Text im Computer (Automatisierung 2. Teil)

Computer als Textwerkzeug (Automatisierung 1. Teil) <-   Text im Computer (Automatisierung 2. Teil) -> Textkorrekturen (Automatisierung 3. Teil)


Ich werde später auf eine Art „automatisierten“ Text zurückkommen, wenn ich Hypertext beobachte. Hier geht es mir noch nicht darum, Text zu mechanisieren oder automatisieren, sondern die Automatisierung der Textproduktion. Wenn ich mit dem Computer Text herstelle, beabsichtige ich beispielsweise einen gewöhnlichen Brief zu schreiben, den ich mit der Post in einem adressierten und franktierten Couvert verschicken will. Dazu werde ich den Brief auf meinem Drucker ausdrucken, also Tinte auf ein Papier auftragen, wie ich es mit einem Füllfederhalter auch machen könnte. Ich schreibe aber dabei auf einer Tastatur und ich sehe, was ich schreibe, auf dem Bildschirm meines Computers, während der Drucker noch „schweigt“, also keinen Text produziert.

Mein Computer ist ein sehr weit entwickeltes Schreibwerkzeug, dessen Technik ich überhaupt nicht verstehen muss, um den Computer zu verwenden. Ich muss als Anwender von Maschinen die Maschinen benutzen können, aber ich muss nicht wissen, wie sie konstruiert sind oder wie sie funktionieren. Ich muss nicht wissen, wie der Elektromotor funktioniert, der meine Zahnbürste antreibt und ich muss nicht wissen, wie der Motor in meinem Auto funktioniert, wenn ich das Auto fahre. Ich kann aber kaum umhin, es doch irgendwie zu wissen, also mir irgendwelche Vorstellungen davon zu machen. Zumindest kann ich die Blackbox erkennen, die dafür steht, dass ich nicht weiss, was drinnen genau passiert. In Bezug auf Computer finde ich selten Beseelungsvorstellungen, was vielleicht mit dem Konzept einer künstlichen Intelligenz zu tun hat, das den Computer immer schon begleitet hat. In dieser Vorstellung ist der Computer irgendwie intelligent, aber sicher künstlich, also von Menschen hergestellt. Meinem eigenen Computer sehe ich ohne irgendwelches Zögern an, dass er ein Artefakt ist. Naiverweise verbinde ich damit, dass jemand wisse, wie er konstruiert sei und wie er funktioniere. Weniger naiv erkenne ich, dass so komplizierte Maschinen extrem arbeitsteilig hergestellt werden, so dass es kaum jemanden gibt, der das Gesamt begreift. In einem Buch, das T. Kidder sinnigerweise die Seele der Maschinen nannte, habe ich darüber gelesen, wie oft auch hochspezialisierte Teilarbeiter ihren eigenen Beitrag so wenig verstehen, dass sie doch von einer Seele sprechen.

Wenn ich rekonstruiere, wie ich mit dem Computer schreibe, muss ich Operationen auseinanderhalten, also eine Vorstellung der Funktionsweise des Computers haben. Hier interessiert mich nicht der Computer insgesamt, sondern die spezifischen Aspekte der computerunterstützen Textherstellung. Ich beobachte deshalb den Computer unter einer spezifischen Perspektive. Ich beginne quasi mit dem Ende des Schreibprozesses, also mit dem hergestellten Text.

Zuerst fällt mir auf, dass ich den Text quasi mehrfach erzeuge, weil ich ihn am Bildschirm und auf dem bedruckten Papier sehen kann. Es ist aber anders als wenn ein Redakteur mit einem Bleistift ein Manuskript schreibt, das dann von seiner Sekretärin mit der Schreibmaschine abgetippt und schliesslich von einem Schriftsetzer in Blei gesetzt wird. Durch den Computer stelle ich die verschiedenen Textarten desselben Textes selbst her.

Der Drucker, den ich verwende, drückt Tinte auf Papier. Die dabei verwendete Technik unterscheidet sich sehr von einer Schreibmaschine, aber der Text als Artefakt ist davon kaum betroffen. Der Text auf dem Bildschirm dagegen hat eine ganz andere dissipative Materialität. Wenn ich den Bildschirm abschalte, verschwindet der Text, aber nicht in derselben Weise, wie ein Zeitung vor meinen Augen verschwindet, wenn ich nachts das Licht ablösche. Der Zeitungstext bleibt – weil es auch Tinte besteht – erhalten, ich kann ihn in Dunklen nur nicht mehr sehen.

Der Text am Bildschirm beruht auf einer durch elektrischen Strom veranlassten Materialveränderung, die wie eine Kerzenflamme solange erhalten bleibt, wie ich Energie zuführe. Ich bezeichne Strukturen, die nur unter Energiezufuhr bestehen bleiben als dissipativ, während ich in dieser Differenz Texte aus Tinte als konservative Strukturen bezeichne, deren Auflösung Energie verlangt. Die Materialität des Bildschirmtextes besteht aus dem Material des Bildschirmes, das – pixelweise – in einen leuchtenden Zustand versetzt wird.

