Autor (Aufhebung des Handwerkes 3. Teil)

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Schriftsetzer und Drucker waren im Folgenden auch Teile jener „Schreib-Manufakturen“, die im 17. Jhd. als Zeitung bezeichnete Nachrichten auf den Markt brachten. Diese Zeitung sehe ich differentiell als abgeschriebenes Geschriebenes, da der Schreibende nur schreibt, was ihm in sogenannten Ereignissen vorgeschrieben wird. In diesen eigentlichen Zeitungen – die mit den heutigen Zeitungen wenig zu tun haben – schreiben Kompilatoren, die keine Meinungen vertreten, sondern von Sachen berichten, auf die sie in ihrem Verständnis – ähnlich wie heutige Nachrichtensprecher – keinen Einfluss haben. Es ist ein Aufschreiben, das weder von den Bedürfnissen des Besitzers der Zeitung noch von den Bedürfnissen der lesenden Kunden abhängig ist, sozusagen allseitig entfremdetes Schreiben.

In diesem Aufschreiben erkenne ich eine Differenz, die ich als Nonfiction bezeichne. Wenn ich als Handwerker einen Tisch herstelle, kann ich sehr verschiedene Materialien verwenden und diese sehr verschieden Formen, aber ein Tisch ist ein Tisch, worauf ich als Handwerker keinen Einfluss habe. Wenn ich in Form von Zeitungen im Sinne von Nachrichten aufschreibe, was der Fall ist, kann ich das handwerklich auch sehr verschieden tun, aber ich kann natürlich die beschriebene Sache damit nicht verändern.

Als Autor schreibe ich in die Bibel nicht meine, sondern Gottes Worte. Als Autor erscheine ich legitimiert oder autorisiert. Ich kann nicht schreiben, was mir gefällt, aber ich bin auch in keiner Weise verantwortlich oder gar schuldig, wenn ich beim Schreiben nicht lüge, also nicht bewusst falsches schreibe. Diluhmanne Nonfiction-Idee wird gemeinhin als Wissenschaft bezeichnet. N. Luhmann, ein moderner Exponent, schreibt beispielsweise über sich selbst, dass „fast nichts“ vom Autor stamme, wobei er logischerweise eben nicht „von mir“ sondern in der es-Form vom Autor schreibt. Die so verstandene Soziologie schreibt auf, was die Gesellschaft als deren Selbstverständnis autorisiert. Viel reaktionär kann ich das Schreiben nicht begreifen.

Die Nonfiction erscheint als Differenz im Roman, wo ein Autor einerseits vorweg zugibt, dass seine Geschichte erfunden, also keine Historie ist, damit aber nicht seine eigenen Erfindung meint, sondern nur, dass die Geschichte keine Zeitung eines Vorfalles sei, der tatsächlich so stattgefunden habe. Auch beim Roman ist der Schreibenden zunächst nur Autor der dort handelnden Figuren. Einen speziellen Fall bildet die Erfindung der Emotion, in welcher der Autor beispielsweise als verliebter Werther seiner eigenen Verliebtheit ausgeliefert, also auch nicht Herr seines Schreibens, ist.

Die Verleger von Zeitungen überlassen das Schreiben einer Redaktion, die ihrerseits ausdifferenziert, so dass Redakteure die Zeitung zunehmend machen, aber kaum Texte beisteuern. Texte, die in der Manufaktur hergestellt wurden, wurden weitgehend im Verlagswesen organisiert. Die frühen Verleger fungieren als Repräsentanten des Verlagswesen, das heisst sie sind Händler einer verlegten Ware, die aus Texten besteht, die dann in einer Textmanufaktur als Bücher oder Zeitungen massenhaft gemacht werden.

Die Manufaktur und das Verlagswesen führten beispielsweise in der Textilproduktion rasch dazu, dass Textilien nur noch industriell produziert wurden. Die Text-Manufaktur dagegen industriealiserte nur bestimmte Bereiche des Schreibens, weil vieles, was geschrieben wird, nicht massenhaft gelesen werden soll, so dass die Verfahren der Druckerei keinen Sinn machen, weshalb andere Verfahren weiterbestehen und eigenen Entwicklungen durchlaufen.

