2. Schrift (Teil 2)

Schrift (Teil 1) <- 2. Schrift (Teil 2) -> Schrift (Teil 3)


In der Zeichnung sehe ich den naturwüchsigen Fall des Zeichens, gerade weil ich Zeichnungen gar nicht als Zeichen sehen muss.  Ich erkenne ohne Erziehung und ohne Vereinbarung – quasi natürlich – , dass Zeichnungen hergestellt sind und ich sehe, was dabei gezeichnet wurde. Ich kann natürlich ausgetrickts werden. Wenn ein Kuh von oben oder von unten statt im Aufriss gezeichnet wird, kann ich die Zeichnung nicht ohne weiteres zuordnen, weil ich Kühe selten von oben oder von unten sehe. Und viele Zeichnungen passen zu verschiedenen Sachen, die eben dieselbe Form haben. Die Zeichnung eines Gugelhupfs lässt mich nicht erkennen, ob ein Kuchen aus Teig oder eine Kuchenform aus Metall dargestellt ist, was sich aber auhoehlenmalereich durch keine Erziehung korrigieren lässt.

In einer speziellen Beobachtung unterscheide ich Zeichen von Anzeichen. Zeichen und Anzeichen interpretiere ich als Verweis auf etwas anderes. Anzeichen sind aber nicht dafür gemacht worden. Westwind bringt oft Wolken und Wolken bringen oft Regen, deshalb nehme ich Westwind als Anzeichen für Regen. Dass ich Anzeichen wahrnehme, begreife ich als Ergebnis der naturgeschichtlichen Entwicklung des Menschen. Zeichen dagegen sehe ich als Ergebnis der sozialhistorischen Entwicklung, in welcher sich im evolutionären Sinn nicht mehr der Mensch, sondern dessen spezifische Aneignung entwickelt. Zeichnungen markieren eine Art Übergangsfeld, sie sind Artefakte, aber als Zeichen in dem Sinne primitiv, dass sie nicht wie Anzeichen auf etwas verweisen, das sie selbst nicht zeigen. Rauch etwa sehe ich als Anzeichen für Feuer. Rauch sieht ganz anders aus als Feuer. Die Zeichnung einer Kuh verweist zunächst auf eben diese Kuh, die so aussieht wie die gezeichnete Kuh.

Zeichnungen helfen mir nicht nur – oder sogar nicht vor allem – beim Erinnern. Das Herstellen von Zeichnungen hilft mir beim Planen. Mit Konstruktionszeichnungen mache ich mir Zusammenhänge bewusst, die ich ohne Zeichnungen nicht überblicken könnte. Aber als Zeichen für etwas anderes dienen sie gerade wegen ihrer Anschaulichkeit unmittelbar nicht.

Wenn ich beispielsweise festhalten will, das ich vier Rinder auf einer Allmend habe, kann ich vier Rinder zeichnen oder vier Striche machen. Ich kann auch vier Steine an einen bestimmte Ort legen. Ich kann sogar lange Striche oder grosse Steine für ausgewachsene Tiere verwenden, oder schwarze Steine für schwarze Tiere. In all diesen Fällen sehe ich das Schreiben prototypisch. Das heisst, wenn ich schon ein Bewusstsein vom Schreiben habe, kann ich darin das Schreiben erkennen, aber ich kann das Verhalten auch sinnvoll finden, ohne ans Schreiben zu denken.

Wenn ich vier gezeichnete Rinder gleich deute wie vier „gezeichnete“ Striche, schaffe ich damit eigentliche Zeichen, weil ich damit die Form der Zeichen beliebig oder willkürlich wähle und das Zeichen auf eine Vereinbarung beziehe, die im Zeichenkörper nicht zu erkennen ist. Im einfachsten Fall verknüpfe ich eine Anzahl Striche mit einer Anzahl von etwas anderem. Man kann darin bereits eine Art Schreiben sehen. Ich neige dazu, erst von Schreiben zu sprechen, wenn verschiedene Zeichen. also nicht nur Striche, die für Ziffern stehen, verwendet werden.