Bei der – mechanischen – Schreibmaschine kann ich leicht nachvollziehen, wie ich mit dem Drücken einer Taste einen Buchstaben schreibe. Bei meinem Computer dagegen muss ich ziemlich kreativ sein. Ein primitives Modell ergibt eine einzelne Glühbirne, die ich mit einem Schalter zum Ein- und Ausschalten. Die Glühbirne lamperepräsentiert den Bildschirm und der Schalter repräsentiert die Tastatur dieses einfachen Computers. Durch „Eingaben“ auf der Tastatur, wird bestimmt, was der Bildschirm zeigt. In diesem Modell ist noch kein Prozessor vorhanden, und deshalb auch nur der primäre Energiekreis, der der Funktion der Lampe dient, also den „Bildschirm“ hell macht. S. Morse hat gezeigt, dass man auch mit einem so primitiven „Bildschirm“ beliebig differenzierte Darstellungen codieren kann.

Ich will hier das Modell des Bildschirmes, der aus 1200 x 800 Glühbirnen besteht nicht weiterentwickeln, sondern das Phänomen mit dem Wort „Prozessor“ verklären. Zu meiner Vorstellung des Computers gehört, dass das, was auf dem Bildschirm passiert, in einem sogenannten Arbeitsspeicher gesteuert wird. Dieser Arbeitsspeicher ist eine Art Metapher für einen Industriespeicher, in welchem allerlei Arbeiter arbeiten. Wenn ich die Tasten drücke, verändere ich – in diesem Bild – den Arbeitsspeicher. In einer einfachen Vorstellung ist der Arbeitsspeicher eine magnetisierbare Schicht, wie ich sie von einer Computerdiskette kenne. Statt den elektrischen Strom auf einen Bildschirm zu lenken, schreibe ich die Buchstaben auf den Disk. Der Text besteht dann beispielsweise aus harddisk_head „elektronischen Zeichen“. Elektronisch bedeutet, dass die Zeichenmittels eines elektronischen Schreibgerätes hergestellt werden, welches beispielsweise im Falle der verbreiteten Harddisks mit mit einer Art Schreibstift, der als Magnetkopf bezeichnet wird, geschrieben. Der Magnetkopf magnetisiert bestimmte Stellen in der Eisenoxidschicht auf der Disk.

Während beim Schreiben mit einem Bleistift die Zeichenkörper aus Graphit bestehen, die ich mit dem Bleistift auf das Papier auftrage, verändere ich mit dem Magnetkopf ein bereits vorhandenes Material. Das Prinzip ist bei der Lochkarte ersichtlich, wo ein Loch gestanzt wird oder eben nicht. Die Lochkarte ist dann das Text-Material und die Anordnung der Löcher ist die Form dieses Materials. Der Zeichenkörper ist also geformtes Material. Auf dem Harddisk ist das Material die Eisenoxidschicht und die Form des Zeichenkörpers ist die Anordnung der Magnetisierungen. In vielen Arbeitsspeichern werden andere Schreibwerkzeuge verwendet, das Prinzip bleibt aber dasselbe.

Die Zeichenkörper werden im Computer so viel oder so wenig gespeichert, wie auf einem Brief. Die Zeichenkörper werden als Artefakte hergestellt und sind dann an einem bestimmten Ort, wenn man will, gelagert, aufgestellt oder eben gespeichert. Die elektronisch gespeicherten Zeichenkörper sind zwar physisch, sie sind aber im Unterschied zu den Buchstaben auf einem Briefpapier nicht „von Auge“ lesbar. Sie sind viel zu klein, als dass ich sie von blossem Auge sehen könnte, und selbst wenn ich sie durch eine mächtige Lupe sichtbar machen könnte, hätten sie immer noch eine Form, die für mich kaum identifizierbar und mithin lesbar wäre. Ich brauche deshalb allerlei „Lese“geräte, die zwischen verschiedenen Zeichenformen vermitteln. Ein Lochkartenleser tastet mit stromleitenden Metallbürsten die Lochmuster ab, Scanner leiten reflektiertes Licht auf einen Lichtsensor, der analog der Retina funktioniert, und natürlich ist auch der Bildschirm in dieser Perspektive ein dissipatives Lesegerät für den Text im Arbeitsspeicher.

weiter zu: Textkorrekturen (Automatisierung 3. Teil)


last update 9. 4.2015 /

Werbeanzeigen

4 Antworten zu “Text im Computer (Automatisierung 2. Teil)

  1. Pingback: Computer als Textwerkzeug (Automatisierung 1. Teil) | Schrift-Sprache

  2. Pingback: Textkorrekturen (Automatisierung 3. Teil) | Schrift-Sprache

  3. Pingback: Computer-Text (Automatisierung 7. Teil) | Schrift-Sprache

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s