1. Schreibwerkzeug (Teil 5)

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Beim Schreiben sehe ich oft recht unmittelbar, dass ich es nicht so habe schreiben wollen, wie ich es geschrieben habe. Wenn ich mit einem Bleistift schreibe, hilft der Radiergummi wenigstens in bestimmten Fällen. Wenn ich mit der Schreibmaschine schreibe wird das nachträgliche verändern des Textes relativ kompliziert bis unmöglich. Zwar gibt es Tipex, bei teureren Schreibmaschinen sogar eingebaut, aber das hilft mir nur bei einzelnen Vertippern, die ich rasch erkenne. Wenn ich merke, dass ich den ganzen Satz lieber anders geschrieben hätte, bin ich auf eine spezielle Art verloren.

Wenn das Tippen und das Ausdrucken getrennt sind, habe ich in bestimmten Fällen die Möglichkeit, das Getippte zu korrigieren, bevor es ausgedruckt wird. Bei Massenmedien gibt es ein sogenanntes Lektorat und ein „Gut zum Druck“ bevor der Text massenweise gedruckt wird. Beim Fernschreiber gab es eine Variante, in welcher Lochkarten geschrieben wurden, weil so der Fernschreiber in einer optimalen Geschwindigkeit übertragen konnte. Die Lochkarten sind zwar materielle Texte wie die Manuskripte, aber sie sind nicht die „gemeinten“ Texte, sondern nur eine Art Zwischenform, die dann allerdings nicht mehr von einem Schriftsetzer nochmals abgeschrieben werden müssen.

Wenn ich beim Tippen Lochkarten herstelle und die Lochkarten dann zur lochkartenmaschine2Steuerung eines Druckers verwendet werden, erzeuge ich den Text in zwei verschiedenen materiellen Formen. Dasselbe mache ich mit einzelnen Buchstaben, wenn ich beispielsweise Drucktypen oder Schablonen herstelle. Wenn ich eine Druckplatte, etwa in der Form eines mit Drucktypen gefüllten Rahmens herstelle, erzeuge ich auch einen Text, mit welchem ich dann den beabsichtigten Text herstelle.

Das Handwerk wurde in der betrieblichen Arbeitsteilung so zerlegt, dass die Herstellung in einen Planung und eine Herstellung zerlegt wurde. Im Maschinenbau beispielsweise wird eine Konstruktionszeichnung hergestellt, bevor die gezeichnete Maschine dann von anderen Arbeitern wirklich hergestellt wird. Handwerker, die etwas komplizierte Produkte herstellen, haben schon vor der Arbeitsteilung dann und wann Zeichnungen gemacht. Aber sie haben die Zeichnungen für sich selbst gemacht, und dann das Artefakt auch selbst hergestellt. In der Arbeitsteilung wird hauptsächlich das Planen und das Ausführen von verschiedenen Menschen gemacht.

Wenn ich eine Konstruktionszeichnung mache, mache ich in einem sehr metaphorischen Sinn eine Maschine, obwohl die Umgangssprache auch hier allerlei Verwirrungen enthält. Der Ingenieur sagt etwa, dass er eine Maschine konstruiert oder entwickelt oder gebaut habe. Und B. Brecht hat das mit der Frage des lesenden Arbeiters auf den Punkt gebracht: „Wer baute das siebentorige Theben?“ Haben die Stadtplaner die Felsbrocken herbeigeschleppt? Wenn ich als Redakteur ein Manuskript schreibe, muss ein anderer Mensch Hand anlegen, damit der Text gemeinte entsteht. Wenn ich dagegen mit einer entwickelteren Maschine Lochkarten schreibe, muss kein anderer Mensch den gemeinten Text herstellen.

