Pragmatik und Metapher (Hypertext 9. Teil)

Definition und Vereinbarung (Hypertext 8. Teil)   <- Pragmatik und Metapher (Hypertext 9. Teil) -> Hyper-Buch (Hyper-Bibliothek 1. Teil)


Der Hypertext im engeren Sinne des ersetzenden Einsetzen (T. Nelson) ist ein kühnes Projekt, das seinen Anfang in der Enzyklopädie hat, worauf ich im nächsten Abschnitt zurückkomme. Zunächst beobachte ich noch zwei Einwände
gegen die akademische Idee, Schriftzeichen liessen sich vereinbaren und durch Definitionen ersetzen. Zum einen scheint sich die reale Welt den Definitionen – pragmatisch – zu entziehen und zum andern scheint die Sprache sich
metaphorisch jeder Bestimmung zu entziehen.

Als Pragmatik bezeichne ich eine sehr spezielle Äquivalenz, in welcher ich Text auf eine bestimmte Weise mit anderen Artefakten doppelt gleichsetze. Zum einen erscheint Text als materieller Arbeitsgegenstand, der mit Werkzeugen geformt wird und auf entwickeltem Niveau als Hypertext selbst Gerätecharakter annimmt. Zum andern fungiert Text als Zeichen für andere Artefakte, was auf einer Vereinbarung beruht. Der Text „Brbrueckeücke“ ist einer Brücke gleich, weil beides
intentional hergestellte Gegenstände sind, und er ist der Brücke – in einem anderen Sinne – gleich, weil er als Zeichen für die Brücke steht.

Als Pragmatik bezeichne ich einen bestimmten Umgang mit Zeichen, in welchem ich Zeichen nicht als Er-Satz für andere Zeichen verwende, sondern für Gegenstände, die ich nicht als Zeichen auffasse. Pragmatik ist in diesem Sinne
ein Technik, eine aussersprachliche Welt darzustellen, welche im nicht metaphorisch gemeinten Sinn eben wie die Zeichen auch aus Artefakten besteht. Ich kenne verschiedene Lehren, die ich als Skeptizismus bezeichne, in welchen
keine materiellen Gegenstände existieren. In einigen Varianten des Konstruktivismus etwa sind materielle Gegenstände Ausgeburten der Phantasie oder Inhalte von Kommunikationen. In der idealen Mathematik spielt es
keine Rolle, ob Zahlen für etwas anderes stehen oder nicht. In der Kybernetik von W. Ashby wird die Funktionsweise eines Geisterhauses beschrieben.

In der Perspektive meines historischen Materialismus stelle ich materielle Gegenstände her, die einen Zweck und einen Sinn haben und die ich durch Eigenschaften charakterisiere. Durch Schriftzeichen kann ich über die
Gegenstände umgangssprachlich „Aussagen machen“, in dem ich Schriftzeichen pragmatisch vereinbare. Ich kann etwa durch Zeigen zeigen, wofür ich das Zeichen „Tisch“ verwende. Ich meine nicht, dass auf diese Weise je eine
Sprache entstehen könnte, oder dass ich auf diese Weise schreiben oder sprechen lernen könnte. Ich kann aber durch Zeigen in einem operativen Sinn vereinbaren, wie ich Verhältnisse in meiner materiellen Welt durch Text darstelle.
Genau wie ich im Hypertext nur einzelne Wörter verlinke, zeige ich in der Pragmatik nur von einzelnen Wörtern, wie ich sie verwende, respektive wofür ich sie nicht verwende. Das primitiv-sinnige Beispiel beschreibt eine Akkommodation des Kleinkindes, das gelernt hat, dass Lebewesen mit vier Beinen „wauwau“ heissen, und dann von seiner Mutter angesichts ein Kuh so belehrt wird, dass dieses vierbeinige Lebewesen kein „wauwau“ ist. In Bezug auf einzelne, bestimmte Wörter ist das – wie das Verlinken auf Einträge in einem Wörterbuch – ein sehr taugliches Verfahren.

