„Drucken“ als Schreiben (Handwerk 2. Teil)

Die Aufhebung des Handwerks <-   „Drucken“ als Schreiben (Handwerk 2. Teil) -> Autor (Aufhebung des Handwerkes 3. Teil)


Wenn ich Schreiben als Handwerk beobachte, muss ich wohl auch beobachten, was ich weshalb als Handwerk bezeichne, weil mir natürlich auch bewusst ist, dass Schreiben unter funktionalen Gesichtspunkten nicht als Handwerk erscheint. Wenn ich das Handwerk verdränge, mache ich mir auch keine Gedanken dazu, wie das Handwerk oder viel mehr der Begriff „Handwerk“ entstanden ist. In den Geschichten, die ich dazu lesen kann, wird das Handwerk – wie diffus auch immer verstanden – auf Berufsbilder bezogen, die durch das Zunftwesen unterschieden und etabliert wurden. Ich erzähle aber auch diese Geschichte anders, weil ich mit Geschichten – wie mit Evolutionstheorien – die Konzeptionen plausibilisiere, aus welchen heraus ich Geschichten zurückschauend erfinde. Mit meiner Vorstellung, worin Schreiben ein aufgehobenes Handwerk erscheint, schreibe ich die Geschichte des Handwerkes als autopoietischen Differenzierungsprozess, in welchem das Handwerk quasi natürlich entsteht und sich danach in einer gesellschaftlichen Differenzierung entfaltet und aufgehoben wird.

Zur Zeit der Zünfte gab es kein Handwerk, weil es nicht anderes gab.(1). Das Wort Handwerk wurde damals für die primitivste „Hand“arbeit, etwa für das Rammen verwendet. Die Zünfte repräsentierten Gewerbe, deren Tätigkeiten im Unterschied zur primären Produktion der Landwirtschaft materialverarbeitend“ waren. Dieses „materialverarbeiten“ deute ich in einem gewerblichen Sinn für „marktgerecht machen“, und in einem handwerklichen Sinn als Herstellen, also als Formen von Material. Typische Zunftbereiche sind etwa: Schuster, Fischer, Schlachter, Tuchmacher, Weber, Maler, Müller, Maurer, Zimmerer, Dachdecker, Schneider, Bäcker, Sattler, Schmiede, Kürschner, Gerber usw. Solche Auflistungen beziehen ihre Logik aus den Verhältnissen der Marktplätze, die im 12. Jdh. zur Entwicklung von Städten beitrugen. Die darin beschriebene Arbeitsteilung ist naturwüchsig, also ohne Plan. Wer Arbeitsprodukte eines andern will, muss diese mit eigenen Produkten bezahlen, was ich als tauschen bezeichne.

Die technologische Entwicklung, die im 15. Jhd als Industriealisierung eingesetzt hat, hat die Manufaktur – eine Fremdwort für Handwerk – zunächst innerhalb der zünftigen Gewerbe angesiedelt, das Zunftwesen dann aber immer mehr verdrängt, weil es der fabrikmässigen Organisation der Arbeit entgegenstand. In der Manufaktur wurde die Arbeit innerhalb des Betriebes in verschiedene Teilarbeiten zerlegt, was ich als betriebliche Arbeitsteilung bezeichne. In dieser Arbeitsteilung tauschen die verschiedenen Arbeiter nichts miteinander, sie ist nicht naturwüchsig, sondern industriell bewusst geplant. Dabei entstanden die Berufe, die ich der Tradition folgend als handwerklich bezeichne, obwohl sie gerade einer Zerlegung des idealisierten Handwerkes entsprechen. Typische Mannufaktur-Handwerke sind – ganz anders als typische Zunftbereiche – etwa Drechsler, Schlosser, Vergolder, die in einer Kutschenmanufaktur arbeiteten, oder etwa Spinner, Weber und Tuchfärber in der Textilmanufaktur. Als Berufe werden diese Teiltätigkeiten erst in der Manufaktur gesehen, wo sie als Teile eines fiktiven Handwerkes zu einzelnen Handwerken werdpersonalcomputeren, die dann in den Fabriken gelegentlich wieder verschwinden, wenn Handlanger die Arbeit machen können. Ich nenne hier die Datatypistinnen nur als ein für das Schreiben einschlägiges Beispiel, wobei ich bewusst Datatypist-Innen schreibe. Ich werde nochmals darauf zurückkommen.

Die Differenzierung der Arbeitstätigkeit, die immer auch eine Entdifferenzierung auf einer anderen Eben ist, passiert nicht nur innerhalb der Manufaktur, sondern bringt auch verschiedene Manufakturen hervor. Gutenberg wird oft als Drucker gesehen, ich sehe ihn als Buchhersteller, der auch ein neues Druckverfahren verwendet hat. In seiner Manufaktur wurden aber nicht nur Bücher hergestellt. Vielmehr wurde das Buchherstellen mit anderen Tätigkeiten zusammengeführt, was einer Entdifferenzierung entspricht, während die Teiltätigkeiten differenzierten.