Ökonomisch unterscheide ich – C. Babbage in seinem Buch „Über die Ökonomie von Maschinerie und Manufaktur“ vorgeschlagen hat – zwei ganz verschiedene Entwicklungen des Handwerkes. Die eine widerspiegelt sich in der Maschine und die andere in der Manufaktur. In beiden Fällen analysiere ich die Handlung des Handwerkers und unterscheide dabei verschiedene Operationen. Als Operation bezeichne ich dabei konstruktiv beschreibbare Aspekte von Handlungen, die ich im Prinzip maschinell ausführen kann. Wenn ich eine entsprechende Maschine herstelle, ist die Operation Element von deren Funktionsweise. Wenn ich keine entsprechende Maschine habe, kann ich die verschiedenen Operationen von verschiedenen Menschen ausführen lassen, was ich als Manufakturprinzip oder als betriebliche Arbeitsteilung bezeichne.

In der Maschine wird das Handwerk nicht zerlegt, sondern spezifisch aufgehoben. Wenn ich mit einer entsprechenden Maschine einen Text schreibe, stelle ich den Text wie beim Schreiben mit einem Bleistift selbst her, es sind keine anderen Menschen involviert. Wenn ein Textwerkzeug hinreichend kompliziert ist, kann ich aber nach dessen Funktionsweise fragen und so die Operationen erkennen, die zuvor implizit im Handwerk steckten. Bei einfachen Werkzeugen wie etwa einem Bleistift, macht die Frage nach der Funktionsweise keinen Sinn, weil sie ihre Funktion nur in den Händen eines Menschen erfüllen, der natürlich nicht konstruiert wurde, sondern ein Lebewesen ist.

Wenn ich die Tastatur einer Lochkartenmaschine betätige, veranlasse ich, dass ein Loch an einem bestimmten Ort in eine Karte geschlagen wird. Analog zur elektrischen Schreibmaschine wird dabei ein Teil des Mechanismus mit eletrischer Energie angetrieben, um einen Zeichenkörper herzustellen. Wenn ich diesen Prozess unter dem Gesichtspunkt des Schreibens beobachte, stelle ich einen Text her, bei welchem die Lochkarte als Text fungiert. Bei der Lochkarte sind Text und Textträger noch nicht verschieden. Ich forme Kartonkarten, das ist wie wenn ich mit dem Finger in den Sand, oder mit dem Meissel in einen Stein schreibe.

Wenn ich nach der Funktionsweise frage, frage ich, was innerhalb der Maschine passiert, also nicht, was ich mit der Maschine mache. Der Witz vieler Maschinen besteht darin, dass ich nicht wissen muss, wie sie funktionieren, wenn ich sie brauchen will. Ich kann Autofahren, ohne den Motor zu verstehen. Hier will ich aber die Maschine verstehen, um besser zu verstehen, was ich mache, wenn ich – handwerklich – schreibe. Diese Art der Analyse bezeichne ich als Kybernetik oder als Systemtheorie. Der konstruierte Mechanismus repräsentiert mein Begreifen. Was ich als Mensch beim Schreiben mache, mache ich mir systemtheoretisch in Form von Mechanismen, die ich dann als Systeme bezeichne, bewusst.

Im Mechanismus der Fernmeldeschreibmaschine dient die Lochkarte als eine Art Zwischenspeicher, der vom Benutzer des Gerätes weder gesehen noch verstanden werden muss, sondern einfach zur Konstrution des Mechanismuses gehört. Wenn ich aber die einzelnen Operationen beobachte, erkenne ich die Herstellung dieser Karten. Ich kann mich dann fragen, wie oder inwiefern der Text auf diesen Karten gespeichert ist. Und ich kann dann erkennen, dass die Karten Texte sind. Ich kann die Karten lesen, wenn ich weiss, wie ich sie lesen muss.

Wenn ich die Karten neben den in Buchstaben aus Tinte ausgedruckten Text lege, habe ich eine Art Stein von Rosette, auf welchem der gleiche Text in verschiedenen Schriften eingemeisselt ist. Der Stein von Rosette hilft mir beim Entziffern von Hieroglyphen, weil ich rekonstruieren kann, welche Zeichen für welche anderen Zeichen stehen. Dieses Verfahren könnte ich auch auf Lochkarten anwenden, wenn ich nicht schon wüsste, welche Zeichen auf der Lochkarte wie dargestellt sind.