Unter dem Gesichtspunkt der negativen Rückkoppelung muss ich nicht positiv bestimmen, was ich bezeichne, es genügt wenn ich hinreichend oft zeige, was ich nicht meine. Aber in einem pragmatischen Sinn setze ich natürlich sprachfähige Menschen voraus, wenn ich jemandem zeige, was ich als Werkzeug oder was ich als Hund bezeichne. (1)

Unter pragmatischem Gesichtspunkt zeige ich durch Definitionen, wie ich Gegenstände klassifiziere. Wenn ich sage, dass Maschinen Werkezeuge sind, die ich nicht mit meiner eigenen Kraft antreiben muss, bilde ich zwei Klassen von
Werkzeugen, wovon ich die eine als Maschine bezeichne. In der Definition beschreibe ich, wie ich die Objekte der beiden Klassen unterscheide und natürlich, wie ich sie bezeichne. Die Definition widerspiegelt eine Operation, durch welche ich jenseits der Sprache willkürliche Einteilungen vornehme, indem ich etwa als Warenhausbesitzer Werkzeuge und Maschinen getrennt anbiete. Dabei muss ich entscheiden, welche Werkzeuge ich welcher Gruppe zuordne. Und
ich kann das nach ganz verschiedenen Kriterien tun, die mir überdies nicht einmal bewusst sein müssen.

Die Tret-Nähmaschine meiner Grossmutter bezeichne ich der naehmaschineumgangssprachlichen Konvention folgend als Maschine, obwohl sie gemäss meiner Definition keine Maschine ist. Die Objektbezeichnung stimmt eben in vielen Fällen nicht mit der Klassenbezeichnung überein, wofür es viele praktische Gründe gibt. Die Tret-Nähmaschine ist eine ,Maschine‘, der die ,vernünftige‘ Energieversorgung fehlt. Sie ist eine typisch anachronistische Ingenieursleistung: Ein Werkzeug, das die Entwicklungsstufe der Maschine hat, aber – energiemässig – keine ist. Die Erfinder, die im Falle der ersten Nähmaschinen mehr technische Pioniere als Ingenieure waren, widersetzten sich meiner Definition nachnaehmaschine
dem Gebot der Praxis. Die Praxis (hier wohl der Markt) verlangte nach einem Werkzeug, das die relativ einfache, aber (für Handwerkerinnen) komplizierte Nähbewegung ersetzte, aber nicht zu teuer war. Was „teuer“ damals geheissen
hat, zeigen heute weniger die vollautomatischen Billigst-Nähmaschinen, als die fehlende Strominfrastruktur in den Entwicklungsländern. Die Tret-Nähmaschine erfüllt bestimmte Gebote des praktischen Lebens. Wer etwa, um Wasser zu schöpfen, einen lebenden Ochsen an den Ziehbrunnen spannt, macht dies wohl eher, weil er kein vernünftigeres Werkzeug, als weil er etwas gegen meine Definition hat. Gleichwohl hat er, oder vielmehr macht er etwas gegen die Definition. Der Ochse am Ziehbrunnen ist dem Ochsenbesitzer, was der Sklave seinem Feudalherrn. Alle überbrücken eine vorzeitige Idee. Sie stehen für antizipierte Werkzeuge, die noch nicht entwickelt sind. So gesehen verfolgen die Ingenieure eine antizipierte Wirklichkeit, sie „entwickeln“, packen aus oder entfalten, was dem Werkzeug immer schon innewohnt. Ingenieure entwickeln das Werkzeug im besten Sinne des Wortes. Sie entwickeln, wenn man so will, die Menschen aus ihrer viehischen Not, andere Lebewesen, insbesondere andere Menschen als Werkzeuge zu missbrauchen.

In meinem Wöterbuch stehen deshalb nicht nur Definitionen, sondern auch viele Erläuterungen darüber, wo und weshalb ich bestimmte Wörter auch ganz anders verwende. Einen speziellen Fall bilden die Homonyme. Als Homonym bezeichne ich einen Ausdruck, für den in derselben (Einzel)-Sprache verschiedene Vereinbarungen gelten. Den Ausdruck „Bank“ verwende ich beispielsweise für ein Sitzmöbel und für eine Finanzinstitution. Ich gehe grundsätzlich und immer davon aus, dass Wörter arbiträr sind. Homonyme deute ich aber manchmal als Metaphern, womit ich – quasi im re-entry zum Arbiträren – Zusammenhänge konstruiere. Als Metapher bezeichne ich in diesem Sinne ein erkenntnisleitendes Konstrukt, das auf der Grundlage von Homonymen beruht. Wenn ich Homonyme als Metaphern auffasse, postuliere ich eine Beziehung zwischen den Referenzobjekten des Ausdruckes und frage mich, welche Eigenschaften von welchem Geber- auf welches Nehmergebiet übertragen werden. So sage ich etwa von einem Menschen in einem metaphorischen Sinn, dass er ein Esel, und wenn er kein Esel ist, versteht er mich.

