Die Aufhebung des Handwerks

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Dass ich eine Tätigkeit als Handwerk beobachte, ist die Folge davon, dass ich die gleiche Tätigkeit auch in einer Menge von Teiltätigkeiten erkennen kann, die nicht von einem einzelnen Menschen ausgeführt werden. In einem Text von A. Smith habe ich gelesen, wie Nähnadeln in der Manufaktur in achtzehn Teiltätigkeiten von ebenso vielen verschiedenen Arbeitern hergestellt werden. Und von C. Babbage weiss ich, dass die Herstellung von Uhren auf einhundertzwei verschiedene Arbeiter aufgeteilt werden kann. Als Handwerker sehe ich in einer retrospektiven Fiktion einen Menschen, der all diese Teilarbeiten und insbesondere auch deren Planung selbst ausführt.

Von Handwerk spreche ich auch unter dem abgeleiteten Gesichtspunkt, dass ich bestimmte Handlungen durch die Verwendung von Werkzeugen aufhebe. Dabei verändern sich meine Tätigkeiten schrittweise, bis sie durch Vollautomaten praktisch ganz aufgehoben sind. Eine ganz bestimmte Veränderung der Tätigkeiten zeigt sich mir dabei darin, dass meine Hände immer weiter von Arbeitsgegenstand wegkommen, indem sich die Werkzeuge dazwischen schieben. In diesem Sinne bezeichne ich mit Handwerk eine noch primitive Produktion, in welcher das Geschick der Hände eine noch wichtige Rolle spielt, die zunehmend weniger wichtig wird. Als Handwerker muss ich mit den Händen viel können, weil ich meine Tätigkeit noch nicht so begriffen habe, dass sie maschinell aufgehoben werden kann. Ich spreche in diesem Sinne von unaussprechbarem Wissen (tacit knowledge), weil ich als Handwerker zwar irgendwie weiss, was ich mache, es aber nicht zur Sprache bringen kann.

Wenn ich als Mönch im Skriptorium Bücher abschreibe, indem ich mein Schreibfedern von Hand über das Papier führe, mache ich etwas ganz anderes, als wenn ich in der Druckerei von Gutenberg Druckplatten auf das Papier presse, obwohl ich in beiden Fällen Buchkopien produziere. Beide Arbeiten sind in dem Sinne handwerklich, als meine Hände quasi vor Ort, also nahe am entstehenden Buch sind. In beiden Fällen bin ich kein richtiger Handwerker mehr, weil mir ein Vorgesetzter sagt, was ich zu tun habe.

In beiden Fällen verwende ich Werkzeug. Mit Handwerk meine ich also nur im extrem primitiven Fall, dass ich nur meine Hände verwende. In Geschichten zum Tier-Mensch-Übergangsfeld ist dann und wann von Affen die Rede, die Werkzeuge herstellen, indem sie mit ihren Händen Stecken auf eine bestimmte Länge abbrechen. Das kann ich natürlicherweise auch tun, obwohl ich ein Mensch bin. Die Schreibfeder und die Druckerpresse könnte ich als Fortsetzung der Stecken sehen, wenn ich die gemeinte Evolution der Werkzeuge hinreichend weit zurück begreife. Dass die Schreibfeder nicht zwangsläufig aus dem Abbrechen von Stecken hervorgeht, sehe ich – vorläufig – darin, dass ich keine Affen kenne, die Schreibfedern herstellen.

Das Handwerk sehe ich in diesem Sinne in zwei getrennten aber doch zusammenhängenden Entwicklungen aufgehoben, in der Arbeitsteilung und in der Werkzeugentwicklung. Ich beobachte hier mein eigenes Schreiben, das bislang nicht arbeitsteilig geworden ist, obwohl ich in der Industrie auch schon einige Male von sogenannten Sekretärinnen unterstützt worden bin. In der Evolution der Werkzeuge bleiben wie in der Evolution der Lebewesen viele Repräsentanten von primitiveren Entwicklungsstufen neben den entwickelteren Formen erhalten. Ich schreibe immer noch relativ oft mit dem Bleistift und bei eher seltenen Gelegenheiten mit einer Schreibmaschine, so wie ich neben dem Internet auch immer noch die Post für Briefe aus Papier verwende. Ich sehe die Entwicklung in diesem Sinne quasi diasynchron.

