Hyper-Kollaboration (Hyper-Bibliothek 4. Teil)

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Die Kollaboration beim Schreiben hat verschiedene Entwicklungsstufen. Im herkömmlichen Sinn, also wenn die Schreibenden als Autoren fungieren, besteht die Kollaboration in einem Gespräch zum Geschriebenen. Ich kann vorab mit anderen Menschen darüber reden, was ich schreiben will und mir ihre Anregungen und Einwände aneignen. Ich kann ihnen meinen Entwurf vorlegen und auch dazu Anregungen und Einwände annehmen und in meinem Text berücksichtigen. In diesen Fällen schreiben die Kollaborateure nicht, ihre Beiträge sind durch mich vermittelt.

Ich kann im Prinzip wenigstens auch mit Ko-Autoren zusammen schreiben. Bei einer so geteilten Autorenschaft bleibt normalerweise unklar, wer von den beteiligten Autoren den Text geschrieben hat. Die Ko-Autorenschaft behauptet eine Kollaboration ohne sie auszuweisen. Ich habe einmal einen Beitrag für einen Kongressreader geschrieben, der im Wesentlichen die schriftliche Form meines Vortrages darstellte. Der Herausgeber des Buches hat alle Beiträge von einer Lektorin überarbeiten lassen. In meinem Fall hat die Lektorin meinen Text so stark verändert, dass ich ihr angeboten habe, als Ko-Autorin aufzutreten, was sie aber mit einer berufsbezogenen Begründung abgelehnt hat. Interessant war für mich, was sie aus meinem Text gemacht hatte, und dass ich im Buch gleichwohl Autor des Textes geblieben bin, obwohl es nicht mehr mein Text war, auch wenn ich die Schlussfassung „akzeptiert“ habe.

Ich beobachte zunächst einzelne Wikipedia-Artikel,wikipedia unabhängig davon dass sie Beiträge einer Enzyklopädie sind, als Texte, wie sie in einem Buch stehen könnten. Irgendjemand schreibt eine erste Fassung und veröffentlicht sie in der Wikipedia. Ich habe das selbst mehrmals getan. Die Texte, die ich in der Wikipedia veröffentlicht habe, sind nicht unter meinem Namen erschienen, sondern galten als Wissen der Wikipediagemeinschaft, das sehr oft als relativ verbindlich konsultiert wird. In einem Buch, das ich nicht selbst verlegt hätte, wären diese Texte kaum je gedruckt worden, im Brockhaus ganz sicher nicht.

Die Wikipedia repräsentiert modifikables Wissen auf Widerruf. Innerhalb kurzer Zeit wurden meine Texte verändert, so dass es nicht mehr meine Texte, aber auch nicht Texte eines anderen Autors waren. Und die Veränderungen hat jemand vorgenommen, der wie ich ohne jede ausgewiesene Autorität den Text für sich selbst viabler gemacht hat. Es gibt in diesem Sinne kein Lektorat und keinen Verleger, die den Text verbessern und über seine Publikation entscheiden. Jeder Text steht, bis er umgebaut wird, wobei das Umbauen auch ein totales Abbrechen sein kann.

Hier geht es mir nicht die Frage, inwiefern die lexikalische Qualität in diesem spezifischen Prozess verbessert wird, sondern darum, dass jeder nachfolgende Schreiber, der natürlich auch ich sein könnte, den materiellen Text nach seinem Gutdünken verändert, das heisst, dass er denselben Gegenstand bearbeitet, den seine Vorgänger geschaffen haben. Auf diese Weise wird der ursprüngliche Text aufgehoben, wobei er in der neuen Variante aufgeht. Der Text wird dabei weder kommentiert noch kritisiert, sondern angepasst. Es wird ihm nicht ein weiterer Text gegenübergestellt. Die Textmenge nimmt im Prinzip nicht zu. Der Text kommt zunehmend in ein Balance, in welcher er im kommunizierenden Gefäss keine Perturbation mehr erzeugt.