Metapher verwende ich lax gesprochen für „uneigentliche Wortverwendung“. Das lexikalische Problem bei Metaphern besteht darin, die eigentliche Wortverwendung zu bestimmen. Beim Ausdruck „Esel“ scheint primär das pferdeartige Tier mit den langen Ohren gemeint zu sein, aber in den meisten Fällen, in welchen von einem Esel gesprochen wird, ist ein Mensch gemeint, der ein Verhalten zeigt, welches die Tiere, die Esel heissen, gar nicht so oft zeigen. Viele Ausdrücke verdrehen ihren Sinn so, dass erst eine vermeintliche Metapher die eigentliche Wortverwendung zu Tage bringt. Seit es künstliche Intelligenz gibt, weiss ich, was icheigentlich als intelligent bezeichne – es sind bestimmte Maschinen, die noch nicht hergestellt werden können und deshalb durch Menschen, die das schon können ersetzt werden müssen.

In meinem Wörterbuch stehen viele solche Geschichten. Aber das ist für mich kein Grund kein Wörterbuch und keine Definitionen zu schreiben.


1) Diesen Pramatismus vertritt etwa H. Maturana, wenn er das Falsifikationsprinzip von K. Popper verwirft. Ich weiss, was ein Hammer ist, ich weiss nicht nur, was kein Hammer ist. (zurück)


weiter zu: Hyper-Buch (Hyper-Bibliothek 1. Teil)


last update 21 .5.2015

Werbeanzeigen

3 Antworten zu “Pragmatik und Metapher (Hypertext 9. Teil)

  1. Pingback: Definition und Vereinbarung (Hypertext 8. Teil) | Schrift-Sprache

  2. „Seit es künstliche Intelligenz gibt, weiss ich, was icheigentlich als intelligent bezeichne – es sind bestimmte Maschinen, die noch nicht hergestellt werden können und deshalb durch Menschen, die das schon können ersetzt werden müssen.“
    hm, ob maschine oder mensch, geht es doch um die unterscheidung von „etwas“ können oder nicht. es gibt also dümmere und intelligentere menschen (je nachdem auf welchem gebiet) und ebenso dümmere und intelligentere maschinen. (?)

    Gefällt mir

    • kommt eben drauf an, wie ich das Wort „intelligent“ verwende. Und ich verwende es so, dass ich nur metaphorisch von intelliegenten Menschen sprechen kann, weil ich das Wort für „noch nicht herstllbare Maschinen“ verwende.
      Es gibt dann auch nicht mehr oder weniger intelligente Maschinen. Alle Maschinen, die es gibt, die gebaut werden können, sind NICHT intelligent. Ein Schachcomputer konnte lange Zeit nicht gebaut werden und gehörte eben so lange zu den intelligenten Maschinen, die durch Menschen ersetzt werden mussten. Jetzt gibt es Schauchcomputer, die Schach besser abarbeiten als Menschen. Es sind gewöhnliche Maschinen, die keinerlei Intelligenz haben.
      Ich verwende das Wort so, weil ich so bestimmte Aussagen über die Technik machen kann. Wenn mich andere Sachen mehr interessieren würden, würde ich das Wort vielleicht anders verwenden. Ich kenne allerdings niemanden, der das Wort – für mich brauchbar – in einem anderen Sinn definiert hat. Das liegt vielleicht daran, dass ich keine intelligenten Menschen kenne? (Ich kenne natürlich ein paar Inteligenztest von Psychologen … und ich kenne, was A. Turing über Intelligenz gesagt hat).

      Im Blog geht es mir aber mehr um das Definieren als um Intelligenz.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s