Definition und Vereinbarung (Hypertext 8. Teil)

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Als Hypertext-Spiel bezeichne ich eine Institutionalisierung von Spielregeln, die ich als Hypertexter in meinem Spielen beobachten und explizit machen kann. Diese Regeln begreife ich als Differenz zwischen Regeln als Gebot und Regeln
als Vision. Sie sind keine Vorschriften, die ich befolgen müsste. Ich muss sie nur in dem Sinne einhalten, als ich sie als solche aufrecht erhalte, gleichgültig wie oft ich sie auf welche Weise verletze. Natürlich gibt es keine Instanz die
Regelverletzungen in irgendeiner Weise ahnden könnte, ich nehme Regelverletzungen als Anlass, die Regeln zu bedenken. Ich nehme Regelverletzungen zunächst als Ausnahmen wahr und wo das nicht mehr gelingt, als Antrag, die Regeln zu ändern. Die Regeln beschreiben als Vision, wie ich schreiben möchte, wie ich schreiben werde, wenn ich hinreichend entwickelt bin. Wenn ich die Einträge auf den Steintafeln von Moses als solche Regeln lese, lese ich nicht, Du sollst nicht lügen, rauben und töten, sondern die Verheissung, Du wirst nicht lügen, rauben und töten, wenn Du ein Mensch geworden bist. Die Regeln beschreiben aber nur sozusagen die Zukunft, sie beschreiben als Utopie die Gegenwart.

Als Hypertext-Spiel beschreibe ich, wie ich mein Schreiben durch Spielregeln begreife. Die Regeln dienen dem Bewusstmachen, nicht als Anweisungen. Als Praktizieren begreife ich das bewusste Aufheben, von dem, was ich ohnehin mache.

Die für mein Spiel konstituierende Regel verlangt einen Er-Satz im eigentlichen Sinn. Das heisst, der Er-Satz müsste – wie T. Nelson vorgeschlagen hat – anstelle des Wortes, den er ersetzt, in den Text eingefügt werden können. Diese Grundregel erfüllt mein Wörterbuch nie, weil die Sätze im Wörterbuch das Stichwort, das sie ersetzen auch enthalten.

Ich schreibe beispielsweise in irgendeinem Text: „Die Leistung der Computer verdoppelt sich jedes Jahr“. Das Wort Computer verlinke ich mit dem Eintrag in meinem Wörterbuch. Dort steht aktuell: „Als Computer bezeichne ich
programmierbare Automaten mit Ein- und Ausgabegeräten wie Tastatur und Bildschirm, die ich zur bedingten Herstellung von Symbolträgern benutze. Die inverse Funktion des Computers ist, einen Benutzer zu „steuern“, ihn mittels erwartbaren Ausgaben zu bestimmten Eingaben zu veranlassen.“

Das Beispiel zeigt nicht nur, dass der Er-Satz nicht unmittelbar eingesetzt werden kann, sondern vor allem auch, dass in meinen Wörterbuch sozusagen verschiedene Ersatz-Sätze stehen. Die unterstellte semantische Äquivalenz muss
ich als Leser erkennen und der Formulierung nach selbst herstellen, wobei ich erst noch wählen muss, was ich einsetzen soll.

Ich kann die Einträge in meinem Wörterbuch etwas genereller als Vereinbarungen darüber lesen, wie ich das jeweilige Wort verwende. Die Ersetzung findet dabei unmittelbar nur im Wörterbuch statt, wo sie aber nur beschrieben, also gerade nicht verlinkt ist.

Im noch unentwickelten Zustand ist mein Hyperwörterbuch eine Art Sammelsurium wie etwa die Wikipedia, deren Stichworte keiner erkennbaren Systematik unterliegen und die als Hypertext keine äussere Ordnung zeigt. Es gibt Einträge zu Personen, Büchern, Fahrzeuge, Gerichte … einfach zu allem, was durch ein Wort irgendwie bezeichnet wird. Im Wörterbuch unterscheide ich, ob ich einer von mir beschriebenen Sache einen Eigen-Name zuordne oder ob
ich durch eine Definition einen Begriff ersetze. Wenn ich beispielsweise in einem Text etwas von S. Ceccato zitiere, verlinke ich diesen Namen mit einem Eintrag, in welchem biographische Angaben zu dieser Person zu finden sind. S. Ceccato ist ein Mensch, ein Mann, ein Philosoph usw., aber im Wörterbuch erscheint er nicht als Repräsentant einer dieser Klassen sondern als Individuum. Dort steht, was ihn auszeichnet, nicht was ihn zum Mitglied einer Klasse macht. Genauso ist der Eintrag über das Matterhorn eine Beschreibung dieses individuellen Berges. Wenn ich dagegen in einem Text einen Begriff verwende, verlinke ich den Begriff mit einer Definition des Begriffes, wodurch ich das verlinkte Wort gerade als Begriff auszeichne.

