1. Schreibwerkzeug (Teil 2)

1. Schreibwerkzeug (Teil 1) – 1. Schreibwerkzeug (Teil 2) – 1. Schreibwerkzeug (Teil 3)

Eine Art Mischung zwischen Einritzen und Auftragen, die für die weitere Entwicklung wichtig ist, ist das Siegel, bei welchem die „Tinte“ in Form von Wachs ohne Struktur auf das Papier aufgetragen wird um danach in eine Form gebracht zu werden, durch Prägung, was in gewisser Weise dem Einritzen eines Musters entspricht. In dieser Kombination der beiden Verfahren erkenne ich einen Übergang zu einer entwicksxiegel1elteren Art des Schreibens. Es wird dabei nicht das Trägermatereial bearbeitet, aber das Textmaterial wird so bearbeitet, wie das mit einem Meissel passiert.

Ich habe bisher stark auf das Material von Text und Textträger focusiert. Ich will deshalb genauer erläutern, was ich als Material bezeichne. Das scheint mir umso notwendiger als der Ausdruck jenseits des Themas Schreibens sehr verschieden verwendet wird und die damit bezeichnete Sache bei Text kaum je beachtet wird.

Ich verwende den Ausdruck komplementär zu Form. Die herstellende Tätigkeit begreife ich als Formen. Egal, was ich herstelle, das dabei entstehende Artefakt hat eine durch das Herstellen bewirkte Form. Formen kann ich nicht überhaupt, ich forme immer etwas. Und das, was ich forme, bezeichne ich als Material. Was ich als Material bezeichne ist also gewissermassen die Kehrseite des Formens.

Der Ausdruck Material begegnet mir – oft missverständlich – im Ausdruck Materialismus. Als Materialismus bezeichne ich eine Weltanschauung, in welcher Material eine orientierende Rolle spielt. Ich unterscheide sehr verschiedene Formen des Materialismus, die dann auch den Ausdruck Material sehr verschieden verwenden.

Der mir geläufigste Materialismus bezeichnet – metaphorisch – die Orientierung am Geld. Materialisten tun alles für Geld, ohne dabei Geld als Material zu sehen. Dann gibt es einen Materialismus, der die Materie ins Zentrum stellt. Diese Sichtweise beherrscht einen grossen Teil der Naturwissenschaften. Materie ist aber ein ganz anderes Wort als Material. Ich weiss nicht, was Materie ist, ausser dass sie aus Atomen besteht, wobei ich keine Ahnung von Atomen habe. F. Heider – der kein Materialist sein wollte – hat das Geformte als Ding bezeichnet und anstelle von Material den Ausdruck Medium verwendet. Das ist von viele Sozialwissenschaftlern, die auch keine Materialisten sein wollen, übernommen worden. Differenztheoretisch kann „Material“ durch die Differenz zwischen Material und Medium gesehen werden, wobei Medium für die nicht aktualisierte Form steht, also keine Eigenschaft hat, während die Materialbezeichnung Eigenschaften benennt und auch eine konkrete Form impliziert.

Als Form bezeichne ich in einem operativen Sinn, genau das, was ich zeichnen kann. Jede Zeichnung repräsentiert die Form.

So wie das, was ich als Beobachten bezeichne, aus Unterscheiden und Bezeichnen besteht, besteht das Herstellen aus Formen und Material wählen. Wenn ich einen Meissel zum Schreiben herstelle, muss ich „etwas“ die Form eines Meissels geben. Ich kann nicht nichts formen. Das, was ich forme, bestimme ich durch Eigenschaften. Materialien wie Bronze und Silber, oder allgemeiner wie Metalle sind in diesem Sinne Verdinglichungen (Hypostasierung) von Eigenschaften, die ich – quasi-ontologisch formuliert – am Material wahrnehme. „Metall“ bedeutet in diesem Sinne „glänzend, tromleitend, schwer, …“ und „Silber“ bedeutet „Metall, helle Farbe, nicht oxidierend, …“.

Material kann nur in einer – zwar beliebigen – Form erscheinen. Das Referenzobjekt des Ausdruckes Bronze kann als Barren, Klumpen, Ohrring oder Statue, aber nicht ohne Form existieren. Wenn ich vom Material spreche, abstrahiere ich von der Form. Material, das aus einer Verarbeitung folgt, bezeichne ich als Werkstoff. Tinte oder Papierbögen haben eine (Proto)-Form, die noch keinem Gebrauch entspricht und deshalb auch als Halbfabrikat bezeichnet wird. Diese Protoformen sind nicht „konstruiert“, sondern werden als Werkstoff für Konstruktionen verwendet. Von einem Medium spreche ich in diesem Sinn, wenn ich das Material von seiner Form unterscheide, also keine Materialeigenschaften meine. Wenn ich die Formseite der Unterscheidung markiere, repäsentiert die Form das Bestimmte, während das Medium das unspezifische Potential zur Formgebung darstellt. Die Form bestimmt Eigenschaften, die dem Material nicht zukommen. Wenn ich ein Messer forme, forme ich die Eigenschaft „schneidend“.

Wenn ich meinen Körper durch Diät, Body Bulding oder Verstümmelung forme, ist der Körper Medium in verschiedenen Formen, aber dabei wird kein Material gewählt. Wenn dagegen der berühmte Genfer Arzt
Frankenstein eine Kreatur herstellt, muss er sich überlegen, ob er das aus Lehm (Golem), Holz (a la Pinoccio), Puppenmaterial (im Sandmann) oder aus Teilen, die er Friedhof ausgräbt, verwenden soll. Er braucht also Material. Und wenn ich eine Prothese für ein Bein oder ein Herz herstelle, muss ich wählen unter Stahl, Plastik usw. also unter Materialien. Als Artefakte bezeichne ich Gegenstände, die auf einer Materialwahl beruhen – und ausserdem noch auffindbar sind, was bei Frankensteins Moster und dessen Variationen ja nicht der Fall zu sein scheint.

