Text als Gerät (Hypertext 1. Teil)

Computer-Text (Automatisierung 7. Teil) <- Text als Gerät (Hypertext 1. Teil) (Version 2 (1) -> Linearität und Textgrenze (Hypertext 2. Teil)


Ich habe bisher die Automatisierung der Textherstellung unter dem Gesichtspunkt einer Mechanisierung der Textwerkzeuge beobachtet. Im Computer erkenne ich das bislang entwickelste Textwerkzeug. Der Computer ist aber nicht nur ein Textwerkzeug, sondern eben auch ein sehr hoch entwickelter Textträger, was sich zunächst darin zeigt, dass ich Texte mit dem Computer auch sehr effizient verwalten kann. Im Computer bekommt Text aber eine neue Qualität, in welcher der Text nicht nur mit automatischen Werkzeugen hergestellt wird, sondern als Text selbst zum einem automatischen Gerät wird. Die Automatisierung der Textwerkzeuge betrifft nicht nur deren Verwendung bei der Textherstellung, sondern auch das Produkt, das ich mit diesen Werkzeugen herstelle, also den Text selbst.

Die Mechanisierung der Textwerkzeuge in der Manufaktur, insbesondere in jener von Gutenberg, verändert den Text nicht wesentlich, sie betrifft vorerst nur dessen Herstellung. In der Manufaktur wird die Textherstellung in immer einfachere Operationen zerlegt, zu welchen spezifische Werkzeuge und Berufsbilder wie etwa das Schriftsetzen geschaffen werden. Bereits der Stufe der Manufaktur werden viele Operationen in den Werkzeugen aufgehoben. Der anschaulichste Fall ist die Drucktype, die viele Handbewegungen in Bezug auf das Schreiben von einzelnen Buchstaben einspart und die Schrift gleichwohl lesbarer macht. Aber der Text bleibt ein Artefakt aus Tinte auf Papier.

In dieser Ausdifferenzierung des Schreibens werden viele Funktionen, die ich davor gar nicht als Schreiben wahrgenommen hätte, in einem spezifischen Sinn zu Bestandteilen der Textherstellung. Wenn ich einen Brief schreibe, scheint mir das verschicken des Briefes per Postbote nicht als Teil des Schreibens, obwohl der Brief seinen Sinn natürlich erst beim Empfänger des Briefes erfüllt. Wenn ich den Text auf einem Fernschreiber herstelle, habe ich den Transport des Textes zum Empfänger mitbewerkstelligt. Dabei wird mir bewusst, dass die Herstellung des Textes auch einen räumlichen Aspekt umfasst. Das Textartefakt muss an einen bestimmten Ort gestellt werden, weil es dort gelesen und später auch wiedergefunden wird. Texte auf Papier kann ich in einem Archiv in Ordnern ablegen. Und ich kann sie verschicken, so dass sie an einem anderen Ort gelesen und abgelegt werden. Wenn ich noch keinen Fernschreiber habe, muss eben ein Postbote einspringen, wenn dieser Ort entsprechend fern ist. Mit dem Fernschreiber schreibe ich den Text quasi am andern Ort. Mit einem Computer im Internet habe ich sehr viele Fernschreiber integriert.

Auf der Stufe der eigentlichen Automatisierung werden die zuvor aufgetrennten Operationen neu kombiniert und so in neuen Operationen aufgehoben. Der Ausdruck „e-mail“ steht für die vordergründige Einsicht, dass ich Briefe nicht mehr durch einen Postboten überbringen lasse. Das „e-“ steht als Präfix für eine bestimmte Negation, deren unbestimmter Teil ein „nicht“ ist. e-mail heisst in diesem noch nicht näher bestimmten Sinne „nicht-per-Post“. Das „nicht-per-Post“ bezeichnet etwas, was per Post geschickt werden könnte, beispielsweise einen Brief.(2)

