Hypertexter (Hypertext 3. Teil)

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Als Hypertexte bezeichne ich Textgrundlagen, die ich im Wissen konstruiere, dass der Hyper-Leser selbst entscheidet, was er wann und in welcher Reihenfolge liest. Hypertexte sind in diesem Sinne Grundlagen für Hypertext-Texte, die als jeweils gelesene Texte erst beim Lesen entstehen und weitgehend flüchtig sind. Als Hypertext-Text bezeichne ich in diesem Sinne eine durch einen Hyperleser produzierte Sequenz von Hypertext-Elementen, mithin also eine sequentielle Menge von grammatikgenerierte Zeichen(ketten), die in einer gegebenen Reihenfolge – linear – vom Anfang zum Ende durchgelesen werden.

Die Reihenfolge der Textelemente wird beim Lesen nicht beim Schreiben festgelegt. Da der Hyperleser jeweils (oder manchmal) nur bis zu einem (Hyper)-Link liest, geht sogar nicht immer das ganze Hypertextelement in den Hypertext-Text ein.

Beim Herstellen von Hypertexten unterscheide ich deshalb zwei Produktions-hypertext_textModi, die ich als Hyperautor und Hyperleser bezeichne. Als Hyperautor produziere ich verlinkte Textelemente, als Hyperleser produziere ich durch Anklicken von Links den Hypertext-Text, den ich lese. Als Hyperleser bin ich Leserautor oder Schrift-um-Steller, da ich während des Lesens durch die Wahl der je nächsten Hypertextelemente meinen je eigenen Text generiere.

Als Hyperautor produziere ich Textbausteine, also eine Art Hyper-Vokabular, mittels dessen ich als Hyperleser meine Texte quasi schreibe, indem ich sie zusammenstelle. Das Herstellen des Textes hat auf dieser Stufe nichts mehr mit Formen von einzelnen Buchstaben aus einem bestimmten Material zu tun. Es geht auch nicht mehr darum mittels Drucktypen Schriftzeichen herzustellen, sondern darum Textteile zu einem Text zusammenzufügen, was aber ebenfalls eine ganz materielle Formgebung darstellt, auch wenn diese sehr weit automatisiert ist.

Die Hypertextelemente haben den Charakter von Wörtern oder Wortgruppen aus einem gegebenen Vokabular. Wenn ich spreche, erfinde ich sehr selten neue Wörter. Fast ausschliesslich verwende ich Wörter, die ich bereits in meinem Vokabular habe. Und auch wenn ich mit einem Bleistift schreibe, schreibe ich fast immer Wörter, die ich schon kenne. Ich stelle dann einzelne Buchstaben her, aber auch solche, die ich schon kenne. Und ich ordne die Buchstaben nicht beliebig an, sondern in Gruppen, die ich als Wörter schon kenne. Ich kann also nicht schreiben, was ich will, sondern nur was meine Grammatik zulässt, was die Anordnung der Wörter einschränkt.

Wenn ich in meiner Definition von Text von einer grammatikgenerierten Zeichenkette spreche, meine ich nicht eine Chomsky-Grammatik, die mir irgendwie angeboren wäre, sondern dass ich in meinen Äusserungen eine Regelmässigkeit erkennen kann, die ich in einer Grammatik beschreiben kann. Diese Regelmässigkeit besteht zunächst darin, dass die einzelnen Schriftzeichen immer hinreichend gleich aussehen und dass die Menge der Wörter, die ich mit den Buchstaben herstelle, konventionell begrenzt ist. „Tisch“ ist ein Wort, „Tschx“ ist kein Wort. Dann aber besteht die erkennbare Regelmässigkeit vor allem darin, dass die Anordnung der Wörter in Sätzen bestimmten – auch konventionellen – Mustern folgt.