Die ersten Lochkarten dienten der Steuerung des Webstuhles von Joseph-Marielochkarte_hollerith_detail Jacquard. Berühmt sind die Lochkarten, die Hermann Hollerith 1890 für die amerikanische Volkzählung verwendet hat. Diese hatten die Grösse von Dollarnoten, weil die Banken schon damals genügend Ablagekästen dafür liefern konnten. Hier interssiert mehr, dass auf den Karten Text aufgedruckt war, der die Bedeutung der jeweiligen Lochpositionen erläuterte. Die Lochpositionen für die jeweilige Rassenzugehörigkeit war durch schematische Bildchen gekennzeichnet. Auch die in der Computerbranche gängigen Lochkarten waren bedruckt, sozusagen Texte die Textträger für andere Texte waren.

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last update 10.3.2015 / 11.3.2015 / 12.3.2015

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10 Antworten zu “1. Schreibwerkzeug (Teil 5)

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  3. „Wenn ich nach der Funktionsweise frage, frage ich, was innerhalb der Maschine passiert, also nicht, was ich mit der Maschine mache“

    “ [..] mache ich mir systemtheoretisch in Form von Mechanismen, die ich dann als Systeme bezeichne, bewusst.“

    ich versuche einmal mich mit meinem alltagsdenken dem vorangestellten zu nähern.
    zunächst frage ich mich selbst, was für mich ein Mechanismus ist. spontane antwort: ein mechanismus ist ein hergang von ereignissen, die nach immer gleichen regeln ablaufen. dabei spielt die zeit eine wichtige rolle. bei gleichen anfangsbedingungen und gleichen beobachtungszeitpunkten kommt also das gleiche heraus.
    die anordnung in dem video ist für mich ein mechanismus.

    aber ein system ?? damit verbinde ich mehr, es müsste noch etwas dazu kommen. mir fällt der begriff prozess ein. ein geregelter prozess, bei dem ich mehr als nur einen ausgangsstatus und einen endstatus beobachten kann.

    den Bernoulli Effekt als system zu denken fällt mir auch deshalb schwer, weil dabei immer neue energie zugeführt werden muss.

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  4. hmmm .. aktiv lesen heisst für mich zuerst und zu vorderst, dass ich mir meine eigenen Begriffe bewusst mache und mit dem gelesenen Text vergleiche, also genau das, was Du hier vorführst. Dabei merke ich, was ich wie verstehe resp. was ich durch meine mitgebrachten Begriffe verstehe.
    Dann beobachte ich Differenzen. Hier erkenne ich eine Differenz in Bezug auf Mechanismus und Maschine. Als Maschine bezeichne ich ein hergestelltes konstruiertes materielles DING (wie im Video). Wenn ich die Funktionsweise dieser Maschine beschreibe, beschreibe ich – im Beispiel – nicht dass die Gläser aus Glas sind und welche Form sie haben. Ich beschreibe den Prozess der Maschine. Dann spreche ich nicht von „Maschine“ sondern von Mechanismus. Das heisst, dass ich den Ausdruck Mechanismus für eine Abstraktion verwende, in welcher mich nur die Funktionsweise der Maschine interessiert. Aber es ist die Funktionsweise einer Maschine, nicht irgend etwas Geistiges.
    Und als System – im Sinne der Kybernetik – bezeichne ich den Mechanismus genau dann, wenn ich ihn als Erklärung verwende.

    Da ich einen grossen Teil meiner Schulbildung abgelegt habe, denke ich NIE physikalisch und NIE mit physikalischen Beispielen, sondern immer konkret, also mit konkreten Maschinen. Das ist auch mein Anliegen hier in Bezug auf das Schreiben. Bleistift und Schreibmaschine sind konkret. Papier und Tinte sind konkret. Ich beobachte, was ich sehen und herstellen kann. Ich verwende zwar abstrakte Begriffe, aber immer Abstraktionen von konkreten Gegenständen.

