1. Schreibwerkzeug (Teil 4)

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Als historische Geschichte, hat die Geschichte, die ich erzähle, hat eine dunkle Vorzeit, in welcher das Schreiben entstanden ist oder erfunden wurde. Als evolutionäre Geschichte dagegen erzähle ich die Geschichte anhand von Ereignissen, die sich logisch oder genetisch folgen, wobei weder Datierungen noch Ursachen, sondern nur Ausdifferenzierungen von Interesse sind. Ich beobachte hier, wie das Handwerk des Schreibens zerlegt und in Maschinen aufgehoben wurde. Am Anfang dieser Entwicklung steht das Handwerk mit einfachen Werkzeugen, während ich im aktuell entwickelsten Zustand dieser Technik den vorliegenden Text im Internet schreibe.

Die Auflösung des Handwerkes betrifft nicht nur das Schreiben, sondern alle Bereiche der Technik. Die konventionelle Geschichtsschreibung tabuisiert diesen Prozess durch die Erfindung einer Renaissance. Im Ausdruck Renaissance finde ich gut festgehalten, dass es keine plausible Erklärung dafür gibt, wie und warum im 15. Jahrhundert kapitalistische Gesellschaften entstanden sind, die die Technik industriell zu nutzen angefangen haben. Wiedergeburt verschiebt das Problem in eine Zeit, von der ich noch viel weniger wissen kann, weil sie noch weiter zurückliegt. Ich kann allerdings ohne weiteres damit leben, nicht zu wissen, warum die industrielle Organisation der Produktion im 15. Jahrhundert begonnen hat. Ich habe ja auch keine Ahnung davon, wann und warum das Schreiben erfunden wurde oder warum es Menschen auf der Erde gibt. Ich lese die Gutenberg-Saga als narative Entwicklungsgeschichte, in welcher Figuren diasynchron Ereignisse durchlaufen, wodurch die Ereignisse in einem sinnstiftenden Zusammenhang gestellt werden. Ich mache mir damit auch bewusst, dass die beobachteten Ereignisse nicht per se verbunden sind, sondern dass ich sie vielmehr erst im Prozess einer – zurückblickenden – Rekonstruktion so verbinde, dass ich mich in meinem aktuelle Erleben orientieren kann.

In der konventionellen Geschichtsschreibung der letzten zweihundert Jahre, insbesondere seit die Ideologie der Renaissance Verbreitung gefunden hat, wird dem Buchdruck viel Bedeutung zugemessen. Es wird dabei sehr gerne übersehen, dass der Buchdruck eine technische Entwicklung darstellt, die auf dem Wissen aus Büchern, die von Hand vervielfältigt wurden, beruht. Der Buchdruck ist viel mehr ein Folge der technischen Entwicklung als dessen Voraussetzung.

Bücher und Zeitungen werden von wenigen geschrieben und allenfalls von vielen nur gelesen. Der Buchdruck ist in diesem Sinne ein Mittel einer sehr spezifischen, durch Massenmedien organisierten Demokratie, die ich mit viel Unbehagen erlebe. Immerhin scheint die Zeit der Vervielfältigung auf Papier allmählich zu Ende zu gehen. Die Zeitungen sind im Prinzip schon tot. Und aus Büchern sind e-books geworden.

“Buchdruck” als effiziente Vervielfältigung von Text auf Papier, was in Form von Bücher und Zeitungen passierte, ist nur eine Funktion des Druckens. Eine andere mittlerweile wichtigere Funktion ist der Mediumswechsel, wenn etwa ein Bild auf ein T-Shirt oder ein Schriftzug auf eine Autotüre gedruckt wird, insbesondere aber wenn Text oder Bilder aus einem Computer auf Papier (aus)gedruckt werden.

Am Anfang dieser Entwicklung steht die Schreibmaschine. Wenn ich mit der Schreibmaschine – die ohne Motor gar keine richtige Maschine ist – schreibe, stelle ich die Buchstaben auch mit Drucktypen her. Bei der Schreibmaschine verwende ich die Drucktypen viel flexibler als beim Bleisatz-Verfahren, das J. Gutenberg eingeführt hat. Im Bleisatz muss ich von den einezelnen Buchstaben schreibmaschine1eine grössere Menge von Typen haben, weil ich sie für das Drucken von Texten gleichzeitig brauche. Ich muss die Typen setzen, bevor ich die Buchstaben herstelle. Bei der Schreibmaschine verwende ich die Drucktypen genau dann, wenn ich die Buchstaben herstelle. Deshalb brauche ich für jeden Buchstaben nur eine Drucktype.

