Schreiben als Spiel (Hypertext 6. Teil)

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Dieser Beitrag ersetzt eine vorgängige Version was ich im Protokoll (am 13.5.2015)  kurz begründe


In einer gewissen Perspektive beobachte ich das Herstellen von Texten als Spiel, wobei ich Spielen als ein Verhalten bezeichne, in welchem ich keine Absicht jenseits des Spieles verfolge, insbesondere auch keine Erholung oder Ablenkung und dergleichen. In Anlehnung an F. Schiller spiele ich nur, wo ich in voller Bedeutung des Wortes bei mir bin, und ich bin nur da ganz mir, wo ich spiele. Wenn ich schreibe, um jemandem eine Mittteilung zu machen, bin ich nicht im Spiel, nicht bei mir, sondern bei einem Adressaten, von dem ich etwas will.

Ich unterscheide zwei Arten den Spielens, ein eigentliches, kindliches, unreflektiertes Spielen und ein Spielen, in welchem ich Regeln reflektiere, die ich als Spiel auffasse. Differenztheoretisch kann ich also spielen oder ein
Spiel spielen. Spiele definiere ich durch Settings wie Spielfeld, Figuren, usw., die in den Regeln erscheinen.

Im Hypertext-Spiel verwende ich als elementare Spielfiguren Er-Satz-Wörter, das heisst Wörter, die ich sinnvoll durch einen Satz ersetzen kann. Er-Satz-Wörter schreibe ich als Stichworte in mein Hyperwörterbuch, wo ich sie durch einen Satz ersetze. Wenn ich im Spiel bin und in irgendeinem einem Text, den ich schreibe, ein Wort verwende, verlinke ich dieses Wort auf den Eintrag im Wörterbuch. Dabei reflektiere ich meine aktuelle Verwendung des Wortes. Wenn sich ein Widerspruch zu meinem Wörterbuch ergibt, passe ich den Textteil im Wörterbuch an oder wähle im aktuellen Text einen anderen Ausdruck. Anpassungen im Wörterbuch begreife ich als Akkommodationen, die nötig werden, wenn die Assimilation der Sätze nicht gelingt.

Natürlich entsteht auf diese Weise ein materielles Wörterbuch, es hat aber nicht den Sinn der konventionellen Wörterbücher von Duden und Konsorten, sondern ist Teil des Spieles, in welchem ich meine Sprache reflektiere. Wenn ich das Herstellen von Texten als Spiel beobachte, erforsche ich, welche Texte ich wie schreiben kann. Es geht mir dabei aber nicht darum, inwiefern Aussagen zu einer von mir erlebten Wirklichkeit passen, sondern um Formulierungen, die innerhalb meiner Sprache viabel sind. Ich kann beispielsweise schreiben, dass ein Einhorn ein Pferd mit einem Horn auf des Nase sei, unabhängig davon, inwiefern es Einhörner wirklich gibt. Im Spiel ist meine Sprache in einer bestimmten Weise operativ geschlossen, das heisst, ich spiele das Spiel ohne unmittelbaren Bezug auf Referenzobjekte meiner Aussagen in einer vermeintlichen Wirklichkeit.(1)

Wenn ich jenseits des Spieles in einem pragmatischen Zusammenhang von einem Pferd spreche, meine ich ein wirkliches Pferd, das heisst ich verweise mit dem Zeichen „Pferd“ auf ein Objekt jenseits der Sprache, im Beispiel also auf ein Tier, auf dem ich reiten könnte. In diesem pragmatischen Sinn bestimmt eine aussersprachliche Wirklichkeit, was ich vernünftigerweise sagen kann und was eben nicht. Ein Pferd kann dann nicht fliegen und hat keine Flossen. Im Spiel dagegen spielt die Welt jenseits der Sprache keine Rolle, es geht ausschliesslich um Sätze, die ich – warum auch immer – schreiben kann. In Bezug auf Pferde oder Tische scheint diese Abstraktion von Referenzobjekten ziemlich willkürlich, aber in Bezug auf Wörter wie etwa Geld oder Gesellschaft mache ich mir damit bewusst, wie wenig meine Sprache von einer Wirklichkeit aussersprachlichen Wirklichkeit abhängig ist. Über Geld beispielsweise kann ich wie über Einhörner sprechen. Ich bestimme dabei selbst, was ich sagen kann. Bei Einhörnern fühle ich mich frei, weil mir niemand ein Einhorn zeigen kann. Bei Geld fühle ich mich frei, weil das, was man mir als Geld zeigen kann, mir nichts darüber sagt, was ich über Geld alles sagen könnte. Ich muss mir selbst aneignen, was ich dazu sagen kann.

