Hyper-Buch (Hyper-Bibliothek 1. Teil)

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Der Computer hat als Textträger das Buch in einem evolutionstheoretischen Sinn abgelöst. Das heisst, es gibt neben dem Computer weiterhin Bücher, wie es neben den Menschen auch weiterhin Affen gibt. In plausiblen biologischen Evolutionsgeschichten – wie sie etwa K. Holzkamp erzählt – waren die ersten Menschen unter den Primaten eine Randerscheinung, die wie etwa die Neandertaler auch dann und wann wieder ganz verschwunden sind. Evolutionär erfolgreiche Entwicklung erkläre ich mir damit, dass ihre Vorteile ihre Nachteile im je gegebenen Kontext überwiegen.

Ich vergleiche dabei nicht verschiedene noch existierende Arten, sondern spezifische Aspekte, die bei der entwickelteren Art hinzugekommen sind. Menschen gestalten ihre Umwelt, wozu sie Werkzeuge herstellen. Affen können auch ohne Werkzeuge gut leben.

Menschen stellen Text und damit verbunden Textträger her. Sie verwenden dabei Werkzeuge, die sie in einem evolutionären Sinn entwickeln. Als entwickelste Form des Textträgers setz(t)en sich Computer gegenüber bedruckten Textträgern im evolutionären Prozess allmählich durch, was ich mir dadurch erkläre, dass sie die spezifische Begrenzung von Büchern nicht haben. Die Bücher sind aber bislang nicht ausgestorben. Vielmehr gab es zunächst auch auf den Computern vor allem hergebrachte Texte und mithin im hergebrachten Empfinden auch „Bücher“, wobei die eigentliche Buchproduktion noch lange Zeit so dominant war, so dass das „Buch“ – als Textmengenart -weiterhin bestehen blieb. Ich lese auf meinem Computer deshalb auch sogenannte e-books.

Computer sprengen Text, sie machen Hypertext möglich. Durch das WWW wurde – wenn dort auch nicht in einem dominanten Sinn – Hypertext massenhaft. Hypertext sehe ich als Grundlage für ein neues Verständnis von Textmengen und Textgrenzen. Während die sagenhaften Bibliothekare von Alexandria noch von allen Büchern, die es in der damaligen Welt gab, eine Kopie haben wollten, haben die meisten wirklich existierenden Bibliotheken den Anspruch von möglichst vielen relevanten Büchern ein Exemplar im Gestell zu haben.

Durch die Kategorien, die ich anhand von Hypertext auf dem Computer generiere, sehe ich das Buch und die Bibliothek als technisch primitivere Formen einer Evolution, so wie ich im Affen in gewisser Hinsicht eine Vorstufe des Menschen sehe, was ich nur kann, weil ich ihn mit dem Menschen vergleichen kann.

Das Buch und noch viel mehr das Massenbuch, das Gutenberg zugedichtet wird, verbreitet Text, wie die Kinotechnik Bilder und das Radio Lautfolgen verbreitet. Das einzelne Buch hat eine massive Begrenzung, es kann nur begrenzte Textmengen enthalten. Damit verbunden hat das Buch ein massenhaftes Normalempfinden dafür begründet, dass und wie Text begrenzt sein sollte.

Wenn ich Hypertext schreibe, produziere ich Textbausteine, also eine Art Hyper-Vokabular, mittels dessen ich als Hyperleser meine Texte quasi lesend schreibe, indem ich sie zusammenstelle, wie ich beim konventionellen Schreiben Wörter zusammenstelle. Ich schreibe aber auch mit dem Computer und auf dem Computer zur allmählichen Verfertigung meiner Gedanken, die ich innerhalb eines gemeinten Themas ordne. So passen meine Texte zu meiner Vorstellung von mehr oder weniger langen Büchern, gerade weil ich in eigentlichen Büchern diesen spezifischen Sinn erkenne.

Den Text, den ich hier schreibe, bezeichne ich – in einem metaphorischen Sinn –hyperbibliothek als Buch, weil ich einen begrenzten Text zu einem begrenzten Thema schreiben will. Ich bezeichne ihn auch als – noch nicht entwickeltes – Hyperbuch, weil ich ihn auf einem Computer schreibe und Links in den Text einfüge. Das eigentliche Hyperbuch entwickelt sich – im Rahmen einer Hyperbibliothek – durch verlinkte Textauslagerungen, wodurch es prägnant wird, also wenig Redundanz enthält, weil die Vereinbarungen, etwa in Form von Definitionen im Hyperlexikon ausgelagert sind.

