Das Hypertext-Spiel (Hypertext 7. Teil)

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In meiner Sprache – das ist Grundlage des Spiels – kann ich Worte durch andere Wörter ersetzen. Statt Einhorn kann ich „Pferd mit Horn“ sagen. Die in den Ersetzungen verwendeten Wörter kann ich wieder ersetzen. Statt Pferd kann ich beispielsweise „ein weit verbreitetes Haustier“ oder „stämmiges Tier mit vergleichsweise grossem Kopf und langen Gliedmassen“ sagen. Diese Ersetzungen bezeichne ich als Er-Satz, oder kürzer als Satz.

Jedes Wort repräsentiert einen Er-Satz, respektive verschiedene Sätze. Da ich die Wörter in den Sätzen wieder verwende, ergibt sich eine spezifische Verflechtung, in welcher die Verwendbarkeit der Wörter zunehmend durch Widersprüche eingeschränkt oder grammatikalisch geregelt wird. Als meine Grammatik bezeichne ich in diesem Sinne die Menge der Regeln, die die Syntax meiner Sprache definieren, indem sie festlegen, welche Sprachhandlungen und vermittelt welche Schriftzeichen, ich wie verwenden kann. (2)

Die Grammatik begreife ich als deskriptiv, aber da sie in Forma von Regeln erscheint, kann sie in einem Automaten verkörpert werden, der die Menge der zulässigen Sätze produziert. Meine automatischen Textwerkzeuge zeigen mir beim Schreiben am Bildschirm teilweise an, ob meine Sätze der unterlegten Grammatik entsprechen, respektive, wo sie nicht tun. Die mir bislang bekannten Automaten taugen nicht sehr viel. S. Ceccato hat dem US-Militär bereits 1944 einen derartigen Automaten versprochen, der überdies auch noch übersetzen könne. Die Entwicklung dieser Werkzeuge ist gewissermassen in Verzug.

Die Menge der Ausdrücke, die durch eine Grammatik definiert werden, bezeichne ich als Syntax der jeweiligen Sprache. Die Syntax besteht aus unendlich vielen, nämlich aus allen möglichen Sätzen. Sie kann deshalb nicht aufgeschrieben werden. Anstelle der Syntax beschreibe ich deshalb die Konstruktion der Grammatik. Eine verbreitete Form der Grammatik – die im Zusammenhang mit formalen Sprachen entwickelt wurde – verwendet sogenannte Produktionsregeln, zur Generierung von Sätzen, und ein semantisches Lexikon, das die Syntax beschränkt. Die Produktionsregeln lassen beispielsweise alle Sätze der Form: „Subjekt – Prädikat“ oder der Form „Personalpronomen – konjugiertes Verb“ zu. Die Semantik begrenzt dann die Syntax auf „sinnvolle“ Sätze, so dass beispielsweise der Satz „ich regne“ produzierbar wäre, aber semantisch ausscheidet. Ich will das hier nicht genauer ausführen und setzt deshalb einen – subsidiären – Link auf ein Dokument, in welchem ich das ausführlicher erläutert habe.

Ausserdem muss ich anmerken, dass ich  in den Sätzen auch Wörter verwende, die ich nicht durch einen Satz ersetzen kann, weil sie ihren Sinn nur innerhalb eines Satzes entfalten. Der Artikel „das“ beispielsweise steht nicht für etwas, was ich umschreiben kann. Ich kann zwar sagen, dass „das“ ein Artikel ist und ich kann sagen, was ein Artikel ist, ich kann sagen, welche grammatikalische Funktion eine Artikel hat und wie und wo ich Artikel verwende, aber ich kann das „das“ nicht ersetzen. Im Hypertext erschliesst sich also nicht die ganze Grammatik, sondern nur ein semantischer Aspekt davon.

Bevor ich das Spiel noch etwas differenzierter darstelle, will ich nochmals auf das Spiel des Schreibens selbst zurückkommen. In einer Aristoteles zugerechneten, aber die ganze Philosophie beherrschenden Differenz zwischen Praxis und aristotelesPoiesis steht Poiesis für Tätigkeit mit einem extrinsischen Zweck, während Praxis eine Tätigkeit bezeichnet, die sich selbst genügt. Auf das Handwerk (Techne) bezogen, bezeichnet diese Differenz das Können, einen Gegenstand herzustellen als Kunstfertigkeit und das Herstellen des Gegenstandes als Arbeit, die gemäss der philosophischen Vernunft von einem Sklaven gemacht wird, solange sie nicht hochmechanisiert oder automatisiert ausgeführt werden kann.

Die Kunstfertigkeit des Herstellens kann ich mir nur beim Herstellen aneignen. Deshalb entstehen in der Praxis des Herstellens materielle Gegenstände, die auf dem gesellschaftlichen entwickelten Markt als Kunstwerke einen sekundären Sinn bekommen. Im speziellen Falle des Schreibens – das von den Philosophen im Allgemeinen ja nicht als handwerkliches Herstellen von Schriftzeichen beobachtet wird – haben die Schriftzeichen und mithin Text natürlich einen Zweck, den ich in der Gegenstandsbedeutung der Artefakte erkenne, aber dieser Zweck ist Teil des Spiels, in welchem ich meine Sprache entfalte. H. Maturana hat diesen Zweck als Selbstzweck – als Auto-Poiesis – invertiert, während aristotelische Philosophen das Herstellen von Schriftzeichen erst auf der Stufe des Buchdruckes als Handwerk begreifen, das dann aber mit der Sprache der Philosophen nichts mehr zu tun hat und gut an Sklaven oder Lohnarbeiter delegiert werden kann. In der von Aristoteles gemeinten Poietik geht es nicht um Gegenstände, die einen Zweck haben, sondern um Gegenstände, deren Zweck im Auftrag festgelegt wird.

Wenn ich im Spiel schreibe, praktiziere ich kunsthandwerklich, ich stelle Gegenstände her, was ich aber nicht an andere delegieren kann. Ich kann nicht andere Menschen für mich spielen lassen.(2)


1) Derrida bezeichnet seine Theorie als Grammatologie. Eine Kernaussage lautet, dass es keine Schriftzeichen gebe, die der Schrift vorausgehen. Jedes Wort ist nur als grammatikalischer Er-Satz möglich.(zurück)

2) In den Kommentaren ist nicht nur das hier nicht gemeinte Sprachspiel von Wittgenstein zur Sprache gekommen, sondern auch, dass der Ausdruck „Spiel“ ein massenhaftes Homonym für Referenzobjekte ist, die nicht das geringste miteinander zu tun haben: Erwachsenenspiele, Rollenspiele, Fussball vor zahlenden Zuschauern, Spieltheorie-Spiele wie Schach, Festspiele und vieles anderes mehr.(zurück)


weiter zu: Definition und Vereinbarung (Hypertext 8. Teil)

last update 14 .5.2015

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3 Antworten zu “Das Hypertext-Spiel (Hypertext 7. Teil)

  1. Pingback: Schreiben als Spiel (Hypertext 6. Teil) | Schrift-Sprache

  2. „Wenn ich im Spiel schreibe, praktiziere ich kunsthandwerklich, ich stelle Gegenstände her, was ich aber nicht an andere delegieren kann. Ich kann nicht andere Menschen für mich spielen lassen“

    das ist eine klare aussagen 😉 🙂

    Gefällt 1 Person

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