Schönschreiben (Aufhebung des Handwerkes 4. Teil)

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Die Veränderung der handwerklichen Schreibtätigkeit beobachte ich als Veränderungen der angewendeteten Operationen. Ich unterstelle dabei, dass die Gesamtheit der Operationen immer dieselbe Tätigkeit repräsentiert, dass ich aber sehr verschiedene Operationen unterscheiden kann und dass sich dabei auch die Menge der unterschiedenen Operationen verändert. Als eigentliche Operationen bezeichne ich elementare Maschinenprozesse. Bei vielen Maschinen, die noch nicht hinreichend differenziert entwickelt sind, sind die Operationen in dem Sinne noch nicht elementar, als sie bei entwickelteren Maschinen noch weiter zerlegt werden. Jede ausdifferenzierte Operation beobachte ich als vorgängig implizit und wo ich noch keine Maschine und keine Werkzeuge verwende, projiziere ich die impliziten Operationen in die handwerkliche Tätigkeit, die ich genau in dieser Weise begreife. Das heisst, ich kann für mich nicht sinnvoll beschreiben, was ich beim Schreiben mache, solange ich das Schreiben nicht als automatisiertes Verfahren beschreiben kann.

Ich habe bislang erst den noch anschaulichen Anfang der Entwicklung der Schreibwerkzeuge dargestellt. Dem entsprechend sind auch die Operationen, die ich hier beschreibe, noch nicht sehr weit differenziert. Aber ein paar wichtige Aspekte des Schreibhandwerkes kann ich bereits darstellen.

Wenn ich eine elektrische Schreibmaschine verwende, kann ich realisieren, dass ich die Buchstaben nicht durch meine eigene Kraft auf das Papier bringe, sondern dazu einen elektrischen Motor verwende. Dabei entdecke ich, dass ich beim Schreiben mit dem Bleistift das Werkzeug mit meiner einen Kraft antreiben muss, was mir beim Schreiben mit dem Bleistift vielleicht nicht ohne weiteres auffällt, weil ich dabei ja nicht sehr viel Kraft brauche. Wenn ich aber eine sogenannt mechanische Schreibmaschine benutze – insbesondere nachdem ich einmal eine elktrische benutzt habe – merke ich, wie stark ich die Tasten anschlagen muss und wie sehr das meinen Schreibfluss stört. Ich erkenne auch, dass ich meine eingesetzte Kraft regulierung muss, damit ich ein regelmässiges Schriftbild erhalte. Auch das scheint mir hinreichend gewöhnlich, so dass es mir gar nicht unbedingt als Anforderung auffällt, wenn ich immer nur einen mechanische Schreibmaschine benutze. Etwa gleichzeitig wie die elektrische Schreibmaschine kamen auch elektrische Näh- und Bohrmaschinen auf den Markt. Bei diesen Motoren ist mir deren „Arbeit“ viel stärker aufgefallen.

Wenn ich eine mechanische Schreibmaschine benutze, sind die jeweils geschriebenen Exemplare (Token) desselben Buchstabens (Type) sehr ähnlich, von der Tastenanschlagsstärke abgesehen praktisch gleich. Das heisst ich muss mich nicht darum kümmern, dass die „a“ immer wie „a“ aussehen. Wenn ich dagegen mit einem Bleistift schreibe, muss ich mich sehr darauf konzentrieren. Das ist mir wohl aufgefallen, als ich schreiben lernte. Mit zunehmender Routine hätte ich es aber wohl allmählich vergessen, wenn ich nicht immer wieder Handschriften begegnet wäre, die ich nicht entziffern könnte, weil die Buchstaben für mich nicht hinreichend klar unterscheidbar waren.

Es gibt seit ein paar Jahren eine zunehmende Diskussion darüber, ob die Handschrift in der Grundschule noch unterrichtet werden sollte. Ich will hier nichts über die Funktion der Volkschule sagen, aber die Diskussionen zeigen, dass das Schreiben mit Aufwand gelernt werden muss, egal ob es sich um ein nützliches Können handelt oder nicht. (1)

Dass die Anforderung, einen bestimmten Buchstaben von Hand jedesmal hinreichend ähnlich herzustellen, beachtlich gross ist, zeigt sich in Schriftschablonen, die ihrerseits mit viel Aufwand hergestellt werden und bei der Verwendung den Aufwand des Schreibens eher erhöhen, wenn ich von von Hand nicht dasselbe Resultat anstrebe. Wenn ich eine Schablone verwende, muss ich das Schreibwerkzeug – das sich der Schalblone anpassen muss – immer noch von Hand antreiben, ich muss es aber nicht mehr selbst so steuern, dass die Buchstaben die gewünschte Form bekommen. Meine Feinmotorik wird entlastet, also auch mein Gedächtnis darüber, wie die einzelnen Buchstaben genau aussehen und wie sie herzustellen sind.

