Vorwort zum Vorwort

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Wenn es Zufälle gibt, ist mir das Buch „Die Arbeit im modernen Produktionsprozess“ von H. Braverman aktuell wieder zugefallen. Es gehört zu meinen Lieblingsbüchern, ich lese es sehr gerne wieder. Lesen ist eine eigenartige Tätigkeit, sie scheint im Kopf oder hinter den Augen zu passieren. Vor den Augen habe ich den Text. Beim Lesen frage ich mich, ob ich das, was ich lese, auch schreiben würde. Diese Art zu lesen bezeichne ich als aktives Lesen, ich lerne dabei mich kennen. Denn ich weiss, was ich mit dem Text meine, während ich nur interpretieren könnte, was H. Braverman damit meint.

Ich frage mich nicht, ob ich das, was ich lese, auch geschrieben hätte, bevor ich es gelesen habe. Ich frage mich, ob mir die Formulierungen, ob sie mir neu erscheinen oder nicht, aktuell zu mir passen. Ich frage mich, unter welchen Bedingungen ich die Formulierungen auch verwenden würde.

Lesen, soweit es hinter meinen Augen geschieht, bezeichne ich als mentale Produktion von Vorstellungen. Mentale Produktionen sind relativ flüchtig, die wichtigste Funktion meines Gedächtnis sehe ich im Vergessen, von allem was ich nicht brauchen kann. Was ich nicht vergessen will, schreibe ich auf und lege es so in ein „externes Gedächtnis„. Meine Agenda zeigt mir, wie wenig ich ohne es aufzuschreiben zu erinnern vermag. Und mein Kopfrechnen zeigt mir, dass ich ohne schreiben nicht weit komme.

Wenn ich im Buch von H. Braverman lese, beschäftige ich mich mit der Aufhebung des Handwerks durch die industrielle Produktion. Beim ersten Lesen habe ich mir zusammenfassende Notizen gemacht. Jetzt habe ich beschlossen, mich mit dem Thema eingehender zu befassen. sxxchuhmacherDazu schreibe ich ein eigenes Beispiel zum Text des Buches, den ich mir so durch eine Art durch Selbstschreiben aneigne.

Im Buch von H. Braverman wird das Handwerk allgemein behandelt. Es ist nicht von einem konkreten Handwerk die Rede. Ich versuche deshalb die Beobachtungen an einem konkreten Beispiel zu machen – und was sich mir als Handwerk aufdrängt, das ich selbst kenne und von welchem ich auch dessen Aufhebung in der Mechanisierung und Automatisierung gut nachvollziehen kann, das ist das Schreiben.

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last update: 9. 3.2015

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9 Antworten zu “Vorwort zum Vorwort

  1. zur aufllösung des handwerks in der renaissance und den aufstieg der wissenschaft als systematisierte trennung von hand- und kopfarbeit siehe auch alfred sohn-rethel

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    • ja, Alfred Sohn-Rethel ist ein guter Hinweis, er schreibt sozusagen das Gegenteil von dem was ich schreibe 😉

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      • können Sie kurz sagen, worin Sie diesen gegensatz sehen?

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        • nein, kurz wäre zu kurz, aber sehr oberflächlich: A. Sohn-Rethel hat nie handwerklich gearbeitet. Bei ihm ist das Handwerk nur die Kehrseite einer von ihm erfundenen Kopfarbeit – in den 68er, als er damit berühmt wurde, haben sich dann viele „Kopfarbeiter“ als Arbeiter verstanden, die mit dem Kopf arbeiten …
          Ich beobachte dagegen das Handwerk

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          • meines wissens stellt SR dem handwerker der renaissance, der noch die einheit von kunst, technik und handwerk ver-körperte, den produktionsprozess der moderne gegenüber, der in kapitalbesitzer, lohnarbeiter und wissenschaftlichen Kopfarbeiter auseinanderfällt.

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            • ja, so lese ich A. Sohn-Rethel auch. Aber ich lese bei ihm nichts über die damit verbundenen KÖRPERLICHEN Tätigkeiten und entsprechend eigenartige Vorstellungen über die Kopfarbeit. Ich habe sein Buch aber vor 30 Jahren gelesen und spreche deshalb eigentlich nur über meine Erinnerung. Ich werde mich gelegentlich wieder einmal etwas umsehen

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  2. wenn man sagt: „der schriftsteller x schreibt ein buch“, dann ist aber nicht mehr von einem handwerk die rede.

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  3. Pingback: Vorwort | Schrift-Sprache

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