Aufgrund der Entwicklung der Textwerkzeuge schreibe ich jemandem einen Text auf dessen Computer, was ich durch hergebrachte Kategorien als einen Brief schreiben und schicken begreifen kann. Auch in meinem e-mail-Programm – das ich als Textwerkzeug auffasse – wird das Schreiben des Textes mit einer Funktion abgeschlossen, die als „Senden“ und nicht etwa als „Speichern bei …“ bezeichnet ist. Ich kann mit einem Computer einen Brief tippen, ihn einmal ausdrucken, auf die Post bringen und ihn im Computer wieder löschen. Ich kann mit dem Computer eine Schreibmaschine simulieren und den Brief wirklich senden. Aber wenn ich einen vernetzten Computer verwende, kann ich meine Texte an beliebige Orte in beliebige Ablagen stellen, so dass ich also gerade keine Pony- oder snail-Post mehr brauche – wenn ich nicht doch jemandem einen Brief schicke, weil er noch keinen Internetanschluss hat. So wie in dieser Evolution der Bleistift überlebte, gibt es auch Menschen, denen ich kein e-mail „senden“ kann.(3)

Wenn ich Text mit dem Computer herstelle, verwende ich nicht nur ein hochentwickeltes Werkzeug, sondern auch einen entsprechend hoch entwickelten Textträger. Der Text bekommt im Computer eine völlig neue Qualität, die ich als Hypertext bezeichne. Ich verwende dabei das Präfix “Hyper” im Sinne von “darüber hinausgehend” – was ich im Englischen etwas anders mit “beyond” bezeichne. In der Medizin wird das Präfix hyper schon lange für “krankhafte” Übersteigerungen verwendet. Hyperakusie etwa heisst “krankhaft” verfeinertes Gehör, womit in einem paradoxen Sinn bezeichnet ist, dass das Gehör seine Funktion zu gut – und damit im herkömmlichen Sinne nur noch bedingt – erfüllen kann. Ich beschreibe zunächst, was ich als Hypertext bezeichne und anschliessend, inwiefern Hypertext die Funktion von Text invertiert.

Als Hypertext bezeichne ich ein Konglomerat von spezifisch verbundenen Text-Teilen. Die Verbindungen heissen gemeinhin (Hyper)-Links. Hypertext hat viele Väter: V. Bush hat bereits in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Art Hypersystem mit Mikrofilmen vorgeschlagen. Der Ausdruck „Hypertext“ wurde von T. Nelson geprägt, ersatz5der auch in den 60er Jahren begonnen hat, ein verlinktes Text-Archivierungssystem zu entwickeln. Bekannt wurde Hypertext, nachdem Apple 1987 ihre Hypercard-Software auf den Markt gebracht hatte und allgemein bekannt wurde Hypertext durch das WorldWideWeb (WW) von T. Berners-Lee. Hypertext kann ich nur auf dem Computer lesen. Als Hypertext zeigt mir mein „Computerbuch“, was ich in einem konventionellen Buch beim Lesen quasi von Hand machen muss. In einem konventionellen Sachbuch gibt es beispielsweise Fussnoten oder nummerierte Anmerkungen am Schluss des Buches. Wenn ich einem solchen Verweis folge, muss ich mein Lesen unterbrechen und eine andere Textstelle suchen, wozu ich unter Umständen sogar nach hinten blättern muss. Mein Text wird Teil eines Automaten, wenn ich solche Textstellen quasi automatisch finden kann. Hypertexte sind in diesem Sinne Automaten und das Schreiben von Hypertexten repräsentiert das Herstellen von „automatischen Texten“.

In einem umgangssprachlichen Sinn spreche ich von Automaten, auch wenn nur einzelne Operationen einer Maschine automatisch ausgeführt werden. Mein Auto beispielsweise „ist“ ein Automat, weil es ein automatisches Getriebe hat. Das“ Automatische“ am Getriebe besteht darin, dass der jeweils passende Gang eingelegt wird, ohne dass ich dazu etwas tun muss. Der Automat macht etwas, was ich davor selbst – von Hand – machen musste. Genauer gesprochen ist das Getriebe, nicht das Auto ein Automat. Das Getriebe trägt überdies zum Zweck des Autos kaum etwas bei, künftige Autos werden wohl gar kein Getriebe mehr haben. Aber beim Fahren mit aktuellen Autos bringt das automatische Getriebe so viel Bequemlichkeit, dass ich das Auto insgesamt als Automaten bezeichne – obwohl ich selbst gasgeben, bremsen und steuern muss.Von einem „automatischen Text“spreche ich hier in derselben Weise, wie ich mein Auto aufgrund einer sekundären Funktion wie der Gangwahl als Automaten bezeichne. Beim Hypertext wird die wesentliche Funktion durch den Link repräsentiert.