Ich schreibe den vorliegenden Text mit einem Computer. Ich beobachte, wie ich dieses Buch schreibe und welche Operationen des Schreibens dabei wie aufgehoben sind, also wie diese Operationen in meinen früheren Formen des Schreibens enthalten sind. Ich begreife so mein ursprüngliches Handwerk durch technologische Kategorien des aktuell höchstentwickelten Schreibwerkzeuges. So wie ich die Anatomie der Säugetiere aufgrund meiner eigenen evolutionstheoretisch späteren Anatomie beobachte, sehe ich in einfachen Werkzeugen die Andeutungen zu entwickelteren Werkzeugen, weil ich letztere bereits kenne. Evolutionen beschreibe ich rückwärtsblickend.

Ich deute mein Schreiben als Handlung, die ich in eine Menge von Operationen auflöse. Als Beobachter kann ich deutend davon sprechen, dass ich ein Buch schreibe oder operativ davon, dass ich Zeichen nach Regeln anordne. Als Beobachter wähle ich die Perspektive und entscheide so, ob ich eine Handlung oder eine Menge von Operationen beobachte. In jedem Fall – also unabhängig von der jeweiligen Entwicklungsstufe – ist das Resultat meines Schreibens eine geordnete Menge von Schriftzeichen, die ich als Text deuten kann. Wenn ich mit einem Bleistift schreibe, sind die Schriftzeichen aus Graphit, wenn ich mit meinem Computer schreibe, produziere ich Schriftzeichen auf einem elektronischen Speicher. Das Herstellen und Anordnen von Schriftzeichen sind Operation, die ich unabhängig vom gedeuteten Handlungszusammenhang beschreiben kann. Ich ordne beispielsweise auch Schriftzeichen an, wenn ich beispielsweise anstatt eines Buches ein Computerprogramm schreibe.

Ich beobachte die Aufhebung des Handwerkes in einem dialektischen Sinn, in welchem sich das Handwerk so verändert, dass es als Identität nicht mehr vorhanden, aufgelöst und doch vorhanden, aufbewahrt ist. Wenn ich für eine bestimmte Arbeit, die ich zuvor von Hand gemacht habe, eine Maschine verwende, muss ich die Arbeit nicht mehr machen, aber ich muss sie trotzdem noch machen. Das Aufheben bezeichnet insbesondere auch das Entstehen von neuen Formen, die dann im evolutionären Prozess auch wieder verschwinden oder als Relikte erhalten bleiben können.

Im exemplarischen Fall sehe ich vom Handwerk zunächst die körperliche sxxchuhmacherArbeit, die in einer Werkstatt verrichtet wird. Die Kleider des Handwerkers widerspiegeln, dass dabei die Hände schmutzig werden, weshalb auch von Blue Collars gesprochen wird. In der industriellen Arbeitsteilung werden Teile des Handwerkes ausgegliedert, die dann von Bürolisten oder White Collars getan werden. Das Schreiben ist in diesem Sinne ein untypisches Handwerk, das zunächst von fein gekleideten Menschen in gediegener Umgebung ausgeführt wurde und dann durch die Erfindung der Druckerei Teilhandwerke entstehen liess, die in zunächst schmutzigen Werkstätten verrichtet wurden (1).


1) Als ich als Maschinenzeichner mit Tusche geschrieben habe, hatte ich einen weissen Arbeitskittel, wofür ich keinen Grund erkennen konnte. Vor ein paar Jahren hat die Firma Opel ein neues Werk eingerichtet, in welchem die Arbeitskleider de vormalligen Blue Collars an den Fliessbändern auf einheitlich gebügelte graue Hosen und weisse Hemden umgstellt wurde. (zurück)

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last update 28. 3.2015 /

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7 Antworten zu “Die Aufhebung des Handwerks

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  2. dieser abschnitt gefällt mir jetzt sehr gut 🙂

    nur das hier finde ich unvollständig:
    „Ich spreche in diesem Sinne von unaussprechbarem Wissen (tacit knowledge), weil ich als Handwerker zwar irgendwie weiss, was ich mache, es aber nicht zur Sprache bringen kann.“
    ….wenn ich an das herstellen von maschinen denke. hierbei kommen noch weitere kenntnisse und das zur verfügung stehen bestimmter materialien und energien ins spiel, infrastruktur, einfluss….
    wenn dies so isoliert bleibt, bekommt die aussage eine schieflage, finde ich.

    Gefällt 1 Person

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