Gemäss einer sehr verkürzten Sichtweise muss ein Kleinkind seine „Muttersprache“ lernen. Dabei wird die Muttersprache oft als eine bestimmte Sprache, nicht als Sprache überhaupt gesehen. Wenn ich eine Fremdsprache lerne, kann ich bereits sprechen, aber ich kenne die Ausdrücke der mir fremden Sprache noch nicht. Wenn ich mir aber meine Muttersprache aneigne, geht es nicht darum, andere Buchstabenketten oder Satzkonstruktionen für mir bereits bekannte Wörter zu lernen, sondern darum, mir meiner Sprache überhaupt bewusst zu werden, was ich anhand der dafür zufälligen Sprache meiner Mutter mache.

Das Aneignen von bewussten Fähigkeiten – psychologisch diffus als Lernen bezeichnet – passiert auf einer bestimmten Entwicklungsstufe durch ein Erkundungsverhalten, in welchem das Spielen als eigenmotiviertes Einüben von Fähigkeiten erscheint. In dieser motivationspsychologischen Rationalisierung spielen junge Katzen dazu, dass sie später Mäuse fangen können. Im eigentlichen Spielen erkunde ich aber Verhaltensweisen, für die ich beim Spielen keine Bedarfszustände jenseits des Spielen habe. Als Kleinkind lerne ich das Sprechen ohne Notwendigkeit zu sprechen, einfach weil ich das Sprechen gerne spiele. In diesem Spiel geht es gewissermassen darum zu erkunden, was wie sagbar ist. Die Mutter, die in diesem Spiel eine erste Hürde von Sagbarkeit repräsentiert – was den Ausdruck Muttersprache plausibilisiert -, sagt jeweils, was sie sagen würde oder sagen kann, wenn ich als Kleinkind etwas sage, was in ihren Augen nicht geht. Was die Mutter als Satz zulässt, ist sozusagen die erste Spielanlage, für eine Phase des Spiels, in welcher ich noch keine eigenen Kriterien dafür entwickelt habe, was sagbar ist. Die Mutter wird in dieser Hinsicht rasch überflüssig und in Form der Schule pervertiert, wo man mir sagt, was ich sagen darf und sagen soll.

Ich bezeichne die Phase, in welcher ich mich von der Sprache meiner Mutter und jener der Schule löse, als Adoleszenz, die in dem Sinne konfliktgeladen ist, als ich mir eigene Kriterien des Sagbaren aneigne und eben meine eigene Sprache entwickle, was die Schule zu verhindern sucht. Erziehende mögen meinen, dass das Sprechen lernen für ein Kleinkind in einem pragmatischen Sinne wichtig sei, oder eben später wichtig werde – ganz so, wie sie meinen mögen, dass das Fangen von Mäusen für Katzen wichtig sei. Aber was Erziehende meinen, betrifft mich als Kleinkind nicht oder nur restriktiv, indem sie mir beispielsweise ihre Orthographie aufzwingen.