Als Hyperlinks bezeichne ich anklickbaren Textstellen, die im typischen Fall durch Farbe oder Gestaltung hervorgehoben sind. Durch Anklicken eines Links bringe ich einen anderen Text auf den Bildschirm. Jenseits von Text und Hypertext wurde die Benutzung des Computers durch die Erfindung der Maus durch D. Engelbart revolutioniert, weil damit die Eingabe von der Tastatur getrennt wurde. Die Maus als Gerät ist dabei nicht wesentlich, wesentlich sind die softwaregesteuerten Bildschirmfelder, die ich mittels der Maus – und eben zunehmend mehr mit blossem Finger, also ohne Maus – „anklicken“ kann.

Auch bei diesem Entwicklungsschritt der Textwerkzeuge geht es darum, eine Festgelegtheit, die in diesem Fall durch die Tastatur gegeben ist, zugunsten einer gösseren Variabilität aufzuheben. Wenn die Eingabe durch die Maus erfolgt, kann ich am Bildschirm eine beliebige Menge von “Software-Tasten” je nach Bedarf anzeigen. Jeder Bildschirminhalt wird so zu einer potentiellen “Tastatur”, deren Tasten mit beliebigen Computerfunktionen verbunden werden können. Auf meiner eigentlichen Computertastatur gibt es neben den Tasten, die die Schriftzeichen des Alphabetes tragen, ein paar Tasten, die für oft verwendete Funktion stehen. Eine Taste ist beispielsweise mit “Löschen” beschriftet, eine andere mit “Drucken”. Aber die Anzahl der Tasten ist auf der Tastatur sehr begrenzt und die Funktionen der Tasten können sich nur sehr begrenzt kontextabhängig verändern. Ausgelotet wurde diese Beschränkung im Textbearbeitungsprogramm „Word Perfekt“, bei welchem – bevor die Maus den Markt eroberte – die zwölf Funktionstasten, die jetzt noch auf der konventionellen Computertastatur zu finden sind, durch Kombination mit der Shift- und der Ctrl-Taste je vierfach belegt waren. Im Jargon wurden vom Affengriff gesprochen, weil man mehrere Tasten, die weit auseinander gelegen sind, gleichzeitig drücken musste.

In den ersten Anwendungen der Maus – die B. Gates und J. Jobs in ihren Betriebssystemen von Xerox kopierten – wurden die Funktionstasten durch „Bildschirm-Tasten“ ersetzt, die als Buttons oder Icons bezeichnet werden. Diese Buttons standen wie zuvor die Funktionstasten für Funktionen wie das Archivieren, das erneute “Öffnen” oder das Löschen von Texten. Diese Buttons sind zwar auch beschriftet, aber sie erscheinen durch die hergebrachten Kategorien nicht als Teile eines Textes – worauf ich noch ausführlich zurückkommen werde.

Durch die hergebrachten Kategorien unterscheide ich eigentliche Hyperlinks von Buttons dadurch, dass Hyperlinks Wörter sind, die ich im Text ohnehin geschrieben und nur zusätzlich charakterisiert habe. So wie ich beim Schreiben mit dem Computer bestimmte Ausdrücke oder Sequenzen durch eine andere Schrift oder Farbe kennzeichnen kann, kann ich sie eben auch als Links auszeichnen. Während ich Schriftart und Farbe auch im handgeschriebenen Text variieren kann, kann ich Links nur auf dem Computer setzen.