Ich bezeichne meinen Materialismus in Anlehnung an K. Marx als „historischen Materialismus“, in welchem ich als Subjekt und meine Tätigkeit im Zentrum steht. Mit historisch bezeichne ich dabei einerseits eine Abgrenzung zu einem naturwissenschaftlichen Materieverständnis und andrerseits, dass jede artefaktische Formgebung Teil eines Prozesses ist, der sich als Produktion historisch entwickelt. Den Produktionsprozess beschreibe ich einerseits als Entwicklung der Produktionsmittel und andrerseits als Differenzierung in Bezug auf auf mich als tätiges Subjekt. Schreiben als Textherstellung ist ein exemplarisches Thema dafür.

Wenn ich Schreiben als Handwerk bezeichne, bezeichne ich in gewisser Hinsicht einen spezifischen Moment einer logisch dort geteilten Entwicklung. Zunächst geht es um die Autopoiese der Schrift, das heisst darum, dass Schreiben überhaupt als Tätigkeit entstanden ist. Danach geht es darum, wie sich diese Tätigkeit ausdifferenziert. Wenn ich beispielsweise von der Entwicklung des Menschen spreche, unterscheide ich in diesem Sinne eine naturhistorische Entwicklung innerhalb des Tierreiches, die mit dem Auftreten des Menschen abgeschlossen ist, und eine sozialhistorisch Entwicklung des Menschen, die mit dem Auftreten des Menschen beginnt und in welcher sich nicht mehr der Mensch, sondern dessen Lebensverhältnisse als Kultur entwickeln. Menschen kann ich beispielsweise – wenn mir das gefällt – als toolmaking animals sehen. Dann beobachte ich im Tierreich eine Entwicklung hin zur Verwendung von Objekten, welche am Schluss den Menschen als Herstellenden hervorbringt, und eine zweite Entwicklung, in welcher sich die Menschen dadurch entwickeln, dass sie ihre Werkzeuge entwickeln.

Wenn ich mich in diesem Sinne als schreibendes Tier begreife, unterscheide ich eine quasi naturhistorische Entwicklung, welche mit der Verwendung von Symbolen abgeschlossen ist, und sozialhistorische Entwicklung, in welcher Symbole sich als Gegenstand der gesellschaftlichen Produktion entwickeln.

Als Handwerk bezeichne ich eine Produktionsform ohne bewusste betriebliche Arbeitsteilung, in welcher der jeweilige Handwerker als Meister seines Faches den gesamten Arbeitsprozess beherrscht. Al Huang beispielsweise betont die Wichtigkeit, das er Kalligraf die vier Produktionsmittel Schreibpinsel, Stangentusche, Reibstein und Papier, die auch Schätze des Gelehrtenzimmers genannt werden, selbst herstellen sollte. Beim praktischen Üben sollte wenigstens die Tinte immer selbst angemacht werden.

Das Handwerk selbst begreife ich als eine Ausdifferenzierung der urprünglichen Aneignung, deren naturgeschichtliche Phase mit dem Beginn der Landwirtschaft abgeschlossen war. Der ursprüngliche Bauer ist der noch nicht differenzierte Handwerker, der alles machte – wohl aber nicht schreiben konnte und nicht schreiben musste. Eigentliches Handwerk entsteht mit der natürlichen Arbeitsteilung, die gewerbliche Berufe wie Müller, Bäcker oder Schmied hervorbringt. Das urspüngliche Handwerk des Schreibens besteht in diesem Sinne darin, einen Meissel herzustellen, eine geeignete Felswand oder einen geeigneten Stein zu finden und die Zeichen einzuritzen. Oder wenn mit Farbe auf Papyrus geschrieben wurde, musste Farbe, Pinsel und Papyrus hergestellt und dann verwendet werden.

Nachdem Farbe, Pinsel und Papyrus je ein eigenes Gewerbe geschaffen haben, musste der Schreibhandwerker diese Mittel erwerben, wozu er sie beurteilen können musste. Seine Tätigkeit im engeren Sinne war dann das Herstellen der Zeichenkörper. Wenn ich als Schmied einen Pflug herstelle, muss ich das Metall entsprechend bearbeiten können. Ich muss aber natürlich auch wissen, wozu der Pflug gebraucht wird und welche Form er deshalb haben muss. Wenn ich einen Text herstelle, muss ich beispielsweise die Tinte entsprechend verarbeiten skriptorkönnen, ich muss aber natürlich auch wissen, was der Text bewirken soll und welche Form er deshalb muss. Ich bezeichne mich dann als Handwerker, wenn ich alle Aspekte dieser Tätigkeit erfüllen kann. Eine erste Form der betrieblichen Arbeitsteilung, die das Handwerk zerlegt, habe ich schon angesprochen. Der Klosterbruder, der im Skriptorium abschreibt, während ein anderer seine Texte rubriziert. Im späteren Gerichtsschreiber sehe ich ein Art Inversion zu dieser Zerlegung eines Handwerkes in einem neuen Kontext.

weiter (Teil 3)


last update 1. 3.2015 / 2. 3.2015

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3 Antworten zu “1. Schreibwerkzeug (Teil 2)

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  2. wohin mein auge auch schaut, ich finde keine versteckten voraussetzungen, anders ausgedrückt, du führst erst einmal dein instrumentarium ein, anschaulich in kleinen schritten, das gefällt mir.
    bis jetzt bin ich guter dinge, dass ich dir werde folgen können 🙂 allmählich näherst du dich dem heissen kern, bin gespannt, ob und wie sich mein bisheriges verständnis von textherstellung verändern wird.

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