    Im Text geht es mir darum, den Prozess der Schreibmaschine zu verstehen, weil ich damit verstehe, was ich ohne Schreibmaschine selber machen muss.
    Eine Alternative zu dieser Kybernetik sehe ich in der Schulphysik, wo es freischwebende Gesetze gibt, die das Denken bestimmen sollen. Darin erkenne ich die Bemühung, Maschinen zu tabuisieren und zu verdrängen. Es ist eine andere Art zu denken, die mir in der Schule aufgezwungen wurde und die ich mit viel Aufwand wieder abgelegt habe.

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    • danke für deine ausführliche antwort, Rolf 🙂

      –> Maschine/Mechanismus im Video
      hinaus wollte ich mit dem video auf „Mechanismus“, denn man sieht ja nicht nur das „ding“, sondern das ding in aktion, also wie es funktioniert, ohne verblendungen, elektronik etc. dort ganz klar.

      –> System/Mechanismus
      „Und als System – im Sinne der Kybernetik – bezeichne ich den Mechanismus genau dann, wenn ich ihn als Erklärung verwende.“

      – ein Mechanismus ist eine abstraktion
      – ermöglicht wird er einerseits durch eine bestimmte anordnung von dingen, die zu einer maschine werden und andererseits einem sprachlichen erfassen dessen, was ich an funktionen dieser maschine beobachten kann
      – „System im Sinne der Kybernetik“ ?? einen mechanismus als erklärung verwenden……bisher kein widerhall in meinem bisherigen sprachschatz 😉

      –> konkret/physikalisch
      also hier gemeint konkret, anstatt anhand von freischwebenden gesetzen. das versuche ich auch. meine beispiele sind zwar aus der physik, aber die gesetze für mich hier ohne belang.

      –> Maschinen tabuisieren
      dazu bräuchte ich noch weitere erläuterungen

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      • hmmm… ja jetzt scheints kompliziert. Also mach ich es noch komplizierter mit einem weiteren Ausdruck: Blackbox. Ein Blackbox zeigt ein Verhalten. Ich kann aber nicht sehen, wie es zustande kommt. Ich frage mich dann, was in der Blackbox sein könnte, das wäre eine Erklärung für das Verhalten.
        Dann beschreibe ich einen Mechanismus also eine Maschine, die in der Blackbox sein könnte und das Verhalten erklären könnte. Und diesen Mechanismus bezeichne ich als System, weil ich ihn zum Erklären verwende.
        Ingenieure konstruieren ihre Mechanismen nicht zum Erklären, sondern zum Verwenden. Sie konstruieren beispielsweise eine geregelte Heizung. Damit ich heizen kann.
        Wenn ich mich frage, wie ich die Temperatur konstant halte, dann suche ich eine Erklärung und dann kann ich das mit dem Mechanismus der Heizung erklären.
        Aber als Erklärung kommt – in meiner Kybernetik – nur eine Maschine in Frage, nicht irgendetwas Geistiges
        Das ist der Grund dafür, dass ich das Schreiben konkret und materiell beobachte 🙂

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  5. „Ingenieure konstruieren ihre Mechanismen nicht zum Erklären, sondern zum Verwenden. Sie konstruieren beispielsweise eine geregelte Heizung. Damit ich heizen kann.“

    – das hatte ich erfasst

    –> das beobachten des schreibens auf „konkrete und materielle“ art ist mir nah und bedarf (zumindest um für mich einen zugang herstellen zu können) überhaupt keiner begründung. w i e du das dann begründest, also mit dem begriffen System und Erklärung, ist für mich dann nicht nachvollziehbar. ich brauche sie ganz einfach (noch?) nicht.

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  6. ja, meine Begründungen sind solche nur für mich. Ich stelle sie aufs Buffett und wer mag nimmt davon und wer lieber anderes mag, nimmt anderes.
    Jenseits davon sind es für mich nicht so sehr Begründungen als eher Kon-Texte, die ich auch schreibe und die für mich eben „Kon“ sind.

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