Was als handwerklicher Beruf erscheint, wird durch die Manufaktur entschieden, die bestimmte Tätigkeiten im Hinblick auf deren Teilprodukte unterscheidet. Gutenberg etwa hat im Selbstverständnis das Drucken von Büchern, nicht das Herstellen von Büchern betont, weil er das Herstellen von Bücher mittels dem neuen Druckverfahren, zu welchem ja insbesondere auch der Drucksatz gehörte, viel effizienter machen konnte. In meiner Perspektive werden Bücher geschrieben, wobei das Drucken und Binden der Bücher wie das Herstellen von Papier und Druckerpressen nur Teiltätigkeiten sind. In der Druckerei-Perspektive, in welcher das Drucken von Texten isoliert wird, wird davon abstrahiert, dass beim Drucken Texte hergestellt werden, weil im Rahmen einer Entdifferenzierung auch Bilder oder Zeichnungen gedruckt werden können. In dieser speziellen Manufaktur wird das Drucken zum Handwerk, weil es für die Manufaktur als Gesamttätigkeit erscheint, selbst dann noch, wenn auch Buchbinder auch dort arbeiten. Der bei Gutenberg entwickelte Drucksatz hat ja auch den Schriftsetzerberuf hervorgebracht.

Ich schreibe bewusst von „bei Gutenberg entwickelten Verfahren“. Gutenberg ist für mich ein Manufakturlabel. Es ist ganz unklar, wer welche Verfahren erfunden oder entwickelt hat. Der Besitzer der Manufaktur, J. Gensfleisch, der Gutenberg genannt wurde, hat recht wenig dokumentiert, und als Unternehmer naheliegenderweise hauptsächlich sein Finanzierungsprobleme im geleichzeitig aufkommmenden Kreditwesen.(2)

Die Schriftsetzerei wird gemeinhin nicht als Schreiben aufgefasst, was aber meistens nichts damit zu tun hat, dass beim Schriftsetzen keine Texte sondern Druckplatten, die dann von Druckern benutzt werden, hergestellt werden. Das Schriftsetzen ist ein typisches Resultat der Technik, die in einem Zwischenschritt viel an einearbeitsteilige geschaffene Arbeitskraft ausgelagert hat, weil Schreibende damals keine Druckplattten beschreiben konnten.


1) Natürlich haben auch damals nicht alle Menschen gearbeitet, aber wer gearbeitet hat, hat es mit seinen Händen getan – was nebenbei bemerkt soweit ich sehen kann auch heut noch der Fall ist. (zurück)

2) Es gibt sogar die begründete Vermutung, dass die berühmten Gutenberg-Bibeln gar nicht mit der Gutenberg zugeschriebenene Lettersatztechnik hergestellt wurden. Nicht nur ich weiss nichts darüber.(zurück)

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last update 2. 4.2015 /

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17 Antworten zu “„Drucken“ als Schreiben (Handwerk 2. Teil)

  1. Pingback: Die Aufhebung des Handwerks | Schrift-Sprache

  2. hier einmal ein vorgriff
    auch in diesem abschnitt kommt wieder der begriff der Verdrängung vor…
    ich frage mich, ob und wie das mit deiner geäusserten überlegung zur „Verdrängung des Ich (-Denkens und Sagens „) zusammen hängt ?
    aus einer rezension : „Wenn es eine Entfremdung geben soll, muss es zunächst so etwas wie eine philosophisch (psychische) Heimat geben, aus der ein Mensch vertrieben werden kann.“

    http://www.amazon.de/Entfremdung-Aktualit%C3%A4t-sozialphilosophischen-Frankfurter-Sozialphilosophie/dp/3593378868/ref=pd_ybh_1

    der begriff der Entfremdung ist bei dir ja bisher (noch?) nicht aufgetaucht…..

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    • der Ausdruck „Verdrängung“ ist wohl eine Wahl des schnellen Denkens, der die gemeinte Sache dann nicht so gut trifft, wenn er psychoanalytisch gelesen wird. Mir geht es um den Diskurs, in welchem das Handwerk ausgeblendet wird.
      Und unabhängig davon um einen Diskurs, in welchem das ich ausgeblendet wird.
      Beides sind herrschende Diskurse.
      Entfremdung wäre noch etwas komplizierter, Hegel halt.
      Und jenseits dieser Wörter finde ich hier beim Schreiben zunehmend erstaunlicher, wie der herrschende Diskurs über das Schreiben verläuft.