Als Hyperleser kann ich abschätzen, welche Auslagerungen ich verfolgen muss und welche nicht, zumal wenn ich den Charakter der Auslagerungen auch kenne. Begriffsdefinitionen lese ich genau und nur dann, wenn ich merke, dass meine Begriffe nicht passen oder der Text damit keinen Sinn ergibt.

Als Hyperbuch bezeichne ich eine – beispielsweise durch einen „vorwärts“-Link markierte Reihe von Hypertextteilen, die ich wie Buch lesen kann, weil sie in der vorgeschlagenen Reihenfolge eine buchartige Argumentation ergeben. Die primitivste Form des Hyperbuches erstelle ich, indem ich einen vorhandenen Buchtext zerschneide und die Teile in ihrer ursprünglichen Reihenfolge verlinke. Nach diesem Muster werden sehr viele Hypermedia-Werke gestaltet, die einfach hyper-modern sein wollen.

Das „Buch“, das ich hier schreibe, hat diesen Charakter. Die einzelnen Abschnitte sind als Fortsetzungen verlinkt. Ich werde darauf zurückkommen, welchen Sinn ich darin sehe. Als ganz einfaches Hyperbuch sehe ich es, weil es auch Links zu anderen Abschnitten und zu Textteilen jenseits dieses Buches enthält. Für sich alleine macht das Hyperbuch natürlich kaum Sinn, es entfaltet seinen Sinn erst in der Hyperbibliothek.


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last update 29 .5.2015

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8 Antworten zu “Hyper-Buch (Hyper-Bibliothek 1. Teil)

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  2. „Das einzelne Buch hat eine massive Begrenzung, es kann nur begrenzte Textmengen enthalten. Damit verbunden hat das Buch ein massenhaftes Normalempfinden dafür begründet, dass und wie Text begrenzt sein sollte.“
    ja, solche und dieses „Normalempfinden“ sind ein spannendes phänomen, es handelt sich eben nicht um flüchtige eindrücke und leicht veränderbare reaktionen. jedenfalls solange nicht, wie sie über jahre und massenhaft „genährt“ werden.
    (das könnte ein erweitertes verständnis vom „Unbewussten“ sein/werden.)

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    • ja, das könnte psychologisch weitergesponnen werden. Mir geht es mehr darum, was ich als Buch bezeichne (ohne dass ich die psychologischen Gründe untersuche). Das meine ich mit *normal“. Ein Buch hat ein (1) Thema und etwa 200 Seiten ! Weiss der Teufel warum. Alles andere sind Abweichungen.

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      • ich wollte das nicht weiterspinnen
        und schon garnicht über psychologische gründe sprechen, ganz im gegenteil sehe ich hier effekte !! von nicht psychischen einflüssen.

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        • na, dann war ich es wohl, der das psychische hineingesehen hat (ich lese eben gerade viel über die Psyche ;-))
          Aber davon unabhängig finde ich sehr interessant, wie ich zu einer für mich NORMALEN Vorstellung von „Buch“ gekommen bin, was bei Texten auf Computern ja gar keinen Sinn mehr macht, aber bei mir doch nachhält.

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  3. „Wenn ich Hypertext schreibe, produziere ich Textbausteine, also eine Art Hyper-Vokabular, mittels dessen ich als Hyperleser meine Texte quasi lesend schreibe, indem ich sie zusammenstelle, wie ich beim konventionellen Schreiben Wörter zusammenstelle.“

    wenn ich ein buch lese, ist das allerdings auch ein aktiver prozess, bei dem das was dort steht, angereichert wird mit vorstellungen, das wird bei gedichten und romanen besonders deutlich. aber ja, es so physisch zu tun, ist ein markanter unterschied. es ist gröber, handgreiflicher und macht deutlich, was zuvor unsichtbar und unreflektiert geschah. ganz abgesehen von der textfülle.

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  4. ja, mir geht es um das „handgreiflicher“, um das Materielle, Anfassbare, das nicht bloss in meinem Kopf geschieht …

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