Viele Evolutionen führen dazu, dass verschieden weit entwickelte Exemplare nebeneinnader existieren. Neben den Menschen gibt es vorderhand immer noch Affen und allerlei andere Tiere, die man als evolutionäre Ahnenreihe deuten kann. Neben der Dampfmaschine verwende ich auch Hammer und Sichel weiterhin. Beim Schreiben unterscheide ich aber zwei Produktsorten. Neben den Massenanfertigungen gibt es Einzelanfertigungen, die sich nicht wie etwa Massanzüge von einer Massenkollektion unterscheiden, sondern einen anderen Zweck haben. Viele Schriftstücke sind Einzelanfertigungen, den exemplarische Fall sehe ich im Brief, den ich an eine einzelne Person schreibe.

Ich kann – und mache es gelegentlich – obwohl ich einen Computer besitze, mit einem einfachen Werkzeug, etwa mit einem Bleistift einen Brief oder eine Nachricht schreiben. Ansichtskarten aus dem Urlaub schreibe ich generell „von Hand“. Die Textmanufaktur hebt solches „Schreibhandwerk“ nicht auf. Wenn ich einen Brief schreibe, betreibe ich funktional kein Handwerk, solange ich das Briefschreiben nicht als Arbeit begreife. Aber natürlich brauche ich handwerkliches Können, um einen Brief zu schreiben. Wenn ich nicht schreiben könnte, könnte ich mich an einen Schreibkundigen wenden und allenfalls auch für das Schreiben eines Liebesbriefes Geld bezahlen. Und wenn ich hinreichen genug Menschen kennen würde, die nicht schreiben können, könnte ich mein Schreiben auf dem Markt anbieten, was vielerorts noch immer getan wird.

Wenn ich meine eigenen Briefe schreibe, sagt mir kein anderer Mensch, was ich schreiben soll, aber unter handwerklichen Gesichtspunkten bin ich auch dann nur in sehr speziellen Fällen frei, was ein Grund dafür sein mag, dass Lyrik von vielen Menschen geschätzt wird. Sehr viele Briefe werden in Arbeitszusammenhängen geschrieben. Eine Zerlegung dieses Schreibens bringt die Sekretärin hervor, die sich diktieren lässt, was sie schreibt. Und auch dieses Schreiben wird industriell differenziert bis hin zum Gerichts- oder Stadtschreiber, wobei auch das damit verbundene handwerkliche Können vielfältiger wird, weil bestimmte Schriftstücke wie Verträge oder Protokole jenseits der Inhalte auch formalen Anforderungen unterliegen, die ich als Schreibender kennen und erfüllen (können) muss.

Ungangssprachlich bezeichne ich das Herstellen von Einzelanfertigungen wie Briefe als Schreiben gemeinhin, während ich das Herstellen von vielen Exemplaren je nach Verfahren beispielsweise als Drucken bezeichne, obwohl ich in beiden Fällen Text herstelle. Es ist üblich den Buchdruck als Weiterentwicklung des Schreibens zu sehen, ich beobachte dagegen zwei gesonderte Entwickungen des Schreibens, die auch je eigene Werkzeuge hervorgebracht haben. neben der Druckerpresse wurde die Schreibmaschine erfunden, die ihrerseits auch zu eigenständigen Berufen führte, die selten als Handwerk begriffen werden, wohl weil es withe-collar-Berufe sind. Unter funktionalen Gesichtspunkten wird die in Bezug auf Berufsabfolgen untypische Ausdifferenzierung des Schreibhandwerkes von white collars zu blue collars nicht gesehen, weil das Schreiben nicht als ein in der Manufaktur zerlegtes Handwerk beobachtet wird.

Die Unterscheidung von Massen- und Einzelanfertigungen bei Texten wird später dadurch aufgehoben, dass die Werkzeuge identisch werden. Ich beobachte aber zunächst noch die Entwicklung des Schreibens bei Einzelanfertigungen und wie die dabei die Entwicklung der Werkzeuge die Arbeitstätigkeit unter handwerklichen Gesichtspunkten verändert.