Wenn ich als Töpfer Schalen oder Krüge forme, kommt eine eigentümliche Differenz ins Spiel, in welcher alle je bestimmten Gebrauchsgefässe gleich sein sollten, was von Hand kaum machbar ist, in welcher aber die Verschiedenheit der gefertigten Artefakte umgekehrt als kunsthandwerklicher Ausdruck erscheint – was zeigt, dass Kunst gerade nicht von Können kommt. Viele maschinell gefertigte Artefakte – bekannt sind etwa „handgewobenen“ Teppiche – werden mit Abweichungen geschmückt, die zeigen, dass Handwerk kaum seriell möglich ist. Richtig schön – also nicht kunsthandwerklich schön – schreiben ist praktisch unmöglich.

Eine weitere Handwerksproblematik, die in der Schreibmaschine tendentiell aufgehoben ist, ist die Wahl des Materials der Schriftzeichen. Verschieden Materialien lassen sich verschieden gut verarbeiten, haben aber auch verschiedene Eigenschaften, die sich als Nachteile auswirken können. Tinte ist nachhaltiger als das Blei vom Bleistift, sie verschmiert aber leicht, solange sie nicht getrocknet ist. Das ist nicht der einzige Nachteil von Tinte. Sie ist aufwendiger aufzubewahren, sie kann vor Gebrauch vertrocknen, sie macht die Werkzeuge schmutzig, so dass ich sie nach Gebrauch reinigen musskalligraphie. (2)

Wenn ich beim kalligraphieren mit Pinsel und selbsthergestellter Tinte arbeite, erscheinen mir alle Herausforderungen des Schreibhandwerkes, die ich beim Handschreiben pragmatisch ausblende, als das, was das Kunsthandwerk ausmacht. Mit einem Pinselstrich einen kreisrunden Kreis mit gleichbleibender Strichbreite und Farbfüllung mit einen ansatzlosen rythmischen Schwung herzustellen, ist für mich eine gute Vergegenwärtigung dessen, was metext2in von Hand schreiben vom Schreibmaschinenschreiben handwerklich unterscheidet.

Ich wende mich jetzt wieder der Entwicklung der Schreibwerkzeuge zu. Dabei geht es im Sinne der Manufaktur vor allem auch darum, dass zuvor vom Schreiben abgetrennte Funktionen integriert werden. Den anschaulichsten Fall habe ich bereits erwähnt. Die Fernschreibemaschine hebt die Funktion eines Postboten auf, der retrospektiv eine zum Schreiben gehörige Teiloperation erfüllt. Wenn ich Text herstelle, hat der Text – weil er ein Artefakt ist – zwangsläufig einen Ort, den ich beim Herstellen festlege. Wenn ich beispielsweise einen Brief schreibe, impliziere ich sozusagen, dass die Buchstaben zunächst an einem falschen Ort entstehen und nachträglich an den richtigen Ort getragen werden. Der Briefträger erfüllt eine Funktion, die dadurch entsteht, dass ich den Text nicht am von mir gewünschten Ort erstelle. Die Fernschreibmaschine steht am Anfang einer integrierteren Schreibtechnik, die ich jetzt genauer beobachten will.


1) Mit meiner Unterscheidung zwischen Wissen und Können wäre eine Schule, die der Bildung statt der Ausbildung verpflichtet ist, nicht der Ort, wo ein Können vermittelt wird. Aber das einzige, was viele Menschen ihrer Selbsteinschätzung nach in der Schule gelernt haben, ist das Schreiben – und damit ist hauptsächlich das hier gemeinte handwerkliche Schreiben gemeint, also vielmehr das Schreiben von Wörtern als das Schreiben von Worten. (zurück)

2) Die Differenz zwischen Laser und Inkjet zeigen mir auf meinen Schreibtisch, dass die Materialproblematik nicht entschieden ist – von der professionellen Farbherstellung mal ganz abgesehen. (zurück)

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last update 7. 4.2015 /

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