Als “herkömmliche” Funktion von Text bezeichne ich, die Signale zu steuern, die in die Augen der Lesenden fallen. Beim Lesen muss ich den Text gut und klar sehen können. Die Tastatur der Schreibmaschine ist Teil eines Werkzeuges. Sie ist kein Text, ich verwende sie beim Herstellen von Text. Im Hypertext verwende ich Teile des Textes, um einen Text am Bildschirm durch einen anderen Text zu ersetzen, was ich – wie ich noch darstellen werde – als Herstellen des von mir gelesenen Textes begreife. In diesem Sinn ist der Hypertext ein Gerät, in welchem die Differenz zwischen Text und Tastatur aufgehoben ist.(4)


1) Das ist eine 2. Version – die erste, ersetzte Version ist hier und im Protokoll gibt es ein paar Anmerkungen dazu. (zurück)

2) Im Ausdruck „Erd-Beere“ bezeichne ich mit dem Präfix „Erd“, dass es sich nicht um eine Beere handelt, weil Beeren eben am Sträuchern und nicht auf der Erde wachsen. Erdbeeren sind aber natürlich genauso Beeren, wie ein e-mail ein Brief ist – wenn ich es so sehen will. (zurück)

3) e-mail heisst ein sogenannter Internetdienst, welcher den Internet-Domains spezielle Rechner (smtp, pop) zuordnet, die anstelle von Webfoldern individuelle oder „persönliche“ Ordner enthalten, so dass Dokumente im Internet quasi an „Personen“ geschickt werden können. Technologisch wird damit ein traditionelles Kommunikationsmittel „Briefe schreiben“ auf einem neueren Kommunikationsmittel „vernetzte Computer“ simmuliert.
Die ersten „mails“ waren Maillisten, also noch nicht individualisierte Vorgänger der e-mails. E-mails haben wesentlich zur Verbreitung des Internets beigetragen, weil sie das schon bekannte, kulturell verfestigte Bedürfnis „Brief“ effizient und effektiv unterstützen.
Die Technikgeschichte zeigt, dass sich Techniken, die alte Verfahren unterstüzen, besonders oft Erfolg haben. Innovation muss sich immer hinter Tradition verstecken, damit sie leichter angenommen wird. Deshalb haben Auto und Eisenbahnen lange Zeit wie Pferdkutschen ausgesehen. Umgekehrt interpretieren solche Innovationen auch die traditionellen Verfahren in einem neuen Licht (vgl. Todesco 1999).
Nachdem Computer so vernetzt waren, dass man Dateien auf andern Computer „anwählen“ konnte (Leitidee der Vernetzung), war es kleiner Schritt, Dateien auf andere Computer zu schicken. So entstanden die Maillisten. Dann war es wieder ein kleiner Schritt, die Computer virtuell zu individualisieren, also den Briefkasten-PC Analogieschluss zu leisten.
e-mail sind der reine Anachronismus. (zurück)

4) Auf die Tastatur will ich nochmals explizit zurückkommen. Ich habe die Problematik der chinesischen Schreibmaschine bereits angesprochen. Sie kann mit Tasten nur sehr wenige Schriftzeichen sinnvoll repräsentieren.
Mit dem Computer aber werden auf der Tastatur sogenannte „Radikale“ repräsentiert, die dann am Bildschirm eine Auswahl zur Verfügung stellen, so dass sich die Anzahl der „Tasten“ im Prinzip unbegrenzt erweitern lässt.
In Kontext von alphabetischen Schriften wird dasselbe Prinzip auch verwendet, wenn ich beispielsweise „Suchbegriffe“ eingebe, kriege ich nach zwei oder drei einegegeben Buchstaben eine Auswahl von Wörtern angezeigt, die ich dann anklicken kann statt sie selbst zu schreiben. (zurück)


weiter zu: Linearität und Textgrenze (Hypertext 2. Teil)

last update 28. 4.2015 / 29. 4.2015 

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4 Antworten zu “Text als Gerät (Hypertext 1. Teil)

  1. Pingback: Computer-Text (Automatisierung 7. Teil) | Schrift-Sprache

  2. „Text als Gerät“
    cooler titel !!

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