Eine erste Form des Zeichens sehe ich im Siegel, das als Zeichen für eine im Siegel nicht erkennbare Person steht. Ich muss aufgrund einer Vereinbarung wissen, wofür das Siegel steht. Als Schreiben bezeichne ich das Herstellen von Texten, die aus einer Kombination von Zeichen bestehen, und als Zeichen für eine Kombination von Sachverhalten fungieren. Die primitivste Form des Schreibens erkenne ich in der Verwendung von Hieroglyphen. Im einfachsten Falle werden dabei mehrere verschiedene zusammengestellt, was eine Zusammenstellung der mit den Zeichen bezeichneten Objekte repräsentiert. Ich kann beispielsweise mein Siegel und vier Zeichen für Kuh und ein Zeichen für Allmend in einen Stein ritzen und damit – vereinbart – ausdrücken, dass die vier Kühe auf der Allmend mir gehören.

Hier geht es mir aber nicht um die Deutung der Zeichen, sondern darum, dass die Form der Zeichenkörper – wenn sie keine Zeichnungen sind – einer Vereinbarung unterliegt. Und als Vereinbarung meine ich hier nicht eine soziale Handlung, sondern eine Festlegung wie sie etwa als Alphabet oder als die Menge der chinesischen Schriftzeichen erscheint. In diesen Vereinbarungen geht es nicht darum, was die Zeichen bedeuten, sondern darum welche Zeichenkörper ich überhaupt verwende und wie sie geformt sind.

Beim Schreiben muss ich überdies wissen, wie ich die einzelnen Zeichenkörper kombinieren kann, was ich in einer Grammatik definiere. Ich werde später darauf zurückkommen.

Zur Naturwüchsigkeit des Zeichnens gehört auch, dass ich Zeichnungen von anderen Menschen anschauen und sehen kann, was sie gezeichnet haben. Dass das möglich ist, beschäftigt Philosophen, die Voraussetzungen dazu ntersuchen. Mich interessiert hier nur, was ich beim Zeichnen mache und worin das Produkt dieser Tätigkeit besteht. Wenn ich etwas als Zeichnung erkenne, unterstelle ich die mir bekannte Art der Herstellung und dabei macht es für mich keinen Unterschied, ob ich die Zeichnung selbst gemacht habe oder jemand anderer. Umgekehrt unterstelle ich, dass andere, die Zeichnungen machen und anschauen, das auch so sehen wie ich.

Daraus, dass andere Menschen auch Wasser und Wein trinken, leite ich kein soziales Wesen ab. Und dass andere Menschen auch zeichen, macht weder sie noch mich sozial. Aber wenn ich erkenne, dass andere beim Zeichnen dasselbe tun, kann ich auch für sie zeichnen und unterstellen, dass sie auch zum Teil für mich zeichnen. Die Zeichnung wird so zum Medium einer gemeinsamen Aneignung und schafft eine Differenz, in welcher ich für mich oder für andere zeichnen kann. Ich weiss, dass meine Texte manchmal auch von anderen Menschen gelesen werden. Aber das heisst nicht, dass ich für andere schreiben muss. Schreiben macht für mich auch Sinn, wenn ich es für mich mache. Und das Schreiben als Handwerk kann ich auch gut beobachten, wenn ich für mich schreibe.

Wenn ich nur für mich schreibe, muss ich die Schriftzeichen mit niemand anderem vereinbaren, aber ich muss für mich trotzdem festlegen, welche Zeichenkörper ich verwenden will. Ich stelle dazu Prototypen her, die ich verkürzt als Type bezeichne, und jedes Zeichen, dass ich dann gemäss dieser Type schreibe, bezeichne ich – der gängigen Linguistik folgend – als Token. Die Type erscheint als Drucktype, die ich jedesmal verwende, wenn ich ein Zeichen drucke. Natürlich ist jede konkrete Drucktype auch ein Token der Type. Und wenn es schon vorfindbare Schriftzeichen gibt, dann kann ich diese verwenden, statt eigene zu erfinden, auch wenn ich nur für mich schreiben will. Wenn ich Zeichenkörper wähle, die auch andere verwenden, wird das Lesen für andere etwas einfacher. Wenn ich schreibend Lochkarten herstelle, realisiere ich, dass mir bestimmte Zeichenkörper geläufiger sind als andere. Und für Chinesen ist es vielleicht einfacher, chinesische Zeichenkörper zu verwenden, auch wenn sie so nicht für mich schreiben können.

Im Übergangsfeld zwischen Zeichnung und Schriftzeichen sind Bilderschriften, deren Schriftzeichen – wie etwa Hieroglyphen – wie Zeichnungen aussehen, aber als eigentliche Zeichen in Texten verwendet werden, also nicht als Bildchen gedacht sind. Die primitivsten Schriftzeichen sind Zeichen, die für ein Objekt oder einen Begriff stehen. In der chinesischen Schrift gibt es beispielsweise ein Zeichen für „Haus“. Ich bezeichne solche Zeichen als Ideogramme. Eine ideographische Schrift braucht logischerweise sehr viele Zeichen.

