Computer als Textwerkzeug (Automatisierung 1. Teil)

Schönschreiben (Aufhebung des Handwerkes 4. Teil) <-   Computer als Textwerkzeug (Automatisierung 1. Teil) -> Text im Computer (Automatisierung 2. Teil)


Als Aufhebung des Handwerkes sehe ich einerseits die Enteignung der Produktionsmittel in Form der Lohnarbeit in der Manufaktur und noch mehr in der entwickelten Industrie, in welcher die sogenannte wissenschaftliche Betriebsführung die Aufhebung des Handwerkes als explizites Ziel verfolgte. Dabei wird das für die Arbeit notwendige Geschick oder Können auf arbeitsteilig organisierte Arbeiter aufgeteilt. Andrerseits führt die Entwicklung der Werkzeuge dazu, dass bestimmte Geschicklichkeiten nicht mehr gefragt sind. Wenn ich eine Schreibmaschine habe, muss ich das Handschreiben – im Prinzip – nicht mehr können.

Als Entwicklung der Werkzeuge sehe ich einerseits, dass ein bestimmtes Werkzeug laufend verbessert wird. Eine solche Entwicklung sehe ich etwa darin, dass auf den Federkiel die metallene Schreibfeder, der Füllfederhalter, der Kugelschreiber und der Filzstift folgten. Auch solche Entwicklungen nehmen Einfluss auf das handwerkliche Können. Ich beobachte hier aber eine viel weitergehende Entwicklung, in welcher aus Werkzeugen zunächst Maschinen und schliesslich Automaten werden.

Als Maschine bezeichne ein Werkzeug, das mit toter Energie angetrieben wird. Als “tote“ Energie bezeichne ich dabei Energie, die nicht im Lebewesen gespeichert ist, das die Maschine verwendet. Typische Beispiele sind etwa das Wasser auf dem Mühlrad, elektrischer Strom und Benzin. Bei einer Maschine brauche ich nicht meine eigene Kraft, um das Werkzeug anzutreiben, bei einer Maschine wird das eigentliche Werkzeug von einem Motor angetrieben. Als Automat bezeichne ich eine Maschine, bei welcher die beobachteten Operationen maschinell geregelt sind, so dass ich sie mit einem Regelkreis-Schema (Feedback) sinnvoll beschreiben kann.

In der Alltagssprache verwende ich verwende ich die Ausdrücke Maschine und Automat konventionell. Ich spreche etwa von einer Schreibmaschine, auch wenn es sich im von mir definierten Sinn nicht um eine Maschine handelt, sondern um ein mechanisches Gerät. Auch bezüglich Automaten ist die Alltagsprache beliebig. Hier geht es mir aber in einem begrifflichen Sinn um die Aufhebung spezifischer Operationen des Handwerkes. Und dabei unterscheide ich das Antreiben und das Steuern des Werkzeuges, was beim Automaten auf zwei getrennten Energiekreisen passiert.

Wenn ich von Hand schreibe, muss ich den Bleistift antreiben und steuern. Das Antreiben erfolgt mit der „lebendigen“ Energie meiner Muskelkraft und das Steuern erfolgt mit einer zweiten lebendigen Energie, die in meinen Nerven fliesst und meine Muskeln steuert, wobei ich mit den Augen laufend kontrolliere, was ich mit dem Bleistift in meinen Handmuskeln gerade herstelle.

Ich will an dieser Stelle noch auf einen anderen Sprachgebrauch aufmerksam machen. Ich unterscheide – im Prinzip – zwischen Geräten und Werkzeugen. Als Geräte bezeichne ich Artefakte, die in einem spezifischen Sinn keine Werkzeuge sind. Werkzeuge verbinde ich mit transitiven Verben, Gerät mit intransitiven. Ich sage etwa das Messer schneidet das Brot. Dagegen ordne ich Geräten wie etwa dem Telefon oder dem Motorrad keine Objekte zu, für die sie Mittel sind. Geräte dienen mir quasi direkt oder unmittelbar. Ich kann mit Werkzeugen als Mittel einen Stuhl herstellen und der Stuhl befriedigt mein Bedürfnis bequem zu sitzen.

Mit dieser Unterscheidung spreche ich Schreib-Werkzeug und meine den Text als materielles Objekt, das ich mit dem Werkzeug herstelle. Ich würde allenfalls von einem Schreib-Gerät sprechen, wenn ich etwas meinen würde, was mir unmittelbar, sozusagen wie die Erfahrung meines eigenen Singens Unterhaltung bietet. Anstelle von Gerät ist auch oft von einem Medium die Rede. Text wird dann auch entmaterialisiert als Medium gesehen, während ich Text wie einen Stuhl benutze, wenn ich lesen will. In diesem Sinne ist Text ein Gerät, das ich mit einem Werkzeug herstelle.

Ich spreche von einer Mechanisierung des Schreibens, wenn ich Werkzeuge verwende, die ich als Mechanismen beschreiben kann. Typischerweise ist das bei der mechanischen Schreibmaschine der Fall. Den Ausdruck „Mechannaehmaschineismus“ verwende ich eigentlich, wenn ich die Funktionsweise einer Maschine hervorheben will. Es gibt aber eben „nicht mit toter Energie“ angetriebene Maschinen. Ein dafür typisches Beispiel ist auch die Tretnähmaschine meiner Grossmutter, die beachtlich kompliziert ist, aber getreten werden muss wie ein Fahrrad, weil wie bei der mechanischen Schreibmaschine der Motor noch fehlt.