Im Spielen entwickle ich sowohl meine Sprache als auch das Spiel selbst. Ich kritisiere meine Sätze zunehmend anhand der Sätze, die ich schon gemacht und akzeptiert habe. Wenn ich beispielsweise von einem Walfisch gesprochen habe, kann ich ohne Probleme Sätze bilden, in welchen der Wal als Fisch erscheint. Das Wort Walfisch und Sätze, die dazu passen, sind dann Bestandteil meiner Semantik – solange, bis ich sie weil Widersprüche auftreten – korrigiere. Widersprüche erlebe ich als Perturbationen, auf die ich reagieren kann. Ich kann dann den aktuellen Satz oder einen früher geäusserten Satz neu formulieren, um einen Widerspruch aufzuheben. Wo ich, beispielsweise als Kleinkind, noch wenig eigene Semantik zur Verfügung habe, lasse ich mich durch andere Menschen, respektive durch deren Grammatik korrigieren. Das ist aber nur eine effiziente Methode beim Aufbau meiner eigenen Semantik, die nur durch die von mir formulierten Sätze bestimmt wird. Was andere Menschen sagen, spielt dabei nur eine vermittelte Rolle – oder „Kümmert Sie, was andere Leute denken?“

Ich kann mich praktisch kaum erinnern, welche Formulierungen ich je in Gesprächen verwendet habe. Ich weiss sehr oft nicht einmal genau, was ich früher geschrieben habe. In diesem Sinne ist mir der weitaus grösste Teil meiner hypercardSemantik unbewusst oder gemäss einer anderen Psychologie habe ich sie automatisiert. Im Spiel mache ich mir meine Semantik bewusst. Die klassische Methode besteht in einem Wörterbuch. Und im Hypertext verlinke ich auf die Einträge in meinem Wörterbuch, das so zum gegenständlichen Objekt, quasi zum Kartenspiel (2) meines Spieles wird.

Das Spiel erscheint auf dem entwickelten Niveau als aufgehobenes Schreibhandwerk. Als Kleinkind habe ich noch keine Schreibwerkzeuge. Später eigne ich mir den Werkzeuggebrauch an, zuerst schreibe ich mit dem Bleistift. Noch später schreibe ich Hypertext. Und auf dieser letzten Stufe erkenne ich eine durchgehende Entwicklung durch die damit entfalteten Kategorien. Das Spiel bleibt dasselbe, aber es entwickelt sich, indem ich zunächst Werkzeuge für das Schreiben entwickle und später auch den Text automatisiere. Ich erkenne dabei explizit, was ich als Kleinkind – dia logos – angefangen habe.


1) N. Luhmann’s Soziologie lese ich als eine Verabsolutierung dieses Spiels, gerade weil er es in Form eines sprachlichen Kommunikationsprozesses, den er als Gesellschaft bezeichnet, nicht als Spiel, sondern als realexistierende System begreift.(zurück)

2) HyperCard war die erste kommerziell vertriebene Software, die als „Autorensystem“ (authoring system) das Entwickeln von Hypertexten unterstützte. HyperCard wurde von B. Atkinson für die Firma Apple entwickelt und erstmals 1987 publiziert. Es wurde dann von 1987 bis 1992 kostenlos zusammen mit Macintosh-Rechnern ausgeliefert und wurde damit das erste für größere Anwenderkreise nutzbare Hypermedia-Autorensystem.(zurück)


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last update 13 .5.2015

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44 Antworten zu “Schreiben als Spiel (Hypertext 6. Teil)

  1. Pingback: Ersetzte Version: Das Sprachspiel (Hypertext 6. Teil) | Schrift-Sprache

  2. Pingback: Hyperlink (Hypertext5. Teil) | Schrift-Sprache

  3. ich frage mich ob nicht deine ausführungen über dein Schreiben als Spiel schon ganz an den anfang deines buches passen würde, der leser wäre so vorgewarnt 😉 es ist ja sozusagen eines oder sogar DAS grundverständnis zu dem was dann folgt. an dieser stelle müsstest du ja noch nicht auf den Hypertext eingehen. aber sehrwohl auf die beiden strängen, die sich m.m. in deinen texten finden lassen: nämlich 1. deinem Schreiben als Spiel und 2. deinem schreiben ausserhalb dieses spiels, bei dem es eben doch um bezüge zur wirklichkeit geht.
    das tangiert auch meine kürzlich geäusserte verunsicherung, welche rolle mir als leserin in deinen spielen zugedacht wird. vielleicht könntest du das deutlicher markieren, so nach dem motto Achtung ! hier wieder mein Privatspielplatz, oder so ähnlich 😉