Das eigentliche Schreiben wird durch die Schreibmaschine mechanisiert, während der Bleisatz-Druck nur die Vervielfältigung von einzelnen Seiten mechanisiert hat. Beim ursprünglichen Setzen von Hand muss ich die Drucktypen in die Hand nehmen, um sie in einen Rahmen zu setzen. In einem separaten Arbeitsgang presse ich den den Rahmen, also alle Drucktypen gleichzeitig auf das Papier. Bei der Schreibmaschine bewege ich die Drucktypen, die fest in der Maschine montiert sind, je einzeln während ich schreibe. Ich „drucke“ mit den Drucktypen, indem ich eine entsprechend gekennzeichnete Taste drücke. Bei den „mechanischen“ Schreibmaschinen benutze ich dabei meine eigene Kraft, um die Buchstaben herzustellen. Genau so wie ich den Bleistift auch mit meiner eigenen Kraft bewege.

Die Schreibmaschine entlastet mich, weil ich nicht mehr auf meine Schrift achten muss. Alle Buchstaben sehen immer gleich gut aus und sind perfekt auf einer Linie, was ich in Handschrift nur unter grösster Konzentration halbwegs hinbringe. In der Patentschrift von H. Mill (1714) wird eine Maschine eschrieben, die „Buchstaben fortschreitend einen nach dem anderen wie beim Schreiben zu drucken, und zwar so klar und genau, dass man sie vom Buchstabendruck nicht unterscheiden kann.“ Und damit verbunden kann ich mit der Maschine viel schneller schreiben.

Wenn ich mit der Schreibmaschine schreibe, muss ich die einzelnen Buchstaben nicht mehr von Hand formen. Ich stelle dann Buchstaben her, indem ich eine ganz andere Handlung ausführe. Ich drücke eine Taste, was einen Prozess auslöst, dessen Resultat die Herstellung des Buchstabens ist. Der Mechanismus zwischen der Taste und dem eigentlichen Herstellen des Buchstabens kann technisch weiterentwickelt werden, ohne dass das Prinzip der Tastatur und des Druckens des Textes wesentlich verändert werden. Die Weiterentwicklung betriff des Mechanismus. In der elektrischen Schreibmaschine wird die Drucktype mit elektrischer Energie bewegt, so dass ich die Taste nur noch leicht berühren muss. Das macht mich schneller und das Schriftbild gleichmässiger, weil jede Taste mir der gleichen Kraft bewegt wird.

Für die von mir beobachtete Entwicklung ist viel wichtiger, dass dabei das Schreiben in zwei Teile zerlegt wird, was beim Fernschreiber noch deutlicher sichtbar wird, weil dort das Drucken an einem ganz anderen Ort passiert. Das Schreiben zerfällt in ein Tippen und ein Drucken. Das Drucken ersetzt die Arbeit, die davor in der Druckerei von einem Schriftsetzer und einem Drucker ausgeführt wurde. Beide waren an der Textproduktion beteiligt, ohne dass sie geschrieben haben. In der tayloristischen Betriebswissenschaft wurde das als Trennung von Kopf- und Handarbeit bezeichnet. Die vermeintlich Schreibenden, beispielsweise Redakteure von Zeitungen, haben auf dieser Sufe der Entwicklung zwar wirklich geschrieben, aber sie schrieben Manuskripte, die nie gelesen, sondern von Schriftsetzern kompiliert wurden. Darin sehe ich einen Grund für die Vorstellung, dass das Schreiben etwas Geistiges sei und nicht mit dem Herstellen von materillen Buchstaben zu tun habe.

Ich finde die Differenz entscheidend. Wenn ich als Redakteur – womöglich von Hand – ein Manuskipt schreibe, stelle ich Buchstaben her. Dass der Text später in einem weiteren Arbeitsgang – wie im klösterlichen Skritorium – von einem Team aus Schriftsetzer und Drucker nochmals hergestellt wird, ist eine eigentümliche Arbeitsteilung, die aber das physische Herstellen von Buchstaben des Redakteurs nicht betrifft. Wenn ich aber mit der elektrischen Fernschreibe-Schreibmaschine schreibe, wird mein Text nicht an einem anderen Ort nochmals geschrieben. Ich stelle die Buchstaben durch mein Schreiben mittels der Maschine her.