Sehr viele Wörter in meinen Hypertexten sind nicht verlinkt. Ich verwende sie, ohne mir bewusst zu machen, wie ich sie verwende. Wo ich Eigennamen verlinke, geht es mir eher um nicht sehr wichtige Zusatzangaben, die ich im Text nicht
einfügen will. Wenn ich einen Personenname wie etwa S. Ceccato verlinke, will ich mir nicht bewusst machen, wie und wofür ich dieses Wort verwende. Wenn ich dagegen eine Objektbezeichnung verlinke, prüfe ich, ob ich den Begriff
auch dem Eintrag in meinem Wörterbuch entsprechend verwende. Genau dafür ist die Definition eine für mich sehr effiziente Formulierung, weil sie die Äquivalenz der beiden Ausdrücke bezeichnet. Die Definition besteht – analog zu
einer einer mathematischen Gleichung – aus zwei Seiten und einer Äquivalenz, die ich auch mit einem Gleichheitszeichen ausdrücken könnte. Ich würde dann das Schriftzeichen „=“ synonym für das Wort „gleich“ verwenden, respektive für den Satz, dass ich etwas durch einen bestimmten Ausdruck bezeichne.

Als Definitionen bezeichne ich – in diesem Fall auch selbstbezüglich – Beschreibungen, die einen – inhaltlich gebundenen – Oberbegriff und ein Kriterium einführen, um Gegenstände durch (Unter)-Begriffe zu klassifizieren, was gemeinhin durch die Formel „Genus proximum et differentia specifica“ ausgedrückt wird. Die Äquivalenz beruht auf der Vereinbarung, wonach ich den definierten Ausdruck so verwende, dass er durch die andere Seite der Definition er-satzt werden kann. Differenztheoretisch bezeichne ich eine Definition durch eine Differenz zwischen einer Vereinbarung und einer Definition. Der Sinn der Definition ist aber nicht nur die Vereinbarung eines Ausdruckes, die Verwendung von Wörtern kann ich auch jenseits von Definitionen vereinbaren. In definitinonDefinitionen verwende ich eine ganz bestimmte Art der Vereinbarung, ich klassifiziere Gegenstände.

Wenn ich etwa sage, dass Maschinen Werkzeuge sind, klassifiziere ich verschiedene Werkzeuge. Einige nenne ich Maschinen, weil sie bestimmte Kriterien erfüllen, die ich in meiner Definition als Bestimmung und Abgrenzung verwende. Danach kann ich umgekehrt sagen, dass eine Maschine ein Werkzeug ist, das bestimmte Bedingungen erfüllt. Ich definiere, um Gegenstände zu klassifizieren, und verwende nachher die Definition, um die vereinbarte
Klassenbezeichnung zu erläutern.

Mit dieser Art des Definierens sind ein paar sehr verschiedene Probleme verbunden, auf die ich im Folgenden noch eingehen will. Zunächst aber will ich die Funktion dieses Definierens nochmals hervorheben. Ich begreife dieses
Definieren als Reflexion. Die Definitionen sind in keiner Weise richtig oder verbindlich, sondern repräsentieren im Sinne der Hypertext-Regeln Wortverwendungen, die mir per Explikation bewusst sind. Ich kann auch diese
Definitionen jederzeit missachten, die Funktion der Definition besteht lediglich darin, dass ich merke, wenn ich – aus welchen Gründen auch immer – einen Wort anders verwende. Ich kann in den Definitionen neben dem semantischen
auch einen pragmatischen Aspekt erkennen. In diesem Sinne mache ich mir nicht nur meine Sprache bewusst, sondern auch meine Theorie, durch die ich Referenzobjekte in meiner Welt klassifiziere.

Gerade weil ich mit Definitionen Referenzobjekte beschreibe, kann ich meine Sprache nicht durch Definitionen begründen. Die jeweils allgemeinste Objektklasse kann ich nicht definieren, sondern nur operativ begründen. Ich
müsste also das Definieren insgesamt – wie es etliche Philosophen tun – verwerfen, wenn ich das Definieren nicht operational begreifen, sondern als Versuch sehen würde, die Sprache überhaupt in einem Sinne festzulegen, in
welchem Wörter eine verbindliche Bedeutung haben. (1) Die Paradoxie von Wörtern mit einer nicht idiosynkratischen Bedeutung durchzieht die Philosophie, die definiert und keine Definitionen will.

In meiner Sprache erkenne ich durch die Definitionen, die Ordnung, die ich in meiner Welt erkenne. Die je aktuellen Definitionen bilden als Hypertext ein semantisches Netz, das von jeder Nachführung eines einzelnen Knotens
insgesamt betroffen ist. Logischerweise ist es immer in einer Art Fliessgleichgewicht, das fortlaufende Korrekturen verlangt.


1) Auf die pragmatische Relevanz dieser Vorstellung werde ich später zurückkommen.(zurück)


weiter zu: Pragmatik und Metapher (Hypertext 9. Teil)

last update 20 .5.2015

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3 Antworten zu “Definition und Vereinbarung (Hypertext 8. Teil)

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