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    • ja, ich sehe wohl, dass der ganze Text eine ganz andere Struktur haben könnte und vielleicht sollte … Ich bin sehr froh über Deine Erwägungen dazu, denn vielleicht werde ich das schlussendlich einmal anpacken und den Krempel grundsätzlich reorganisieren. Im Moment aber läuft – wie schon gesagt – das Spiel stur vorwärts.
      Deine Anregungen sind auch in diesem Vorwärtsspiel bereits sehr nützlich, weil sie auch beim Vorwärtslesen aufzeigen, in welcher Reihenfolge der Vorwärtstext auch gelesen werden könnte.
      Ein geneigter Leser könnte beispielsweise zufällig – durch einen Link im Facebook – hier einsteigen und dann in Deinem Kommentar lesen, dass er am besten Anfang des Textes steht, obwohl er vermeintlich mitten drin ist.

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  4. „Als Kleinkind lerne ich das Sprechen ohne Notwendigkeit zu sprechen, einfach weil ich das Sprechen gerne spiele.“
    ja, auf dieser stufe ist es wohl ein spass an dem was man mit dem mund, dem leib, so alles machen kann, wie sich das anhört und anfühlt und das entdecken von mustern

    die „anderen“ führen dann regeln ein und es geht weiter mit dem spielen eines spiels, das eben genau so und nicht anders gespielt zu werden hat. dabei wird die bedeutung dessen was gesagt und verstanden wird, deutlich vernachlässigt.
    aus dem spiel wird dann ernst, wenn auch die bedeutung berücksichtigt wird, also die (selbst-)wirksamkeit und damit absicht dazu kommen.

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    • hmmm … das sind sehr schöne Illustrationen, auch wenn sie schon arg choreographiert sind, was sie als Kunstwerke erscheinen lässt. Dazu muss ich jetzt noch etwas schreiben!

      Und die Regeln das „andern“ regeln ein anderes Spiel, das ich nicht mit meinem Spiel verwechseln möchte.

      In diesem Sinne ist auch Deine Beobachtung (oben), „.. 1. deinem Schreiben als Spiel und 2. deinem schreiben ausserhalb dieses spiels ..“ eben eine Beobachtung, die ich machen KANN aber nicht MUSS.

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      • „In diesem Sinne ist auch Deine Beobachtung (oben), “.. 1. deinem Schreiben als Spiel und 2. deinem schreiben ausserhalb dieses spiels ..” eben eine Beobachtung, die ich machen KANN aber nicht MUSS.“
        hm, bin gespannt wie du dich aus der affäre ziehst 😉

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      • „hmmm … das sind sehr schöne Illustrationen, auch wenn sie schon arg choreographiert sind, was sie als Kunstwerke erscheinen lässt. Dazu muss ich jetzt noch etwas schreiben!“

        jaa, mach‘ das !! du hast in bezug auf mein kleines audio „untitled“ ähnlich reagiert, da sprachst du von inszeniert, was ich jetzt mal in einen topf werfe. aber was soll das heissen ? sind es nicht einfach andere S p i e l regeln ??

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        • ich habe jetzt im Teil 7 etwas dazu geschrieben, wie diese Inszenierungen bei mir ankommen, eben als gemeinte Kunstwerke, während mir das Handwerk wichtig ist.
          Der Wortteil „werk“ bedeutet in den zwei Wörtern ja sehr verschiedenes, ein Kunstwerk ist ein DING, das Handwerk ist eine Form der Arbeit.
          Ein Kunstwerk hat keine Regeln, ich kann Regeln befolgen, wenn ich etwas herstelle. Das ist übrigens das Kriterium des Sklavenhalters, nämlich dass er sehr genau beschreiben kann, was seine Sklaven tun MÜSSEN. Das ist die Poiesis.