Wenn ich schreibe, passiert es mir recht oft, dass ich die Regeln der Grammatik verletze. Viele Gründe, die hier nicht interessieren, hat S. Freud als Versprechen psychologisiert. Hier interessiert mehr, dass ich auch recht oft selbst merke, dass ich – aus welchen Gründen auch immer – etwas falsch geschrieben habe. Wenn ich mit dem Bleistift schreibe, korrigiere ich meinen Fehler mit dem Radiergummi, am Computer kann ich differenzierter korrigieren, weil ich einerseits einzelne Zeichen oder Zeichenketten im Nachhinein so löschen kann, dass keine Lücken entstehen und andrerseits überall zusätzliche Zeichen einfügen kann. In diesem Sinne ist mein Schreiben immer provisorisch oder technischer gesagt, in eine Feedbackschlaufe eingebunden. Ich lese laufend, was ich schreibe und wenn mir nicht passt, was ich gerade geschrieben habe, lösche ich es wieder.

Wenn ich als Hyperleser einen Text herstelle, habe ich das jeweils als nächstes anzufügende Textelement nicht in meinem Kopf, sondern in einem esoterischen Sinn im Hypertext versteckt. Esoterisch heisst hier, in dem Sinne geheim, dass ich es nicht sehen kann, aber jederzeit sehen darf, wenn ich mich darauf einlassen will. Indem ich einen Link anklicke, schreibe ich meine Text provisorisch weiter, wobei ich noch nicht weiss, was ich schreibe, sondern nur was ich erwarte. Wenn ich dann merke, dass das neu angefügte Textelement nicht passt, „lösche“ ich es wieder und hyperlese eine andere Fortsetzung. Hier erinnere ich mich auch an Mehrfachlinks, die in einem Hoverfenster angezeigt werden, was die Qual der Wahl noch vergrössert.

Wenn ich mit dem Bleistift schreibe, weiss ich oft auch nicht, was ich schreiben werde oder was ich schreiben will. Ich weiss oft, dass ich etwas schreiben will, ohne dass mir die Formulierung schon klar wäre. Oft dient mir das Schreiben zur allmählichen Verfertigung meiner Gedanken beim Schreiben.(1)

Und auch oft verwerfe ich, was ich gerade geschrieben habe, weil es nicht passt oder an dieser Stelle nicht richtig passt. Oft behalte ich Textteile, die ich an einer bestimmten Stelle verwerfe, weil ich ahne, dass sie später doch Sinn machen könnten. Es geht mir also beim Schreiben wie beim Hyperlesen und umgekehrt.


1) „Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen.“ H. Kleist (zurück)


weiter zu: Das Mitteilungs-“Paradox” (Hypertext 4. Teil)

last update 2. 5.2015 

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6 Antworten zu “Hypertexter (Hypertext 3. Teil)

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  2. nice 🙂
    – „Hypertexte sind in diesem Sinne Grundlagen für Hypertext-Texte, die als jeweils gelesene Texte erst beim Lesen entstehen und weitgehend flüchtig sind.“
    ich kenne von dir, dass du gern zwischen gesprochenen und geschriebenen unterscheidest und dabei das gesprochene als flüchtig bezeichnest. bei den Hypertexten taucht nun das flüchtige ebenfalls auf. ich sehe die möglichkeit, diese beiden flüchtigkeiten voneinander zu unterscheiden, das genauer auszuformulieren.

    – die beiden grafiken aus Hypertext Teil 2 und Teil 3 sind sich ähnlich, aber nicht identisch. du könntest sie expliziter kommentieren ? sie stehen beide so isoliert vom fliesstext, finde ich.

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    • danke. Und ja stimmt so auch für mich, wenn ich nachdenke. Vorher (vor dem Nach-) ist es so, dass ich einfach drauflosschreibe – und dann und wann mich selbst überrasche – wie etwa mit dieser Verdoppelung von „flüchtig“. Die Bildchen setze ich jeweils relativ zufällig zu den Texten, hauptsächlich als Blickfang im g+/fb. Die Bildchen stammen alle aus meiner Hyperbibliothek, wo sie jeweils besser oder wenigstens gezielter mit dem Text verknüpft sind. Aber wenn ich das in Betracht ziehen würde, würde ich meinen Fluss bremsen, meine ich ..

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  3. deinen fluss zu bremsen solltest du auf keinen fall riskieren 😉 aber bildchen als blickfang möchte ich trotzdem nicht durchgehen lassen 😉

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