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      • dann wäre „ausblenden“ für’s erste vielleicht besser, bis du dann evtl. später noch mehr ausführst, was das deiner meinung nach impliziert. –
        aha, getrennte diskurse, danke –
        der herrschende diskurs über das schreiben – ein neues buch ? :-);-)

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        • ja, ausblenden wäre sachlicher .. und ja es gäbe noch 10 weitere Bücher, bevor dieses auch nur zu Faden geschlagen ist .. und ich schreibe ja schon an zwei weiteren Büchern ganz konkret, einfach nicht so blog-öffentlich .. G. Deleuze bezeichnet das als wucherndes Rhizom .. und ich versuche mal beim einfachen vorwärtsschreiben zu bleiben .. 😉

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  4. auch dieser gesamte abschnitt erscheint mir in allen punkten schlüssig und schön formuliert.
    mein stolpern im verständnis rührt dieses mal eindeutig in der von dir gewählten und für mich ungewohnten perspektive.
    mit der betrachtung des wandels von arbeit und handwerk bin ich vertraut, diesen (auch) anhand des schreibens nachzuvollziehen dagegen nicht.
    immer wieder fällt es mir schwer, das schreiben als ein formen von material und losgelöst vom inhalt, der bedeutung des entstehenden, zu begreifen. ich erkenne diese aspekt, kann ihn separieren, aber er erscheint mir im kontext der vielfältigen umwälzungen gewissermassen als exotisches detail.

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    • ich vermute, dass dieser Kommentar zum nächsten Abschnitt gehört, aber der Sache nach gilt er natürlich für den ganzen Blog. Mir geht es um die Herstellung von Artefakten anhand des vielleicht wichtigsten Artefaktes, nämlich anhand des Schriftzeichens.
      Dass mit Schriftzeichen bestimmte Zwecke verfolgt werden, die manchmal auch wichtig sein können, ist mir schon klar, aber das finde ich ein eher exotisches Detail – etwa wie, dass Dampfmaschinen auch manchmal Eisenbahnzüge antreiben.
      Aber welche Themen wichtig und welche Luxus sind, ist natürlich eine Frage des Beobachtens. Und hier schreibe ich ja auch, wie sehr mir auffällt, wie das Herstellen von Artefakten im allgemeinen als unwichtiges Thema erscheint. Es wird in der Schule nicht behandelt, es kommt in den Tagesnachrichten nicht vor – und gerade beim Schreiben ist es meistens total ausgeblendet.
      Und ja, ich trenne das Herstellen von der Verwendung und beobachte es losgelöst von „gemeinten Bedeutungen“. Ich beobachte eben die Produktion und für diese sind die jeweils gemeinten Bedeutungen in meiner Perspektive ohne jede Relevanz.
      Ob die Produktion irgendeine Relevanz hat, ist eine andere Frage (die Frage des Beobachters, der sich entscheidet, die Produktion zu beobachten. Ich sehe schon, dass ich damit ein Exot bin, dass sich die meisten Menschen für andere Sachen interessieren. Ich sehe ja auch, dass die Texte nicht einmal zum Lesen motivieren.

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  5. ich hatte zu meinem kommentar gar keine antwort mehr erwartet, es war eher so ein r u h i g e s kommentieren für mich selbst. nicht abschliessend, sondern offen gemeint. entweder erschliesst sich mir der von dir gewählte schwerpunkt allmählich oder eben nicht. aber ich gehe davon aus, dass sich diese deine auswahl in vielen jahren herauskristallisiert hat. jedenfalls meditiere ich mal über diesen mal über jeden satz von dir 🙂

    und er gehört schon hierher, du hattest ja noch verändert.

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  6. aber jetzt muss ich doch noch einmal einhaken

    „Mir geht es um die Herstellung von Artefakten anhand des vielleicht wichtigsten Artefaktes, nämlich anhand des Schriftzeichens.
    Dass mit Schriftzeichen bestimmte Zwecke verfolgt werden, die manchmal auch wichtig sein können, ist mir schon klar, aber das finde ich ein eher exotisches Detail –“

    das artefakt schriftzeichen hat also eine sonderstellung für dich. diese beziehen ihre exklusivität aber nicht aus ihrem zweck. aber woraus dann ??

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    • Das Artefakt „Schriftzeichen“ bezieht sein „Exklusivität“ – gemeint ist seine Somderstellung – daraus, dass es so oft und von so vielen Produzenten hergestellt wird wie kein anderes Artefakt. Das hat aber nichts mit seinen „Bedeutungen“ und gemeinten Bedeutungen zu tun, sondern ist eine ganz nüchtere Feststellung über die Anzahl des Auftrettens: es gibt mehr Schriftzeichen als Tische oder Hämmer. Und es gibt mehr Hersteller dieses Artefaktes als irgeneines anderen.

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  7. ein neues puzzleteilchen, danke !!

    ich sehe einen ausstellungsraum mit skulpturen aus buchstaben vor meinem inneren auge. und wahrscheinlich gibt es solche schon 😉

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    • ja, diesen Kunstraum bezeichne ich als Dialog, das ist der Raum überhaupt, wenn ich ihn erkennen kann 😉

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      • ach, von wegen „Kunst“ (–>ich-sprechen)
        inzwischen ist mir ein weiteres eingefallen ausser „Lebenskunst“, nämlich „kultivieren“, damit kann ich eine Brücke von der Lebenskunst zu darstellenden Künsten schlagen. letztere für m i zu definieren ist mir schon lange ein anliegen und die ausbeute aus der herleitung von Ausdruck, Auftragsarbeit, Museen + Markt war mich unbefriedigend genauso wie Kunst von handwerklichem Können abzuleiten.

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