Die Entwicklung der Schreibwerkzeuge endet vorerst beim Computer. Ich werde diese Entwicklung nicht nach dem historischen Auftreten von verschiedenen Vorstufen beschreiben, sondern mich direkt mit dem Computer befassen, aber zur Verdeutlichung ein paar Rückgriffe machen. Als Computer bezeichne ich in einem ganz umgangssprachlichen Sinn meinen PC, an dem ich diesen Text schreibe. Da PC ja für Personal-Computer steht, ist diese Vereinbarung ziemlich tautologisch. Und dass ich „an“ einem Computer sitze, sagt umgangssprachlich, dass diese Maschine ein beachtliche Grösse hat. Damit ist aber natürlich die Grösse der technologischen Kompliziertheit gemeint, denn als pc_ibm_5150„Gerät“ ist mein PC ziemlich klein. Die ersten Computer waren so gross, dass ich mich nicht an den Computer, sondern an das Eingabeterminal gesetzt hätte. So sage ich ja auch, dass ich mich an die Schreibmaschine setze.

Ich spreche also umgangssprachlich von einem Computer oder einem PC. Hier will ich aber den Begriff Computer etwas genauer betrachten. Das Wort „Computer“ verweist ja eher auf Rechnen als auf Schreiben. Das kommt daher, dass die Erfinder des Computers das Rechnen für die anspruchsvoller Tätigkeit hielten als das Schreiben. C. Babbage, der als einer der Urväter des Computers gilt, sah zwar in seiner „Analytical Engine“ eine Verbesserung der damals vorhandenen Rechenmaschinen, aber er hat schon damals erstaunlich viel Erfindergeist darauf verwendet, wie sein Rechner die Zahlen zu Papier bringen sollte. Die Maschine sollte Lochkarten oder metallene Druckplatten stanzen. Ich sehe allerdings keinen Hinweis darauf, dass C. Babbage ans Schreiben gedacht hatte – wenn ich das Schreiben von Rechenergebnissen in Form von Zahlen und das Schreiben von Texten unterscheide. Der Ausdruck „Computer“ wurde einhundert Jahre später in der Kriegstechnologie der US-Amerikaner geprägt, J. von Neuman sprach in seiner Theorie von einem „computing system“, die dann gebaute Maschine wurde EDVAC (Electronic Discrete Variable Automatic Computer), also Computer genannt. Auch K. Zuse, der unabhängig von den Amerikanern – aber wohl nicht ganz unabhängig von C. Babbage – eine Maschine entwickelte, sprach von einer Rechenanlage.

Da ich, wie wohl die meisten Menschen, den Computer praktisch nie zum Rechnen, sondern fast ausschliesslich zum Schreiben verwende, sehe ich ihn naheliegenderweise in einem anderen Licht und beschreibe ihn deshalb auch anders, eben als Schreibwerkzeug. Als Computer bezeichne ich programmierbare Automaten, deren Prozessoren ich zur Symbolproduktion benutze. In anderen – generelleren – Automaten werden Prozessoren funktional anders verwendet, in der meiner thermostatengeregelten Heizung etwa wird mittels des Prozessors keine Symbolanzeige, sondern die Raumtemperatur gesteuert. Ob das, was im Prozessor geschieht mit Rechnen gut beschrieben ist, will ich ausser Acht lassen. Es gibt ja auch Neurotiker, die sagen, dass ich mein Gehirn als Rechner benutze, wenn ich Texte schreibe.

Die funktionale Bestimmung – auf deren inverse Funktion einen Benutzer zu „steuern“, ich später zurückkommen werde – sagt natürlich nicht, wie ich mit dem Computer Text produziere und auch nicht, wie darin das Handwerk aufgehoben ist. Aber ganz vordergründig kann ich die Tastatur sehen, die wie jene einer Schreibmaschine aussieht. Ich kann also den Mechanismus anschauen, der zwischen meiner Benutzung der Tastatur und der Herstellung des Textes vermittelt.

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last update 8. 4.2015 /

 

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6 Antworten zu “Computer als Textwerkzeug (Automatisierung 1. Teil)

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  5. meine kleine zusammenfassung

    – das Werkzeug messer ohne brot ist wie ein fisch ohne fahrrad 😉
    – dagegen kann ich ein telefon g e r ä t unmittelbar nutzen
    – [Anmerkung der Autorin: falls es sich um eine drahtlose variante handelt, kann ich dabei gleichzeitig pinkeln und telefonieren, wie das mein mann auf unserem trip in den süden auf der herrentoilette gerade beoachtet hat. dies gab anlass zu wilden soziologischen spekulationen, ohne dass wir dafür autorisiert gewesen wären 😉 ]
    – in Automaten werden antrieb und steuerung in zwei unabhängigen funktions-(?) kreisen geregelt.
    – eine nähmaschine, die noch mit fussantrieb über ein schwungrad angetrieben wurde, habe auch ich noch benutzt und geliebt. (ist sie nun nach deiner ableitung gerät oder werkzeug ?)
    – es wäre entschieden angenehmer, würden sich neurotiker damit begnügen, spekulationen über ihre eigenen gehirnprozesse auszubrüten 😉

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  6. die Tretnähmaschine ist ein Werkzeug, weil ich damit etwas herstelle (oder wiederherstelle). Ich weiss nicht, ob sie ein Werkzeug oder eine Maschine ist, weil sie als Mechanismus wie eine Maschine ist, aber nicht mit toter Energie angetrieben wird.
    Sie ist für mich vor allem ein Beispiel dafür, dass sich sehr viele Dinge meiner Logik widersetzen und dass ich deshalb meine Logik trotzdem beibehalte, solange ich keine passendere finde. Der Witz der Theorie ist zu sehen, was alles nicht passt.

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