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          • ich zurre zurück, die videos hatte ich unter den ersten abschnitt deines kleinen exkurses über den individuellen erwerb der sprache gesetzt und wollte damit an dieser stelle nicht über Kunst und Kunstwerke reden. wohl aber über den spielcharakter. und zwar über jenen, der IN den inszenierungen dargestellt wird und nicht den, der möglicherweise bei der herstellung der inszenierungen beteiligt war oder nicht.

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  5. hab den falschen link von Yma Sumac erwischt, könntest du den bitte ersetzen ?? https://www.youtube.com/watch?v=1KprLT-JxPY

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  6. und das ganze ernsthaft ohne jeden Rekurs auf Wittgensteins Sprachspiel????

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    • ja, Wittgenstein spielt hier keine Rolle, ich habe den Ausdruck „Sprachspiel“ unabhängig von ihm verwendet und erst dann realisiert, dass der Ausdruck sehr stark mit seiner Philosophie verbunden wird – was hier vom Thema ablenkt. (deshalb habe ich den Abschnitt ja nochmals total umgeschrieben)

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  7. “ N. Luhmann’s Soziologie lese ich als eine Verabsolutierung dieses Spiels, gerade weil er es in Form eines sprachlichen Kommunikationsprozesses, den er als Gesellschaft bezeichnet, nicht als Spiel, sondern als realexistierende System begreift.“
    das finde ich einen interessanten Gedanken.
    Wo bleiben den Individuen dann noch Spiel-Räume?

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    • Bei Luhmann erscheinen die Individuen eben nicht, das ist der Witz seiner Soziologie, der oft vorgeworfen wird, dass die Menschen darin nicht vorkommen. Für mich ist vor diesem Hintergrund die Frage, weshalb ich eine Gesellschaft und dann eine Gesellschaftslehre (Soziologie) überhaupt konstruieren soll – was N. Luhmann ja ganz zentral problematisiert: „Die Überlegungen setzen voraus, dass ich eine Gesellschaft als gegeben akzeptiere, dass es sie GIBT.“ (Und WENN es sie gibt, wird sie am besten ohne Individuen beschrieben)

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      • Damit wird Entfremdung nicht mehr denk-bar: das Phänomen, dass uns unser eigener Handlungszusammenhang als scheinbar objektiv existierend gegenübertritt.

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      • ich lese aber gerade (in ein paar wikipedia artikeln) wiederholt den begriff Individualilät in bezug auf Luhmanns systemverständnis. es scheint sich also um eine ansicht zu halten, in der es zwar im sozialsystem (also immer mehr als 1 bewusstseinsfähigen wesen, ähem) zwar keine Individuen gibt (resp. es keinen sinn macht von solchen zu sprechen um ein system zu beschreiben/beobachten) aber dennoch Individualität ein zentrales element darstellt.
        sollte bei lesenden eine gewisse ironie ankommen, so ist das nur teils von mir beabsichtigt, ich bin gerne bereit, mich auf die dahinter liegenden vorstellungen einzulassen 😉

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        • ich sehe gerade nicht worauf Du dich beziehst. So wie ich Luhmann lese, macht es vielleicht der einzüngige Wikipediaautor nicht, aber der liest ja ohnehin praktisch nichts so wie ich. Und wohl war mein Verweis auf Luhmann auch nicht sehr sinnvoll, da ich nur die Referenz thematisieren wollte.

