1. Schreibwerkzeug (Teil 3)

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Als eigentlicher Schreibhandwerker fungiere ich typischerweise noch, wenn ich von Hand einen Liebesbrief schreibe und dabei sowohl die Adressatin und den Zeitpunkt, aber auch die Farbe des Briefpapiers und sowie die Worte, die ich schreibe, nach bestem Wissen wähle und quasi berufsmässig – was heute professionell heisst – gestalte. Von Hand heisst dabei – nicht ganz selbstverständlich – dass ich beispielsweise einen Füllfederhalter verwende, den ich mit meiner Hand über das Papier führe und eben nicht mit dem Finger Tinte auftrage. Ich bin dann sozusagen Herr über meine Textproduktion, auch wenn ich Papier und Füllfederhalter mit Tinte erworben habe. Um dieses Handwerk auf einem bestimmten Niveau ausführen zu können, musste ich eine entsprechende Lehrzeit durchlaufen und auch danach, quasi als Gesell noch einiges hinzulernen.

Als Handwerker bezeichne ich jemanden, der seinen Körper so im Griff hat, dass er bezüglich der Herstellung seiner Produkte machen kann, was er plant. Das umschliesst, dass ich als Handwerker meine Produkte plane, also auch weiss, wozu ich sie herstelle. Im Falle des Liebesbriefes weiss ich natürlich wenig darüber, wie er von der Adressatin gelesen und interpretiert wird, aber ich habe schreibenderweise den Sinn des Briefes als Plan vor Augen. Und ich stelle meinen Text mit meinem Werkzeug her.

Man mag mir sagen, dass ich nur Wörter aus der Sprache verwenden kann und dass ich in diesem Sinne nicht frei sei. Darin erkenne ich – was Plato schon für jedes Handwerke erkannt hatte – dass ich mich meiner Absicht unterwerfe. Text ist wie jedes Artefakt Gebrauchsbedingungen unterworfen. Philosophen können dann erkennen, das ich eine „Sprache“ verwende, die sie als etwas Soziales bezeichnen. Wenn ich als Handwerker schreibe, ist aber vollständig gleichgültig, was sich Philosophen als Sprache ausdenken und wie gesellschaftlich diese Sprache sein soll. Ich stelle ein Produkt her, das seinen Zweck erfüllen kann, wenn sein Sinn gefragt wird. Wenn ich ein Brücke baue, können die Philosophen mir ihre naturwissenschaftliche Materie zugrunde legen, aber die Brücke baue ich zweckmässig aus Material, gleichgültig, was Physiker dazu sagen.

Die Auflösung des Handwerkes, die ich hier beschreiben will, passiert durch die Entwicklung der Werkzeuge, die einer gesellschaftlichen Entwicklung der Produktionsverhältnisse unterliegt. Ich erkenne aber eine damit verbundene ideologische Differenz, die ich als implizite Lehre der Schule bezeichnet habe. Diese Differenz erscheint zuerst als Philosofie, die sich später als Wissenschaft selbst legitimiert. Die Philosophen fragen nach den Bedingungen der Möglichkeit. Sie fragen sich beispielsweise, weshalb ich einen Brief schreiben kann und welche Voraussetzungen dazu erfüllt sein müssen. Das sind recht eigenartige Fragen, nachdem ich das Briefschreiben bereits praktiziere. Wozu sollte ich über die Bedingungen der Möglichkeit nachdenken?

Eigentliches Handwerk wurde beim Meister gelernt, während ich das Schreiben teilweise in der Schule lernen musste, und dort nur selten Meister erkannt habe. Ein Meister nimmt einen Lehrling, wenn der Lehrling in den Augen des Meisters passt. Als Schullehrer im instututionalisierten Sinn bin ich ein Lohnarbeiter, der Schüler zugewiesen bekommt, von welchen ich annehmen muss, dass ein grosser Teil nicht passen, sondern durch Zwang, der Erziehung genannt wird, angepasst werden. Diese Anpassung, die ich als Schüler und als Lehrer mit Unbehagen erlebte, besteht darin, das Handwerk aus dem Bewusstsein zu verdrängen und stattdessen philosphisch-wissenschaftliche Ideologien einzuüben, die den Menschverstand kränken. Dass die Erfindung der Schule mit dem Ende des Handwerkes zusammenfällt, scheint mir kein Zufall zu sein.