Diese Differenz hat logischerweise auch eine sprachliche Ebene, die ich später noch ausführlicher beobachte. Es geht darum, dass in einer bestimmten Auffassung Maschinen arbeiten. Ich verwende den Ausdruck Arbeit für eine tauschwertorientierte Tätigkeit, was in der aktuellen Gesellschaft als bezahlte Produktion von Waren erscheint, aber immer ein Tauschverhältnis unterstellt. Da ich mit einer Maschine nichts tausche, kann sie in meiner Auffassung nicht arbeiten. Ich benutze Maschinen wie Werkzeuge beim Arbeiten. Wenn ich sage, dass ein Drucker demzufolge nicht arbeitet, meine ich natürlich mit Drucker die Maschine, nicht ein Mensch, der diese Maschine benutzt. Und wenn ich sage, dass der Drucker nichts, also keine Buchstaben oder Texte ausdruckt, meine ich wieder die Maschine. Ich drucke Texte aus und verwende dabei ein Maschine.

weiter zu Teil 5


last update 7. 3.2015 / 8.3.2015/ 10.3.2015

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11 Antworten zu “1. Schreibwerkzeug (Teil 4)

  1. Pingback: 1. Schreibwerkzeug (Teil 3) | Schrift-Sprache

  2. die sätze 1 + 2 verstehe ich so
    – es geht dir bei deinem erzählen nicht um datierungen
    – und auch nicht um ursache-wirkungszusammenhänge
    – du möchtest unterschiede heraus arbeiten
    – und dies in zeitlicher abfolge

    dieses vorgehen entspricht in seiner gesamtheit weder einem
    a) „klassischen“ geschichtsverständnis (was soll das genau sein oder warum hast du es überhaupt erwähnt->satz 1)
    noch
    b) einem evolutionstheoretischen ansatz (sondern nur in bezug auf?)

    ??

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    • hmmm .. ist wohl nicht so klar formuliert. Ich mein(t)e kein „klassisches“ Geschichtsverständnis, sondern das gewöhnliche Verständnis, in welcher die Geschichte der Reihe nach erzählt wird und deshalb einen Anfang braucht, der irgendwie beim Urknall liegt.
      Und ich meinte, dass ich evolutionstheoretisch argumentiere, also vom Jetzt zurück, so dass der Anfang eben JETZT ist – Im Jetzt mache ich die Unterscheidungen!
      Na ich werd dann denn Text nomals anschauen, danke

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  3. „Es wird dabei sehr gerne übersehen, dass der Buchdruck eine technische Entwicklung darstellt, die auf dem Wissen aus Büchern, die von Hand vervielfältigt wurden, beruht.“…

    – ich teile deinen von mir vermuteten eindruck, dass das erscheinen z.b. des Buchdruckes oftmals wie eine art zauberei dargestellt wird
    – ich übersetze für mich, dass das wissen als mosaiksteinchen bereits vorhanden war, bevor es dann zum vervielfältigen durch drucken montiert wurde
    – der satz legt nahe, dass die tatsache, dass dieses „teilwissen“ auch schon vervielfältigt worden war (wenn auch von hand) wichtig für die weitere entwicklung war (?) –

    ….“Der Buchdruck ist viel mehr ein Resultat der technischen Entwicklung als dessen Ursache.“

    – nanu: hier kommst du dennoch auf „ursache-resultat“ zu sprechen

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  4. Pingback: 1. Schreibwerkzeug (Teil 5) | Schrift-Sprache

  5. „Ich mache mir damit auch bewusst, dass die beobachteten Ereignisse nicht per se verbunden sind, sondern dass ich sie vielmehr erst im Prozess einer – zurückblickenden – Rekonstruktion so verbinde, dass ich mich in meinem aktuelle Erleben orientieren kann.“
    weiss nicht ob das im gesamt-kontext wichtig ist, aber
    – den hauptteil des satzes kann ich unterstützen
    – beim „s o verbinde, dass ich mich in meinem aktuelle Erleben orientieren kann.“ kommen fragen auf. 1. brauche ich für mein aktuelles erleben diese art von orientierung ? 2. wenn ja, für was, und wie wirkt sich das auf die art der rekonstruktionen aus ?

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  6. „Wenn ich mit der Schreibmaschine schreibe, muss ich die einzelnen Buchstaben nicht mehr von Hand formen. Ich stelle dann Buchstaben her, indem ich eine ganz andere Handlung ausführe. Ich drücke eine Taste, was einen Prozess auslöst, dessen Resultat die Herstellung des Buchstabens ist.“
    cool, das so gegenüber zu stellen 🙂

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  7. „[..] die Vorstellung, dass das Schreiben etwas Geistiges sei und nicht mit dem Herstellen von materillen Buchstaben zu tun habe.“

    hmm, das erscheint mir als einer deiner hauptstränge…
    und ich fühle, dass ich infiziert, aber noch im stadium der inkubation mit unspezifischen krankheitszeichen bin.. 😉

    denke: müsste das nicht so heissen: dass das Schreiben etwas Geistiges ist, dass sich in und mit dem Herstellen von materillen Buchstaben offenbart, vollzieht.
    Wäre dann nicht alles gut ?

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