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          • bezug : ich kreiste um die vorangegangen gedanken hier rund um Spielräume von einzelnen und in kommunikation stehenden, Entfremdung, u.ä.
            resp. meinen während vieler jahre entstandenen und bisher nicht gelösten knoten um den vorwurf herum in Luhmann’s konzepten gäbe es ja keine Individuen.

            dass du auf Wikipedia anspringst Rolf hatte ich befürchtet, jedoch: wenn ich auf ein paar seiten mehrmals den begriff der Individualität lese (NICHT Individuum), dann nehme ich das erst mal ernst und gehe davon aus, dass die „einzüngigen Wikipediaautoren“ bewusst mit solchem sprengstoff umgegangen sind 😉

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            • jetzt habe ich gerade in der Antwort an Franz F. geschrieben, was ICH bei Luhmann lese (und eben dass der Wikipedia-Autor etwas anderes liest, schenke ich mir).
              Mich interessiert sehr, wer N. Luhmann wie liest – allerdings mit der Einschränkung, dass ich wissen will WER. Für Luhmann ist es – in MEINER Leseweise – völlig unwichtig „wer spricht“, er interessiert sich nur für Kommunikationen. Deshalb habe ich geschrieben, dass er das von mir beschriebene Spiel verabsolutiere und Menschen rauswerfe. Ich interessiere mich aber für Menschen, oder genauer, dafür, was sie sagen.
              Mich interessiert, was DU bei Luhmann liest.

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        • so wie ich Luhmann verstehe, bestehen soziale Systeme nicht aus Individuen, sondern a) aus Kommunikationen und b) aus deren Zurechnung aus Handlungen. „Handlung ist die elementare einheit der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung sozialer Systeme“ (L., Soziale Systeme, S. 239 f).
          Ich verstehe das so, dass Individuen in ihren KOnversationen in bestimmte Rollen schlüpfen und Artefakte in die Hand nehmen und so die Geschichten inszenieren und aufführen, die das System reproduzieren.
          Ist das verständlich?

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          • ja, das ist verständlich 🙂 spannend wird es jedoch bei der frage, wo, wann und wie die Systeme eben nicht nur reproduziert werden sondern erweitert, modifiziert. (ich las über Kontingenz, Emergenz …)

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            • ich denke, wichtig ist erst einmal, zu sehen, dass STÄNDIG modifziert wird. In der Performanz von Rollen und im Gebrauch von Artefakten ist IMMER ein gewisses Spiel, andernfalls wäre wir Roboter, die dürfen nichjt spielen. ein Thaterstück wird niemals in der gleichen Weise wieder aufgeführt.

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          • hmmm .. das ist schon verständlich, aber ich verstehe den Text von N. Luhmann ganz anders.
            Das zeigt eben, dass jeder Leser liest, was er liest. Ich meine also nicht, dass wir darüber streiten sollten, was N. Luhmann in seinem Text wie lesen würde. Luhmann ist tot. Wir können uns erzählen, was wir lesen, soll heissen ich kann erzählen, was ich lese.
            Was ich lese ist auf einer Ebene klar: Es sind die materiellen Buchstaben im materiellen Buch, also das, was ich als Zitat kopiere. Beim Erzählen geht es darum, dass ich diesen Text durch einen anderen Text ersetze. (Was jetzt eben Thema in meinem Buch ist).
            Also: ICH LESE bei Luhmann, dass in bestimmten Beobachtungen von handelnden Individuen die Rede ist.
            Beispielsweise „Hans öffnet das Fenster“. Mit diesem Satz wird das Indivduum „Hans“ mit der Handlung Fenster öffnen“ verbunden. Das ist aber Inhalt der Beobachtung. Das bedeutet nicht, dass ein wirklicher Hans existiert und dass er wirklich handelt. Das bedeutet nur, dass ich SO spreche=beobachte. Und wenn meine Beobachtung zur Kommunikation wird, dann schliesst an meine Beobachtung eine andere Beobachtung an, in welcher wieder Hans als Individuum irgend eine Handlung machen kann, usw usw.

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            • ja gut. Ich sage nicht, dass Luhmann meine Lesart übernommen hätte. Ich frage mich, wie Maturanas KOnversationen (in denen Individuen vorkommen) und Luhmanns Kommunikationen (in denen keine vorkommen) zusammenpassen könnten. Und da komme ich dann auf den Begriff des Inszenierens und Aufführens von Geschichten. Das lässt sich dann aus der Perspektive der Akteure betrachten ebenso wie aus der der Kommunikation.

