Bildschirm-Text (Automatisierung 5. Teil)

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Als Modelle für komplizierte Maschinen fungieren oft deren einfacheren jacquard_schemaVorgänger, die noch anschaulicher waren. Ein oft zitiertes Beispiel ist der Lochkarten gesteuerte Webstuhl von J. Jacquard. Wenn ich diesen Webstuhl als Modell verwende, bilden die Lochkarten den Text und das gewobene Textil die Ausgabe, die ohne Textträger auskommt. Ich muss den Text schreiben, indem ich die Lochkarten gemäss eines Codes loche. Dann lege ich die Lochkarten in eine Schachtel, die ich als Speicher auffassen kann. Wenn ich eine Kopie des Textes in einem anderen Medium herstellen will, also wenn ich den Text sozusagen ausdrucken will, muss ich die Lochkarten in den Webstuhl einspannen und den Webstuhl laufen lassen. Natürlich muss ich auch des Textmaterial eingeben, das heisst ich muss das Garn oder die Seide, die ich ich verarbeiten und in die entsprechende Form will, einbringen, so wie ich Tinte in meinem Drucker brauche.

Als Code bezeichne ich eine Tabelle, in welcher Zeichenkörper aus einem Alphabet Zeichenkörpern eines anderen Alphabetes zugeordnet werden. Beim Webstuhl entspricht eine Lochkarte mit bestimmten Löchern einer bestimmten Farbkombination in der Textilausgabe. Codieren bedeutet nicht einen Code herzustellen, sondern einen Code anzuwenden. Ich kann einen Text codieren, indem ich dessen Zeichen gemäss dem Code, also gemäss der Tabelle durch andere Zeichen ersetze, etwa Buchstaben durch Morse-Zeichen und ich kann ihn dann wieder de-codieren, was einem Codieren in die andere Richtung entspricht.

Bei Webstuhl geht es wie beim Computer um eine gewünschte Text-il-Ausgabe. So wie ich den Text handwerklich mit einem Bleistift schreiben kann, kann ich das Textil von Hand weben. Der elektrischen Schreibmaschine entspricht ein in der Manufaktur mit Wasserkraft angetriebener Webstuhl, der unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen statt Freude zu machen zu Maschinenstürmerei der Lohnnehmer führte.

Der Jacquard-Webstuhl „automatisiert“ das Herstellen von bestimmten Textmustern, die auf den Lochkarten vorgegeben sind. Der Webstuhl insgesamt bleibt eine Maschine und nur bestimmte Aspekte oder Operationen sind automatisiert. Die Klettfäden und das Garn müssen weiterhin von Hand eingespannt werden und vor allem muss das Muster des Textes zuerst von Hand auf die Lochkarten geschrieben werden. Der Automat des Webstuhles – zu welchem natürlich auch das Lochkartenschreibwerkzeug gehört – überträgt dann den Text von den Lochkarten auf das Textil. Wie dieser Mechanismus genau funktioniert, will ich hier nicht beschreiben. Anhand der schematischen Zeichnung im vorangehenden Abschnitt ist das Prinzip des Mechanismus erkennbar. Hier geht es nur darum, dass ein Mechanismus diese Übertragung macht – und natürlich darum, dass der Text beliebig oft ausgedruckt werden kann, nachdem er einmal auf den Lochkarten geschrieben wurde.

Die Lochkarte entspricht in gewisser Weise den Druckplatten, aber der Mechanismus ist wesentlich komplizierter , weil ja auch die Textausgabe eine entsprechend aufwendigere ist. Die Textausgabe auf dem Bildschirm meines OLYMPUS DIGITAL CAMERAComputers ist auch etwas komplizierter als auf Papier geduckte Buchseiten. Wenn ich mit meinem Computer Text herstelle, schreibe ich heute keine Lochkarten mehr. Ich schreibe eine Magnetschicht in den Arbeitsspeicher. Auch dabei verwende ich einen Mechanismus, den ich hier als Blackbox behandle, weil ich dessen Konstruktion nicht darstelle. Ich stelle mir diesen Mechanismus aber ganz analog zu einem Lochkartenschreibwerkzeug mit einer Tastatur vor, so dass ich mit bestimmen Tasten ein bestimmtes Textmuster erzeuge. Wenn ich den Text einmal geschrieben und so – indem er materiell vorhanden ist – quasi gespeichert habe, kann ich den Text beliebig oft – automatisch – in den Bildschirm bringen, wozu ich eben wieder einen Mechanismus verwende, den ich mir analog zum Lochkartenleser am Webstuhl vorstelle. Mir ist bewusst, dass der Bildschirm ganz anders funktioniert als ein Webstuhl. In meinem bisherigen Modell ist auch der Bildschirmmechanismus einfach eine Blackbox, von der ich weiss, dass ich sie bei Bedarf genauer beschreiben könnte. Das Automatische ist eine Maschine, die auf Knopfdruck einen Text herstellt, der eine Kopie eines Textes ist, der in einer anderen materiellen Form vorliegt.