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last update 3. 4.2015 /

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12 Antworten zu “Autor (Aufhebung des Handwerkes 3. Teil)

  1. Pingback: “Drucken” als Schreiben (Handwerk 2. Teil) | Schrift-Sprache

  2. “ Es ist üblich den Buchdruck als Weiterentwicklung des Schreibens zu sehen, ich beobachte dagegen zwei gesonderte Entwickungen des Schreibens, die auch je eigene Werkzeuge hervorgebracht haben. “
    also noch mal andersherum: der buchdruck ist zwar eine w e i t e r e n t w i c k l u n g des schreibens, aber eben nur e i n e weiterentwicklung

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  3. „Auch beim Roman ist der Schreibende zunächst nur Autor der dort handelnden Figuren“
    ein Autor, der sich selbst autorisiert, denn seine handelnden figuren können das ja nicht 😉 hm.
    was kommt in diesem obigen satz zum ausdruck ? sowas wie: auch ein fictionschreiber ist nicht „frei“ ? (mal abgesehen vom markt, der hier aber nicht das thema ist)

    und ein briefeschreiber, ist der denn „frei“ ? wenn ja in welchem sinne und welchem nicht.

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    • ja, das kommt zum Ausdruck – das heisst aber nicht, dass ich wüsste, wie das aufzuösen wäre …
      auf der einen Seite löse ich das Problem, indem ich ein anderes Thema wähle. Das ist mein bestes Problemlösungsverfahren.

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  4. -> Luhmann und so
    „Die so verstandene Soziologie schreibt auf, was die Gesellschaft als deren Selbstverständnis autorisiert.“

    wer wird hier autorisiert zu was, resp. autorisiert sich selbst, ein selbstverständnis zu kreieren ?? verstehe nur bahnhof.

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    • ganz viele Menschen, die ich kenne, sagen, dass sie bei Luhmanns Texten nur bahnhof verstehen. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass es zwei Arten der Autorisierung gibt. Im alltagssprachlichen Sinn gibt es eine Instanz, die einen andere autorisiert, beispielsweise ein bärtigen Gott, der Bibelschreiber autorisiert. In einem anderen Sinn (etwa bei Luhmann lese ich das so) besteht die Autorisierung darin, dass der Autorisierte die Sache richtig wiedergibt, also beispielsweise belegt, dass die Gesellschaft das beschriebene Selbstverständnis tatsächlich hat – oder genauer: es so kommuniziert.

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  5. also….der heutigen Soziologie wird von „der Gesellschaft“, resp. anderen teilen der gesellschaft, aufgetragen, zugemutet, zugetraut, dass sie belegt konstatiert, wie deren und ihr eigenes selbstverständnis kommuniziert wird ?

    das reaktionäre daran ist, dass damit bestehendes sozusagen fest geschrieben wird ohne dass gegenentwürfe zur sprache kommen ?

    und zu dieser art Soziologie kann „man“ Luhmann zugehörig sehen ? wie ich gespeichert habe, äusserte er sich selbst diesbezüglich in die richtung dass er lediglich beschreibt, was ist …..

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  6. ja so kann MAN Luhmanns Texte lesen – ich tue es so, was beweist dass MAN kann, aber das sind Leseweisen – immerhin. Andere lesen „bahnhof“ 😉

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    • hm, das wort „reaktionär“ kann manchen beigeschmack haben. z.b. ein sich richten g e g e n bereits bestehende neue (ohne bewertung oder mit) strömungen
      oder ohne diesen beigeschmack einfach schlicht, dass eine beschreibung als reaktion auf zurück liegendes geschieht

      und etwas tiefer geschürft die frage: können sozialwissenschaftliche beschreibungen wertfrei sein ??

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  7. hmmm .. reaktionär bezeichnet vielleicht eher die politische als eine sozialwissenschaftliche Haltung? Und als Soziologe kann ich mich natürlich Fragestellungen zuwenden, die von bestimmten politischen Kräften hervorgebracht werden.
    Die wert-frei-Frage ist für mich eher eine wert-los-Frage. Wenn ich mich frage, was anstelle der herrschenden Herrschaftstrukturen treten könnte, mache ich das vielleicht, weil mir diese nicht sehr behagen, aber das, was ich dann als Alternative beschreibe, ist ja eine Beschreibung, die MAN bewerten kann, aber nicht muss.
    Bei N. Luhmann finde ich keine Anzeichen dafür, dass er Alternativen sucht, für mich ist das wertlos, nicht wertfrei. Die Wertlosigkeit seiner Theorie zeigt sich mir darin, dass er sich mit Religion und Wissenschaft befasst – was mich nicht interessiert – und dass er zur Arbeit und zur Technik nichts sagt – was mich interessiert. Wertlos heisst in diesem Sinne nur, dass ich es nicht brauchen kann, aber für andere kann es sehr brauchbar und dann wertvoll sein.

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