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              • ich kenne die Geschichte so, dass Luhmann Maturana eingeladen hat mit ihm zusammen in Bielefeld ein Seminar zu veranstalten. Maturana war angereist und nach kurzer Zeit hat Maturana gemerkt, dass er mit Luhmann nicht sprechen kann. Maturana ist wieder abgereist.

                Ich habe Sie so verstanden, dass Sie an einer Theorie arbeiten, in welcher beides Ansätze zusammenkommen können. Für mich wäre das dann aber Ihre Theorie und die wäre eben anders als jene beiden Theorien, die nicht zusammengefunden haben. David Bohm wollte so den Streit zwischen Bohr und Einstein aufheben, der eigentlich kein Streit war, weil die beiden auch nicht miteinander sprechen konnten.

                Es gibt oft Theorien, in welchen es gelingt früher getrenntes zusammen zu führen. Ich bin auf Ihre Theorie gespannt

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                • Ich kenne die Geschichte so, dass Maturana ein ganzes Semester in BI war, aber ansonsten stimmt es wohl, dass sie keine gemeinsame Sprache fanden.
                  Meiner Auffassung nach lag das nicht nur an den so unterschiedlichen Persönlichkeiten (als M. ankam, platze er mitten in eine Vorlesung von Luhmann. Maturana kam in den Raum, mit ausgbreiteten Armen stürmte er auf L. zu „Ola Senor Luhmann!“; der aber blieb stocksteif stehen). Es sind einfach zwei Ansätze, die sich nichts zu sagen haben. Der eine beobachtet jeweils den blinden Fleck des Anderen.

                  Mich interessiert halt die Perspektive, aus der heraus beide zusammengesehen werden können. Eine wichtige Rolle spielen für mich dabei auch Artefakte (sh. oben). Ich unterscheide dabei dingliche Artefakte (wie Hammer, Sichel etc.) und soziale Artefakte (Rollen).
                  Ich habe das schon mal systemagazin skizziert. Damit werden sie wohl nicht so einverstanden sein.
                  http://systemagazin.com/systemisch-fehlt-die-muskeln-des-beobachters/
                  Es gefällt mir aber noch nicht so gut. Ich werde das noch mal neu fassen.

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                  • Ich bin NICHT nicht einverstanden. Ich habe Sie nur nicht so verstanden, dass ich es in meinen eigenen Worten sagen könnte. Das Verbinden von zwei sehr verschiedenen Wissenschaften finde ich ein kühnes Projekt, dem ich gespannt folgen werde – so gut es mir gelingen mag.
                    Maturana und Luhmann – auch wenn sie verschiendene Temperamente verkörpern (sollten) – sind in meiner Perspektive beide Idelalisten, die kein Material in die Hände nehmen (können). Hammer und Sichel interessiert beide nicht. Und in Ihrem kurzen Beitrag kommen die Wörter zwar vor, aber mir scheint auch eher ausgegrenzt. Ihr Beobachter braucht seine Muskeln auch zum Denken, nicht zum Hämmern.
                    In meiner Perspektive (hier im Blog) brauche ich die Muskeln meines Körpers, um beim Schreiben Graphit in die richtige Position zu bringen. Dass ich dabei allenfalls auch denken muss, ist eher unerheblich, gerade weil das Denken keine Muskeln zu brauchen scheint.
                    Mich interessiert Ihre Explikation zu „Muster“. Ich beschreibe mit Muster die Anordnung des Graphit im Geschriebenen, sozusagen das Muster im Textil …

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                  • Mein Satz „Damit werden Sie wohl nicht so einverstanden sein“ war an die falsche Stelle gerutscht. Er bezog sich eigentlich darauf, dass ich soziale Rollen als Artefakte sehe.

                    Dass Sie mein Vorhaben als kühnes Projekt sehen, dem Sie gerne folgen, freut mich. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Die meisten Systemiker (keine bornierten Leute), mit denen ich mich darüber austausche, verstehen diese Idee entweder gar nicht erst. Oder sie halten es für nicht möglich.

