Ersetzte Version: Das Sprachspiel (Hypertext 6. Teil)

Diesen Abschnitt habe ich ersetzt durch
Schreiben als Spiel (Hypertext 6. Teil)

was ich im Protokoll  (am 13. 5.2015)  kurz begründet habe


Ich fasse das Herstellen von Texten als Sprach-Spiel auf, in welchem ich erforsche, welche Texte ich wie schreiben kann. Im Sprachspiel geht es nicht um Aussagen, die zu einer von mir erlebten Wirklichkeit passen, sondern um Formulierungen, die innerhalb meiner Sprache, also innerhalb meiner Grammatik viabel sind. Ich dann beispielsweise schreiben, dass ein Einhorn ein Pferd mit einem Horn auf des Nase sei. Dabei geht es nicht darum, was Einhörner wirklich sind und schon gar nicht darum, ob es Einhörner wirklich gibt. Es geht nur darum, wie ich das Wort verwende. Ich kann – unter den gegebenen Verhältnissen – nicht schreiben, dass ein Einhorn ein Maus mit einem Rüssel sei, weil ich für dieses Tier ein anderes Wort verwende.

Im Sprachspiel geht es um mögliche Wortersetzungen innerhalb eines Rahmens, den ich als meine Sprache bezeichne. In meiner Sprache – das ist Grundlage des Spiels – kann ich jedes Wort durch andere Wörter ersetzen. Statt Einhorn kann ich „Pferd mit Horn“ sagen. Die in den Ersetzungen verwendeten Wörter kann ich wieder ersetzen. Statt Pferd kann ich beispielsweise „ein weit verbreitetes Haustier“ oder „stämmiges Tier mit vergleichsweise grossem Kopf und langen Gliedmassen“ sagen. Diese Ersetzungen bezeichne ich als Er-Satz, oder kürzer als Satz.

Jedes Wort repräsentiert einen Er-Satz, respektive verschiedene Sätze. Da ich die Wörter in den Sätzen wieder verwende, ergibt sich eine spezifische Verflechtung, in welcher die Verwendbarkeit der Wörter zunehmend durch Widersprüche eingeschränkt oder grammatikalisch geregelt wird. Als meine Grammatik bezeichne ich in diesem Sinne die Menge der Regeln, die die Syntax meiner Sprache definieren, indem sie festlegen, welche Sprachhandlungen und vermittelt welche Schriftzeichen, ich wie verwenden kann.(1)

Die Grammatik begreife ich als deskriptiv, aber da sie in Forma von Regeln erscheint, kann sie in einem Automaten verkörpert werden, der die Menge der zulässigen Sätze produziert. Meine automatischen Textwerkzeuge zeigen mir beim Schreiben am Bildschirm teilweise an, ob meine Sätze der unterlegten Grammatik entsprechen, respektive, wo sie nicht tun. Die mir bislang bekannten Automaten taugen nicht viel. S. Ceccato hat dem US-Militär bereits 1944 einen derartigen Automaten versprochen, der überdies auch noch übersetzen könne.

Die Menge der Ausdrücke, die durch eine Grammatik definiert werden, bezeichne ich als Syntax der jeweiligen Sprache. Die Syntax besteht aus unendlich vielen, nämlich aus allen möglichen Sätzen. Sie kann deshalb nicht aufgeschrieben werden. Anstelle der Syntax steht deshalb die Konstruktion der Grammatik. Eine verbreitete Form der Grammatik – die im Zusammenhang mit formalen Sprachen entwickelt wurde – verwendet sogenannte Produktionsregeln, zur Generierung von Sätzen, und ein semantisches Lexikon, das die Syntax beschränkt. Die Produktionsregeln lassen beispielsweise alle Sätze der Form: „Subjekt – Prädikat“ oder der Form „Personalpronomen – konjugiertes Verb“ zu. Die Semantik begrenzt dann die Syntax auf „sinnvolle“ Sätze, so dass beispielsweise der Satz „ich regne“ produzierbar wäre, aber semantisch ausscheidet.  Ich will das hier nicht genauer ausführen und setzt deshalb einen subsidiären Link auf ein Dokument. in welchem das ausführlicher erläutert wird.

