Schreibens. Für Tinte als Textmaterial eignen sich Pinsel. Anfänglich scheinen auch Vogelfedern als Pinsel verwendet worden zu sein. Dann merkte wohl ein praktischer Schreiber, dass der Federkiel besser geeignet ist oder anstelle von Schilf eingesetzt werden kann. Der Feder Kiel wurde dann durch eine hergestellte „Feder“ aus Metall ersetzt, die sinnigerweise auch Feder genannt wurde.

Tinte in flüssiger Form hat ein paar Nachteile, sie tropft und schmiert. Und sie muss in einem Behälter aufbewahrt werden. In festerer Form gibt es Kreide und Bleistift. Beides ist nicht so nachhaltig wie Tinte, weil sich das Material mit dem Papier weniger stark verbindet. Bleistiftgeschriebener Text kann dafür gut radiert werden. Es gibt eine Reihe von Eigenschaften, die auf dieser Stufe noch als Vor- oder Nachteile der verschiedenen Werkzeuge gesehen werden können, weshalb es auch verschiedene dieser Werkzeuge nebeneinander gibt. Die Entwicklung hat auch Füllfederhalter, Kugelschreiber und Filzstifte hervorgebracht.

Fortsetzung im Teil 2


last update 25. 2.2015 / 26. 2.2015 / 27. 2.2015 / 28. 2.2015

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5 Antworten zu “1. Schreibwerkzeug

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  2. „ich mache striche, die mich an etwas erinnern sollen“
    🙂

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