Der Computer ist in einer wesentlichen Hinsicht entwickelter als der Webstuhl. Vordergründig zeigt sich mir das so, dass ich einen gespeicherten Text an den Bildschirm holen und ihn verändern kann, bevor ich ihn erneut ausdrucke. In dieser funktionalen Sicht ändere ich den Text am Bildschirm, wobei der Bildschirm zusammen mit der Tastatur als Text-Eingabegerät erscheint. Dem entspricht auch die umgangssprachliche Redeweise, wonach ich einen Text zunächst am Bildschirm schreibe und ihn danach im Computer speichere. In diesem umgangssprachlichen Sinn wird der Text erst zum wirklichen Text, wenn ich ihn abspeichere. Davor scheint er in einem flüchtigen, nicht fassbaren Zustand noch nicht richtig zu existieren. Bei einem Stromausfall oder einer anderen Störung verschwindet diese flüchtige Erscheinung im Nichts.

In meiner Modellierung verändert der Computerbildschirm – was nebenbei bemerkt ein recht eigentümlich gewählter Ausdruck ist – seine Funktionsweise während einer Texteingabe nicht, er bleibt ein Ausgabegerät, auf welchem eine dissipative Kopie des Textes angezeigt wird. Der Text, den ich schreibe und verändere, ist im Arbeitsspeicher, wo er bei modernen Computern auch in einer dissipativen Form vorliegt, was ihn aber in keiner Weise weniger materiell macht. Alle Lebewesen sind dissipative Strukturen. Die einfache – automatische – Veränderbarkeit des Textes beruht darauf, dass die Magnetisierung mit dem Computermechanismus einfach zu verändern ist. Der Mechanismus macht möglich, dass ich jede Veränderung des Textes im Arbeitsspeicher am Bildschirm sofort sehen kann.

Ich kann nicht nur den jeweils veränderten Text sehen, sondern insbesondere auch durch den Cursor, dessen Position ich mit dem Mauszeiger steuern kann, an welcher Stelle ich den Text aktuell verändern könnte. Natürlich bewege ich dabei den Schreibmechanismus, nicht den Cursor am Bildschirm, der nur als Anzeige dient. Und meine Redeweise, wonach ich den Schreibmechanismus „bewege“, ist auch als eine bleistiftanaloge Metapher gedacht, weil ich nicht sehen kann, dass im Arbeitsspeicher ein Schreibwerkzeug bewegt wird.

Schliesslich ermöglicht der Computer das Kopieren von Textteilen, die ich in andere Texte einfügen kann. Ich kann also an der Stelle, an welcher der Cursor steht, nicht nur einzelne Schriftzeichen, sondern ganz Sequenzen einfügen. Diese Textteile kann ich funktional „zwischenspeichern“, indem ich aus bereits vorhandenen Texten Teile markiere und in ein eigenes „Dokument“ kopiere. Auch dafür ist ein Mechanismus vorhanden, der fraktal wiederholt, was der Textmechanismus insgesamt macht. Ich will mein Modell des Computers hier nicht weiterentwickeln, aber noch eine theoretische Erwägung zur Differenz zwischen Funktion und Funktionsweise anführen.

Als Funktion bezeichne ich formal oder abstrakt eine Wertezuordnung, die ich mathematisch als y=f(x) darstelle. In Bezug auf einen Mechanismus ist die Funktion die Relation zwischen Input und Output, die bei einem Artefakt als Zweck erscheint. Die Funktion des Computers besteht darin, als Werkzeug bei der Text- oder allgemeiner bei der Symbolherstellung zu dienen, also darin aufgrund einer Eingabe eine bedingte Ausgabe zu produzieren. Wenn ich den Computer beispielsweise als Rechner benutze und über die Tastatur „2 + 2 = “ eingebe, muss er das Zeichen „4“, respektive „2 + 2 = 4“ anzeigen. Ich sage auch, dass das der Sinn des Computers ist, oder dessen Gegenstandsbedeutung, weil er eigens dafür hergestellt wurde.

Zu jeder in einem Artefakt realisierten Funktion kann ich nach der Funktionsweise fragen. Die Funktion verstehe ich in diesem Fall als Verhalten blackbox_inneneiner Blackbox, wobei ich mich frage, wie die Blackbox funktioniert. Die Funktion der Blackbox bezeichne ich in diesem Fall als Phänomen und die Funktionsweise der Blackbox als Erklärung des Phänomens. Die Funktionsweise beschreibe ich, indem ich einen Mechanismus beschreibe.