                    Dass Maturana und Luhmann sich nicht für Hämmer oder Sicheln interessier(t)en, sehe ich genauso wie Sie. Wenn sie es getan hätten, hätten sie wahrscheinlich auch eine gemeinsame Sprache gefunden.

                    Für mich braucht auch das Denken körperliche Muskeln. Alleine schon, wenn Sie „Hammer“ denken oder „Sichel“, macht sich Ihre Ein-bildungskraft ein entsprechendes Bild. Und um dieses virtuelle Bild zu zeichnen, aktiviert das Gehirn, wenn auch minimal, die entsprechenden senso-motorischen Synapsen.

                    Was „Muster“ angeht, so gebrauche ich dieses Wort, wenn ich die bildende, schöpferische Kraft eines Organismus erklären will. Unter einem Muster verstehe ich ein Schema, zu dem eine Beobachterfunktion die dazugehörige Regel erst noch (er)finden muss.
                    Im Zusammenwirken von Sensorium und Motorium verwandeln sich chaotische Sinnesphänomene in Muster, die mögliche Verbindungen zwischen Erkennen und Wollen auf ihre Kompatibilität hin testen und sie schließlich in Form eines kohärenten inneren Bildes („Vorstellung“) festhalten, das es dem Organismus prinzipiell möglich macht, den nächsten Schritt einzuleiten und sich von dem form-losen Chaos wirksam abzugrenzen. Ich schlage dafür (in Anlehnung an Kant) den Begriff der Einbildungskraft vor. Ich sehe das als den materiellen Kern der „bildenden“, schöpferischen Kraft eines Organismus.

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                    • ich glaube, es geht nicht darum, einverstanden zu sein, sondern vielmehr darum, die Differenz genau beobachten zu können. Wenn Sie „soziale Rollen als soziale Artefakte“ bezeichnen, verwende Sie den Ausdruck Artefakt ganz anders als ich. Da es für mich keine „richtige“ Verwendung eines Ausdruckes gibt, geht es nur darum, die jeweilige Verwendung zu erläutern, was ich als Er-Satz bezeichne.
                      Das, was Sie als „dingliches Artefakt“ bezeichnen, ist vielleicht das, was ich als Artefakt bezeichne, das ist ist ein von Menschen hergestellter, materieller Gegenstand. Ein Hammer ist ein Artefakt, dessen Bedeutung ich erkennen kann, die Archäologen haben zum Teil Artefakte gefunden, der Bedeutung mir schleierhaft bleibt. Letzteres sind dann quasi nur Artefakte, während der Hammer eben auch ein Hammer ist.
                      Die soziale Rolle ist etwas völlig anderes, wenn ich sie auch als Artefakt bezeichnen würde, würde ich ein Homonym verwenden, ohne irgendeine Verbindung zu sehen (wie etwa bei Sitz-, Sand- und Geldbank).

                      Und zum kühnen Projekt: Ich lese jetzt gerade wieder die Kritische Psychologie von K. Holzkamp. Wie er in seiner Evolution der Psyche Biologie und Sozialwissenschaften zusammensehen kann, zeigt mir, dass kühne Projekte, die sehr verschiedene Perspektiven vereinen (wollen), Erfolg haben können. Aber das Gelingen kommt eben erst nach dem Versuch.

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  8. Pingback: Das Hypertext-Spiel (Hypertext 7. Teil) | Schrift-Sprache

  9. ich spiele gerade und schaue mir On behalf on Nature nochmals an, da sind so viele anknüpfungspunkte zu unseren gesprächen, nicht nur die offensichtlichen spielerischen lautmalerein, an die ich das video zunächst angedockt hatte, sondern auch : ein system, in dem ständig unvorhersehbares geschieht, das aber doch „irgendwie“ zusammenhält und neue anschlussmöglichkeiten bietet. ich l i e b e Meredith Monk !!!

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