Gemeinhin finde ich unterstellt, dass der sogenannte Buchdruck das Handwerk des Schreibens aufgehoben habe. In dieser Vorstellung hat J. Gutenberg den „Buchdruck“ erfunden. Und noch gemeiner finde ich die Idee, dass J. Gutenberg damit die Wissensgesellschaft ermöglicht habe. J. Gutenberg müsste etwas differenzierter beobachtet eher dafür berühmt sein, dass er in seiner Manufaktur mehrere technische Entwicklungen vereint und so Bücher als eigentliche Waren industriell produziert hat. So weit ich sehe, ist J. Gutenberg eine sagenhafte Figur, ihm eine Wissensgesellschaft zuzuschreiben scheint mir ähnlich sinnvoll, wie B. Gates für die Digitalisierung der Welt verantwortlich zu machen, weil er dem PC zum Durchbruch verholfen habe. J. Gutenberg und sein Buchdruck sehe ich als figürliche Metapher dafür, wie das spezifische Handwerk der Textproduktion aus dem Bewusstsein verdrängt wurde.

Meine erste bewusste Handwerkserfahrung beim Schreiben machte ich – nachdem ich bereits gut schreiben konnte – in einer Legasthenietherapie, wo ich Buchstaben aus farbigem Plastilin herstellen musste. Ich sollte mir auf diese Weise die Gegenständlichkeit der Buchstaben bewusst machen und insbesondere, dass Gegenstände im Raum gedreht werden können, so dass beispielweise aus einem p ein d un ein b wird. Dabei habe ich in einem wörtlichen Sinn mit den Händen begriffen, was Text ist. Ich habe auch erkannt, dass es nicht ganz einfach ist, die Buchstaben handwerklich schön herzustellen.

Wenn ich Plastilin zur Buchstabenherstellung verwende, verwende ich – was nicht im Sinne der Therapie gewesen wäre – sinnigerweise Ausstechformen, wie ich sie für Weihnachtsgebäck verwende. In Ausstechformen ist die Form wie in Schablonen vorgegeben. Die Ausstechform ist ein eigentliches Werkzeug, während die Schablone ihren Werkzeugsinn komplementär erfüllt, etwa mit einem Tuschzeichenwerkzeug zusammen, wie ich es als Maschinenzeichner benutzte. Ausstechformen habe ich in Bezug auf Schreiben bislang gar nicht kennengelernt, aber ich habe als Kind in der sogenannten Buchstabensuppe Teigwaren mit Buchstabenform gegessen, nachdem ich jeweils ein bisschen damit gespielt haben.

Nachdem ich Buchstaben aus Plastilin hergestellt habe, habe ich verstanden, was ich mit einem Bleistift oder mit einenm Füllfederhalter wirklich mache. Ich stelle Gegenstände her, indem ich Material zu Buchstaben forme. Im Bleistift sah ich eine raffinierte Technik, in welcher das Werkzeug das Material, das ich verarbeite gespeichert hat und in der gewünschten Menge freigibt.

Eine Art Inversion zur Ausstechform sehe ich in der Verwendung eines Siegelringes, mit welchem auch ein Muster in einem Textmaterial reproduziert wird und der mir als Stempel nochmals invertiert erscheint. Der Stempel hat in einer elementaren Form als Drucktype, die ich beim Drucken in seiner ursprünglichen Form verwende.

