Dokumente und Textbausteine (Automatisierung 6. Teil)

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Wenn ich mit dem Computer Texte herstelle, kann ich den Text in dem Sinne von Grund auf neu konstruieren, dass ich jedes Schriftzeichen mittels der Tastatur schreibe. Ich kann aber auch einen Text, den ich bereits habe, verändern, was ich umgangssprachlich als Textbearbeiten bezeichne. Als Bearbeiten bezeichne ich schmiedgenerell das Verändern von etwas bereits Kultiviertem. Ich bearbeite etwa ein Stück Eisen, aber ich bearbeite kein Eisenerz, das noch im Naturzustand ist. So wird mir Text als Artefakt nochmals in einem neuen Sinn bewusst, nämlich dass er als Gegenstand bearbeitbar, in seiner Form veränderbar ist.

Wenn ein Text aus Knetebuchstaben besteht, kann ich die Buchstaben von Hand verändern und verschieben. Wenn der Text aus Tinte auf Papier ist, kann ich ihn praktisch nicht bearbeiten. Ich kann dann aber den Textträger bearbeiten, in dem ich das Papier zerschneide und neu zusammenfüge, wodurch sich der Text verändert. Mit dem Computer kann ich Text in vielen Hinsichten leicht bearbeiten. Als Text bezeichne ich eine Menge von Schriftzeichen. Wenn ich aber einen Text bearbeite, bearbeite ich eine je gegebene Textmenge, die ich als Datei bezeichne.

Als Datei bezeichne ich umgangssprachlich ein elektronisch gespeichertes Dokument. Als eigentliches Dokument bezeichne ich einen bedruckten oder beschrieben Textträger, den ich in die Hand nehmen und von Hand unterschreiben kann. Anstelle von Dokument sage ich auch Schriftstück, umgangssprachlich meine ich in beiden Fällen Textträger, auf welchen etwas „Bedeutendes“ steht, ohne sagen zu können, was das genau heissen soll. Ein Notizzettel wäre in diesem angedeuteten Sinn kein Dokument, im Sinne meiner Definition ist er ebenso wie eine Zeitung oder ein Buch – die umgangssprachlich auch nicht als Dokumente gelten – ein Dokument. Als Dokument bezeichne ich mithin eine dem Text äusserliche Bestimmung des Textumfanges, die mit der Herstellung des Textes einhergeht, wenn ich einen Textträger wähle.

Wenn ich mit dem Füllfederhalter einen Brief schreibe, verwende ich normalerweise Papier einer bestimmten Grösse, die zu einem Briefumschlag und zu einem Posttarif passt, aber für meinen Text keine grosse Relevanz hat. Ich beschreibe dann beispielsweise zwei ganze Seiten und einen Viertel einer dritten Seite, was auch mit der von mir gewählten Schriftgrösse und dem Zeilenabstand zusammenhängt. Das Dokument hat dann drei Seiten. Mit einer Schreibmaschine würde ich für denselben Brief vielleicht nur eine Seite brauchen. Ich lege Dokumente in Ordnern ab. Die Ordner bevorzugen auch eine bestimmte Grösse der Dokumente, vor allem aber bieten sie nur einer bestimmten Anzahl Dokumente Platz. Und weil ich auch mit den Ordnern an eine Grenze stosse, merke ich gut, dass Text Platz braucht.

Der Disk und der Arbeitsspeicher meines Computers scheinen mir in Bezug auf meine Textproduktion eine praktisch unbegrenzte Textträgerfläche zu sein, auch wenn ich sehr genau weiss, dass meine Texte auch im Computer eine räumliche Ausdehnung haben und mithin in einem begrenzten Raum, also auch in meinem Computer, nicht unendliche viele davon Platz finden. Mein erstes Buch füllte ziemlich genau eine Diskette, die damals als Textträger üblich war.

Da ich Texte in meinem Computer verschieben und deren Grösse praktisch beliebig verändern kann, erscheint mir der Textträger als homogene Fläche ohne jedes Seiten- oder Dokumentformat. Ich muss deshalb die Texte selbst be- und abgrenzen, wenn ich einzelne Texte unterscheiden will. Ich mache das praktisch, indem ich einer markierten Textmenge einen Namen zuweise und sie so als Datei verzeichne. Was dabei technisch passiert, beruht wiederum auf einem automatischen Mechanismus, den ich hier nicht darstellen will. Jeder Text, der einen Namen hat, ist eine Datei.

In einer gängigen Metapher lege ich Dateien wie Dokumente in Ordnern ab, die auch – nicht weniger komisch – als Verzeichnisse bezeichnet werden. Ich werde auf die Organisation von Texten zurückkommen. Hier geht es mir vorerst darum, dass ich die „Datei-Dokumente“ ablegen und wieder hervorholen kann, indem ich ihnen einen Namen zuordne, weil ich im Computer einen Mechanismus habe, mit welchem ich via dieser Namen die jeweils bestimmten Texte unterscheiden und verwalten kann. Ich kann so jeden vorhandenen Text bearbeiten und durch weitere Namenszuordnung daraus weitere Dokumente erstellen. Die Automatisierung betrifft in einer bestimmten Hinsicht das Ablegen von Dokumenten per Knopfdruck, hier geht es aber darum, dass ich die Dokumente auf eine spezifische Weise produziere und die äussere Form des Textes quasi unabhängig vom Text festlege.

Da ich jede Text-Datei in jede andere Text-Datei einfügen kann – was ich später als Link noch einmal in anderer Form aufgreife – ist jede Datei wie jedes Schriftzeichen ein Textbaustein. In einer gewissen Hinsicht füge ich auch einzelne Schriftzeichen wie Textbausteine ein. Sie bestehen als Bausteine aus einem Schriftzeichen und haben den Namen dieses Schriftzeichen. Die an die Schreibmaschine erinnernde Tastatur verschleiert das Verfahren, das im Computer ein ganz anderes ist als bei der Schreibmaschine. Natürlich kann ich einzelne Tasten der Tastatur statt mit einem einzelnen Schriftzeichen auch mit einem Wort oder einem Satz belegen. Die chinesische Computer-Tastatur zeigt, wie das praktisch funktionieren kann.

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last update 17. 4.2015 /

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2 Antworten zu “Dokumente und Textbausteine (Automatisierung 6. Teil)

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