Entwicklungslogisch werden – wie immer auch die historischen Geschichten erzählt werden – Ideogramme zunächst schematisiert und erkalten dann verschiedene Bedeutungen, die sich aus dem Kontext ergeben. Auf einer weiteren Entwicklungsstufe werden sie in Logogramme aufgeteilt, dass heisst, dass Teile der Zeichenkörper aus Bilderschriften zu eigenständigen Zeichenkörper werden, die dann verschieden rekombiniert werden können. Dabei verlieren die Logogramme ihren Zeichencharakter zunehmend, sie funktionieren nur noch innerhalb von Kombinationen von Logogrammen, die dann die Zeichen bilden. Schliesslich werden die Logogramme zu Buchstaben, die insofern Schriftzeichen sind, als ich sie beim Schreiben verwende, die aber keine Zeichen sind, weil sie nicht für etwas anderes stehen, sondern nur Bausteine für Zeichen darstellen.schreibmaschine_china

Beim Schreiben von Hand mag die chinesische Schrift noch praktikabel sein, aber bei einer Mechanisierung mittels einer Schreibmaschine verliert sie jede Viabilität. Das betrifft nicht nur die Durcktypen sondern auch die Tastatur (1). Schriften mit einem Alphabet wie etwa die Schrift, die ich hier verwende, kommen mit sehr wenigen Schriftzeichen aus, was eben eine effiziente Schreibmaschine möglich macht.


1) Die chinesische Schreibmaschine zeigt eine Komplikation beim Mechanisieren des Schreibens mit Ideogrammen. Sie braucht 3 Setzkästen à je 2000 Drucktypen, die dann überdies aufwendig angeschlagen werden.(zurück)

weiter zu Teil 3


last update 14.3.2015 / 15.3.2015

Werbeanzeigen

10 Antworten zu “2. Schrift (Teil 2)

  1. Pingback: 2. Schrift | Schrift-Sprache

  2. „Und als Vereinbarung meine ich hier nicht eine soziale Handlung, sondern eine Festlegung wie sie etwa als Alphabet oder als die Menge der chinesischen Schriftzeichen erscheint. “

    die formulierung ist etwas irreführend finde ich, denn jede vereinbarung ist eine soziale handlung. ich nehme an du meintest den unterschied von vereinbarungen in bezug auf die deutung und andererseits in bezug auf das zu benutzende material inkl. seiner anordnung.

    Liken

    • hmmm .. nein, ich meine Vereinbarung im Sinne von Programmiersprachen. Ich mache dabei mit mir selber ab, welche Ausdrücke ich wofür verwende. Es spielt keine Rolle, ob andere Menschen das auch so tun und es gibt keinen Grund, mit anderen Menschen darüber etwas zu vereinbaren.
      Wie Du schreibst meine ich nicht die Deutungen von Zeichen, sondern wie die Zeichenkörper aussehen. Das Zeichen „Haus“ sieht so aus: Haus, egal was es bedeuten soll. Ich sehe die Schwierigkeit darin, dass ich die Zeichenkörper nicht neu erfinde, sondern bereits vorhandene Zeichenkörper verwende – hmmm, da muss ich wohl im Text ausführlicher werden … danke für Deine Reklamation 😉

      Gefällt 1 Person

      • „Ich sehe die Schwierigkeit darin, dass ich die Zeichenkörper nicht neu erfinde, sondern bereits vorhandene Zeichenkörper verwende“
        das es in diese richtung geht, hatte ich verstanden Rolf und ich bin gespannt, wie du das weiter aufdröstelst 😉
        ich habe mich nur an dem „k e i n e s o z i a l e vereinbarung“ gestossen. es sind in meinen augen nur unterschiedliche soziale vereinbarungen. hier eben die bereits vorhandenen zeichenkörper in immer gleicher form zu verwenden.

        Liken

        • danke für Dein Insistieren bei schwierigen Formulierungen. So werde ich wach … auch wenn ich spotan noch keine passendere Formulierungen finden kann. Ich sollte wohl auf den Ausdruck „sozial“ ganz verzichten. Eigentlich meinte ich ja „zwischen verschiedenen Menschen“ und dass ich für die Festlegung von Zeichenkörpern nicht auf andere Menschen bezug nehme – auch dann nicht, wenn meine Zeichenkörper die gleiche Form haben, wie jene anderer Menschen. Solange ich für mich schreibe, spielt das einfach keine Rolle.