Im Falle des Computers ist der Computer die Blackbox, also ein Gehäuse, in welches ich nicht sehen kann, mit einen Input- und einem Outputbereich an der Oberfläche der Blackbox, die ich als Tastatur und als Bildschirm bezeichne. Der Mechanismus, den ich konstruiere, zeigt mir, wie Eingaben und Ausgaben zusammenhängen, also wie ich mir die Funktionsweise der Blackbox vorstelle. Differenztheoretisch unterscheide ich Funktion und Funktionsweise, wobei die Funktionsweise als Menge von Funktionen erscheint.

Hier geht es darum, die Operationen bei der Herstellung von Text zu beobachten, die im Computer aufgehoben sind. Diese Operationen bilden eine Funktionsweise des Schreibens, die ich verallgemeinert auf das Handwerk des Schreibens generell beziehe. Diese Operationen,, die mein Begreifen des Schreibens verkörpern, sind zwar meine Konstruktion, es sind aber keine Hirngespinste, sondern Vorstellungen zu einer konkreten Maschine, die von Menschen konstruiert wurde.

weiter zu: Dokumente und Textbausteine (Automatisierung 6. Teil)


last update 15. 4.2015 /

 

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9 Antworten zu “Bildschirm-Text (Automatisierung 5. Teil)

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  2. „Der Text, den ich schreibe und verändere, ist im Arbeitsspeicher, wo er bei modernen Computern auch in einer dissipativen Form vorliegt, was ihn aber in keiner Weise weniger materiell macht. Alle Lebewesen sind dissipative Strukturen.“
    an dieser stelle hat sich eine falsche farbe reingemogelt 😉
    aber ein etwas ausführlicher exkurs in richtung dissipative strukturen im umfassenderen sinne und auch auf lebewesen bezogen, wäre spannend 🙂

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    • was meinst Du mit falscher Farbe?
      zu dissipativ habe ich ja früher ein paar Anmerkungen gemacht, aber natürlich ist das ein grosses Thema (sozusagen für eine 2. Spalte). Für mich ist der Ausdruck dissipativ eine zentrale Kategorie der Systemtheorie, aber es ist mir bewusst, dass das Wort nicht sehr geläufig ist, obwohl Prigogine dafür schon vor langer Zeit einen Nobelpreis bekommen hat.

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      • mit falscher farbe meinte ich den 1 satz „alle Lebewesen sind dissipativ“ davor geht es aber gerade um Nichtlebewesen und im folgesatz dann auch um Nichtlebewesen.
        deinen anmerkungen und der wichtigkeit dieses begriffs war ich vorher gefolgt.

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        • ahh, danke. Da würde ich von einer Abschweifung sprechen, was ich nur bedingt „falsch“ finde. Es ist ein assoziativer Einschub aus einer anderen Welt oder einer andern Logik. Und dahinter steht eine lange Geschichte, die mir beim Schreiben nicht bewusst war, die sich aber so wieder in den Vordergrund drängte: H. Stierlin sagte in der Ankündigung einer Rede von Maturana (am Konstruktivistenkongress), dass Maturana ursprünglich (als Biologe) ein Materialist gewesen sei und dann ein Idealist geworden sei. Maturana hat dann diese Unterscheidung einfach zurückgewiesen, ohne darauf einzugehen.
          Meine Vermutung ist, dass beide nicht wissen, was sie mit Materialismus bezeichnen. Und „dissipativ“ steht in gewisser Weise dafür, dass Lebewesen „materiell“ sind, was ich blödsinnig finde.

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          • ja, das war eher bildlich (vom weben) ausgedrückt von mir, sorry 😉
            ja, dieser kommentar von dir wäre auch was für die 2. spalte, nicht ??

            immerhin bekam ich beim dem wort „materiell“ ein leichtes lidflattern, also ich merke ganz gut, wenn da etwas „neues mit bestimmten kontext“ in deinen zeilen aufscheint. 😉

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            • ich bin froh über Deine Hinweise !! Und ich merke, dass sich immer verschiedene Geschichten vermischen, es ist schiwerig beim Thema zu bleiben (die Affen in meinem Kopf zeigen ständig in andere Richtungen, sie verzetteln mich, sag ich im TaiChi, wo ich dann auch merke, wer der Affe ist ;-).
              Die zweite Spalte ist bald ein eigenes Buch …

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              • hihi 😉

                bald ein eigenes buch, cool !!
                aber dennoch: meine affen rufen immer: ich will es anschaulicher, ist es dann anschaulich, wollen sie es abstrakter, und so jumpen sie hin und her. da ihr gehirn ja nicht so weit entwickelt ist und auch meines in grenzen, haben wir gemeinsam eine vorliebe zum switchen zwischen verschiedenen, aber gut markierten, ebenen. vielleicht auch deshalb, weil es dem leben selbst ja viel ähnlicher ist, als diese destillate ….

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