Im Sprachspiel entwickle ich meine Sprache. Das heisst, ich kritisiere meine Sätze anhand der Sätze, die ich schon gemacht habe. Wenn ich beispielsweise von einem Walfisch gesprochen habe, kann ich ohne Probleme Sätze bilden, in welchen der Wal als Fisch erscheint. Der Wort Walfisch und Sätze, die dazu passen, sind dann Bestandteil meiner Semantik – solange, bis ich sie weil Widersprüche auftreten – korrigiere. Wo Widersprüche auftreten, wird das Spiel perturbiert. Ich kann dann den aktuellen Satz oder einen früher geäusserten Satz neu formulieren, um den Widerspruch aufzuheben. Wo ich, beispielsweise als Kleinkind, noch wenig eigene Semantik zur Verfügung habe, lasse ich mich durch andere Menschen, respektive durch deren Grammatik korrigieren. Das ist aber nur eine effiziente Methode beim Aufbau meiner eigenen Semantik, die nur durch die von mir formulierten Sätze bestimmt wird. Was andere Menschen sagen, spielt dabei nur eine vermittelte Rolle – oder „Kümmert Sie, was andere Leute denken?

Ich kann mich praktisch gar nicht erinnern, welche Formulierungen ich je in spielGesprächen verwendet habe. Ich weiss sehr oft auch nicht genau, was ich früher geschrieben habe. In diesem Sinne ist mir der weitaus grösste Teil meiner Semantik unbewusst. Im eigentlichen Sprachspiel mache ich mir meine Semantik bewusst. Die klassische Methode besteht in einem Wörterbuch. Und im Hypertext verlinke ich auf die Einträge in meinem Wörterbuch, das so zum gegenständlichen Objekt, quasi zum Kartenspiel (Hypercard) meines Sprachspieles wird.

Das Sprachspiel ist einer bestimmten Weise operativ geschlossen, das heisst, ich spiele es ohne Bezug auf meine Umwelt. Wenn ich in einem pragmatischen Zusammenhang von einem Pferd spreche, meine ich ein Pferd, das heisst ich verweise mit dem Zeichen „Pferd“ auf ein Objekt jenseits der Sprache, im Beispiel auf ein Tier, auf dem ich reiten könnte. In diesem pragmatischen Sinn bestimmt eines aussersprachliche Wirklichkeit, was ich vernünftigerweise sagen kann und was eben nicht. Ein Pferd kann nicht fliegen und hat keine Flossen. Im Sprachspiel dagegen spielt die Welt jenseits der Sprache keine Rolle, es geht ausschliesslich um Sätze, die ich – warum auch immer – schreiben kann. In Bezug auf Pferde oder Tische scheint diese Abstraktion von Referenzobjekten ziemich willkürlich, aber in Bezug auf andere Er-Sätze wie etwa Geld oder Gesellschaft eröffnet mir das Sprachspiel Perspektiven, die weit über einen naiven Realismus hinausgehen.(2)


1) J. Derrida bezeichnet seine Theorie als Grammatologie. Eine Kernaussage lautet, dass es Keine Schriftzeichen gebe, die der Schrift vorausgehen. Jedes Wort ist nur als grammatikalischer Er-Satz möglich.(zurück)

2) N. Luhmann’s Soziologie lese ich als eine Verabsolutierung des Sprachspiels, gerade weil er das Sprachspiel in Form eines sprachlichen Kommunikationsprozesses, den er als Gesellschaft bezeichnet, nicht als Spiel, sondern als realexistierende System begreift.(zurück)


last update  10 .52015

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14 Antworten zu “Ersetzte Version: Das Sprachspiel (Hypertext 6. Teil)

  1. Pingback: Hyperlink (Hypertext5. Teil) | Schrift-Sprache

  2. ich versuche, meinen durchgängigen faden zu spinnen, was du mir nicht leicht machst 😉
    ich habe mich redlich diszipliniert um dir auf den wegen des handwerkes zu folgen und nun dies: sprachspiele (ohne erwähnung von Wittgenstein), Luhmann….
    während beim Hypertext noch deutlich die technische seite von texterstellung sichtbar bleibt, kommt hierbei nun doch eine ganz andere dimension ins spiel. (;-) )

    „Im Sprachspiel geht es nicht um Aussagen, die zu einer von mir erlebten Wirklichkeit passen, sondern um Formulierungen, die innerhalb meiner Sprache, also innerhalb meiner Grammatik viabel sind.“
    hier würde es mir gefallen, wenn du das beispiel „geld“ mal richtig entfaltest.