Wenn ich beim Drucken eine Drucktype verwende, trage ich das Textmaterial auf den Drucktypkörper auf, wodurch der jeweilige ein Buchstabe audrucktype1f dem Typ gebildet wird. Danach drucke ich den Buchstaben mittels des Drucktyp auf das Papier. Ich muss dabei drücken, damit der Buchstabe sich mit dem Papier verbindet und sich von der Drucktype löst. Die Druckfarbe muss dazu zunächst auf der Drucktype hinreichend konsistent sein, um einen Buchstaben zu bilden und sie darf an der Drucktype nur so fest haften, dass sie auf das Papier übertragen werden kann.

Als Drucktype (oder Letter) bezeichne ich dabei ein Werkzeug, das das erhabene, spiegelverkehrte Bild eines Schriftzeichens trägt. Ich unterscheide zwei Verwendungsarten. Die eine, die ich als konventionelles Drucken bezeichne, habe ich gerade erläutert. Die andere Verwendung mache ich in der Schreibmaschine, wo die Farbe auf einem Farbband gespeichert ist und mittels der Drucktype auf den Textträger geschlagen wird. Beim Drucken wird der fertige Buchstabe auf Papier gedrückt, während bei der Schreibmaschine der Buchstabe erst auf dem Papier – in einer dem Stanzen analogen Art – hergestellt wird.

Schliesslich gibt es noch eine handwerkliche Form um Buchstaben herzustellen, ich könnte Buchstaben giessen. Dazu brauche ich Giessformen der Buchstaben, die ich mit einem flüssigen Material fülle, das dann fest wird. Mir fällt gerade keine Fall ein, indem so geschrieben wird, aber die Drucktypen wurden ursprünglich so hergestellt. Das entspricht einer Erfindung, die J. Gutenberg zugeschrieben wird.

weiter (Teil 4)


last update 4. 3.2015 / 7. 3.2015

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8 Antworten zu “1. Schreibwerkzeug (Teil 3)

  1. Pingback: 1. Schreibwerkzeug (Teil 2) | Schrift-Sprache

  2. http://zurich.fablab.ch/
    diese bewegung scheint mir an einigen der oben erwähnten merkmale anzusetzen
    – freiwillig initiiert (im gegensatz zur schule)
    – der herstellung von etwas, das anschl. unmittelbar tatsächlich benutzt werden kann
    – ein begreifen durch greifen, anordnen, formen von material

    allerdings ist bei high tech produkten bereits bei deren herstellung vieles nicht mehr sichtbar, eigentlich das wesentliche ….

    und doch stellen diese aktivitäten für mich einen schritt dar, sowohl das Was wie auch das Wie von produktiver arbeit zurück zu erobern

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    • interessantes Projekt, danke für den Tipp. Ich habe noch nicht so recht gesehen, worum es den Leuten geht. Deine „Merkmale“ leuchten mir ein, hast Du das auf der Homepage von fablab ge-funden? oder selbst er-funden?
      Und ja high tech ist natürlich auch für mich das Thema, das sichtbar werden muss

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  3. den leuten (es ist ja eine verzweigte bewegung) geht es m.m. u.a. eben um die merkmale im ersten abschnitt. er-funden hatte ich diese qualitäten schon lange (ich bin Gestaltungstherapeutin, da steckt es schon drin, ausserdem habe ich soziales zu einer zeit studiert, als linke Politökonomie auf dem plan stand und daran schlossen sich dann die erfahrungen mit produkten an, die mutwillig zum nicht mehr reparieren (selbst oder lassen können) und wegwerfen auf den markt geworfen werden.
    das auftauchen des 3D-druckers hat dann dem ganzen den letzten kick gegeben.
    so war es ein wieder-erkennen 😉

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  4. und ich dachte, ich hätte eigentlich lediglich eine teil deines textes aufgegriffen und (leicht interpretiert und erweitert) zusammengefasst 😉

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  5. ja, ich erkenne in Deinen Formulierungen auch das, was ich mit anderen Worten AUCH sage. Hier hätte mich eben interessiert, ob es „nur“ Deine Worte sind, oder ob die Leute von Fablab diese Worte AUCH verwenden.

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  6. Pingback: 1. Schreibwerkzeug (Teil 4) | Schrift-Sprache

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