          Gefällt 1 Person

  3. „dass ich für die Festlegung von Zeichenkörpern nicht auf andere Menschen bezug nehme – auch dann nicht, wenn meine Zeichenkörper die gleiche Form haben, wie jene anderer Menschen“

    jetzt wird es klar für mich, gleichzeitig aber auch ungewöhnlich, dass es dir wichtig ist, dies zu erwähnen, das meintest du wohl auch mit programmieren/programmiersprache.

    mal eine analogie (die allerdings in bezug auf die sprachzeichen nicht passt)
    also da gibt es diese mobility carsharing sache: es besteht als angebot und wenn man bestimmte bedingungen akzeptiert, kann man so ein auto benutzen, auf die gleiche art und weise und zu den gleichen bedingungen, wie es andere tun können. aber w e n n ich es benutze, hat das mit den anderen benutzern nix zu tun, ich kann sonstwohin damit fahren, oder es in der gemieteten zeit als ausstellungsstück irgendwo hinstellen. 😉

    Liken

  4. hmmm … ich sehe die Analogie (noch) nicht. Bei den Zeichenkörpern geht es mir darum, dass ich sie herstelle und ihnen dabei eine bestimmte Form gebe. Ich muss mich für eine bestimmte Form entscheiden.
    Beim Auto mieten hat das Auto seine Form, ich muss es nicht formen … aber Du hast wohl eine andere Analogie im Auge?
    Mir ist hier die Unterscheidung wichtig, dass Schriftzeichen nicht von wem auch immer vorgegeben sind. Ich stelle sie her und wenn ich sie für mich herstelle, ist niemand sonst betroffen.
    Gemeinhin wird angenommen, dass MAN für andere schreibe, anderen etwas mitteilen wolle usw. Ich will mich von dieser Vorstellung abgrenzen.

    Liken

  5. Das wird aber schwierig, da du ja implizit ein autonomes, nicht sozialgebundenes Ich konstruierst. Das gibt es aber nicht. Was immer du zeichnest, du reflektierst darüber in sozial erworbener Sprache, du benutzt kognitive und motorische Fähigkeiten die du im sozialen Kontext erworben hast. Du bist motiviert genau das nun zu tun (zeichnen, schreiben) weil dein soziales Sein dieser Motivation gerade Vorrang einräumt.
    Der Versuch irgend etwas, das mit Kognition und Motivation zu tun hat, aus dem sozialen Kontext zu lösen, ist meines Erachtens eine Sackgasse, die auf unerfüllbaren Prämissen beruht.
    Und warum eigentlich auch? Wir sind Herdentiere und sollten uns auch als solche begreifen wollen.

    Liken

    • Lieber Andreas, ich bezeichne das, was ich von Dir lese, als dialektische Anti-These.
      In meinem Text hebe ich die dialogische „ich“-Formulierung hervor. Ich versuche über mich zu sprechen, so dass kein anderer Mensch mitbetroffen ist. Ich plädiere für eine aktive Leseweisee, in welcher ich als Leser das Wort „ich“ als ich lese, egal wer es je geschrieben hat. Was ich dann lese, passt zu mir oder eben nicht. Aber in beiden Fällen bin wieder nur ich betroffen.

      Und eine ganz andere Geschichte ist, dass ich beim Lesen mir oft keinen rechten Reim machen kann. Wenn ich beispielsweise lese, dass ich etwas „sozial“ erworben habe, oder dass ich ein „soziales“ Sein habe, oder dass es „soziale“ Kontexte gibt … dann verstehe ich nicht, was ich mit dem „sozial(en)“ meinen könnte. Ich sehe nicht, was das über mich aussagen könnte.
      Es erscheint mir dann als eine Kränkung meines eigenen Verstandes (so wie im Text bezüglich Darwin, Kopernikus und Freud geschrieben habe).

      Und jenseits davon freue ich mich über jede dialektische Widerrede, die die Objektebene des Schreibhandwerkes betrifft. Wenn ich lernen könnte, dass dort das gemeinte „Soziale“ einen Unterschied macht, dann hätte ich eine Verwendung für „sozial“.

      Liken

  6. Pingback: 2. Schrift (Teil 3) | Schrift-Sprache

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s