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    • 🙂 den Faden zu finden oder zu spinnen ist ja für mich auch nicht leicht. Ich glaube jetzt – dank Dir – dass der Ausdruck Sprachspiel nicht gut passt, weil er viele an Philosophie oder an Wittgenstein erinnert (was ich beides nicht kenne und schon gar nicht meine. Ich werde also nochmals über „meine Bücher“ gehen.
      Das „Geld“ ist halt ein anderes Buch, das ich hier nicht gut zusammenfassen kann. Der Ausdruck „Geld“ kommt mir nur oft in den Sinn, weil er allgegenwärtig ist und im Unterschied zu „Tisch“ für nichts bestimmtes verwendet wird.

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  3. wenn ich in unserem kulturkreis Scarabäus schreibe ersetzt diese reihenfolge von zeichen ein objekt, das es tatsächlich gibt, es ist ein schwarzer käfer, der pillen dreht, und….in der ägyptischen Mythologie eine grosse rolle spielt.
    im ägyptischen kulturkreis inkl. der dazu gehörenden epoche sähe das anders aus: der käfer wäre mit bedeutungen aufgeladen, von denen man nur sagen kann, dass diese aufladung real existiert, nicht aber das, was man dem tier an wirkmächten auf menschliche wesen zuschreibt.

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    • ich mag eben keinen Kulturkreis bedenken. Wenn ich ein Wort (Scarabäus kenne ich noch nicht) schreibe, erwäge ich keinen Kulturkreis, sondern nur meine eigene Kultur – das meinte ich mit dem Ausdruck „Sprachspiel, den ich jetzt aber ersetzen will …

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      • auch hier ging es mir um dein verständnis von sprachspiel. hier am beispiel des wortes Scarabäus. in unserem kulturkreis entspräche es deinen beispielen „tisch“ u.ä.
        und im ägyptischen deinen beispielen „gesellschaft“, „geld“ ??
        das war die frage, die mich beschäftigte.

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        • aber Du verwendest ein Wort, das zwei Bedeutungen hat und machst deshalb zwei Kulturkreise, oder? Ich würde dagegen von einem, resp. von 2 Homonymen sprechen, wie bei Bank für Geldbank und Sitzbank und dazu keine Kulturen eröffnen

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  4. das mit dem kulturkreis ist mir eigentlich wurst, ich dachte es wird deutlicher, wenn ich für nur EIN wort nehme und damit aufzeige, was damit alles geschehen kann (in der sprache).

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  5. 🙂 in DER Sprache schon, aber in MEINER Sprache? Was in meiner Sprache passiert, passiert mir. Dann ist die Frage, ich ich merke, was mir so passiert. Mir ist dieses Merken wichtig, deshalb achte ich auf meine Wörter – dia logos.

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  6. „In Bezug auf Pferde oder Tische scheint diese Abstraktion von Referenzobjekten ziemich willkürlich, aber in Bezug auf andere Er-Sätze wie etwa Geld oder Gesellschaft eröffnet mir das Sprachspiel Perspektiven, die weit über einen naiven Realismus hinausgehen.(2)“

    in diesem satz markierst du m.m. nach die schnittstelle, wo eben die je eigene sprache, die je eigenen „sprachspiele“ beginnen. dem augenschein nach handelt es sich sowohl bei „Tisch“ als auch bei „Gesellschaft“ um ein paar buchstaben.
    ich habe nach einem wort gesucht, dass von vornherein beide dimensionen enthält. dabei denke ich „kultur“ als „teilsystem“ innerhalb einer „gesellschaft“ und innerhalb eines individuums.

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  7. was mir darüber schwebend noch durch den kopf geht: du betonst ja öfter „deine sprache“. ich frage mich als was und wer ich hier eigentlich schreibe ? 😉
    dies besonders im hinblick auf solche aussagen: „Das Sprachspiel ist einer bestimmten Weise operativ geschlossen, das heisst, ich spiele es ohne Bezug auf meine Umwelt.“

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  8. Du hast mich schon drauf gebracht, dass ich den Absatz „Sprachspiel“ ersetzen muss, weil das offensichtlich irgendwie philosophisch gelesen werden kann. Ich schreibe das jetzt um, was mir nicht ganz leicht fällt.

    Wenn ich in einem Text „ich“ oder „mein“ lese (egal wer den Text geschrieben hat), dann lese ich ich und meine MICH – aber vorerst jeweils probeweise, überlegend, ob das für mich so geht.
    Ich mache es so und finde deshalbe, dass MAN es so machen KANN. Ich nehem aber schon wahr, dass andere oft anderes machen als ich.

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