In dieser Kollaboration wird nicht zu Gunsten eines effektiveren Prozesses kooperiert. Sie unterliegt im Prinzip auch keiner äusseren Steuerung. Die Kollaboration in der Wikipedia leidet aber am Selbstverständnis, den Brockhaus oder die Encyclopaedia Britannica zu kopieren. Es ist zwar offensichtlich, dass jeder publizierte Text nicht nur wie in gedruckten Enzyklopädien, die auch dann und wann überarbeitet wurden, vorläufig ist, sondern auch jederzeit angepasst werden kann. Gleichwohl sollen die Texte eine Art Wahrheit oder Objektivität repräsentieren, für die es aber keine Autorität geben kann, die Verantwortung für den jeweiligen Text übernehmen würde. Die jeweiligen Commonsense-Wahrheiten werden sozusagen demokratisch gefunden. Wenn in der Wikipedia eine Textveränderung vorgenommen wird, gibt es oft Diskussionen, was in der Wikisoftware vorgesehen ist. Diese Diskussionen sind zusätzlicher Text, wenn die eigentliche Kollaboration nicht funktioniert. Da in diesen Fällen auch die Diskussionen meistens nichts helfen, gibt es in der Wikipedia Schiedsrichter, die dann die Kollaboration beenden und entscheiden, welche Textvariante die beste oder die richtige ist. Quasi durch eine Hintertüre passiert ein re-entry des Verlegers, indem gewählte Richter zu Autoritäten gemacht werden.

Die Wikisoftware als Textträger kann kollaborativ verwendet werden. Aber Konversationslexika im traditionellen Stil lassen sich nicht kollaborativ herstellen, weil sie pro Stichwort nur einen Artikel zulassen, der logischerweise mit relativer Gewalt durchgesetzt werden muss. Das angesprochene Problem hat also nichts mit dem Textträger zu tun, sondern mit einer immer noch konservativ orientierten Verwendung. Nicht ganz zufällig bietet die Wikipedia sich selbst nicht nur als e-book, sondern sogar als bestellbares gebundenes Buch an. (1)

Die Wikipedia propagiert ihre Funktion als Konversationslexikon, indem ihre Machtelite in den richterlichen Urteilen immer wieder betont, dass die Wikipedia weder ein Wörterbuch sei, noch der Theoriefindung dienen soll. Damit ist aber auch die Differenz benannt, die sie von einem kollaborativ erstellten Hypertext unterscheidet. In einem kollaborativen Hypertext entscheiden die Teilnehmenden selbst, was dazu gehören soll. (2)

Meine Kritik der Wikipedia ist nicht gegen das Konversationslexikon gerichtet. Vielmehr geht es mir darum, die Wikipedia als solches zu bezeichnen, weil sie es selbst tut. Konversationslexika wie der Brockhaus hatten ihre Zeit als Bücher und weil sie rezent sind, sind sie eben auch im Internet vorhanden.  Ich kritisiere die Wikipedia im Sinne eines Vergleiches mit einem offenen kollaborativen Hypertext, den ich als Hyperbibliothek bezeichne. Und um ein anything goes Missverständnis zu vermeiden: Jede Kollaboration impliziert eine gemeinsame Sache, die auch mutwilligen Angriffen und Verletzungen ausgesetzt sein kann. Die Kollaboration funktioniert nur, wenn die Beteiligten wissen, was sie tun, und wenn sie die gemeinte Sache unterstützen und nicht etwa stören oder zerstören wollen.

In der Wikipedia gibt es sehr viele Trollbeiträge, die überdies nicht immer leicht erkennbar sind. Es gibt aber auch insbesondere sehr ernst gemeinte Beiträge, die eher in ein Wörterbuch passen oder eben Theorien problematisieren.  Diese Beiträge werden – wenn sie als solche erkannt werden – verurteilt und gelöscht, weil sie ein bestimmtes Schema nicht erfüllen. Dem Hyperleser wird die Entscheidung entzogen, selbst abzuschätzen, was seine Sache ist. Die Wikipedia kämpft überdies auch mit einer ganz anderen Problematik, die im konventionellen Lexikon nicht so störend manifest wurde. Sie ist eine der meist besuchten Homepages im WWW und deshalb zwangsläufig auch ein sehr interessanter Werbeträger. Das heisst, sie enthält zwangsläufig sehr viel Werbung, der gegenüber sie recht hilflos ist. Das führt zu eigenartigen Kriterien darüber, was in der Wikipedia Platz hat und was nicht. Die Kollaboration der Wikipedia scheint deshalb hauptsächlich dadurch gestört, dass viele Leute mit einem ganz egoistischen oder persönlichen Interesse nicht mit-schreiben, sondern rein-schreiben, und natürlich auch entsprechende Links setzen.

Ich werde im Folgenden eine Hyper-Kollaboration beschreiben, die den Hypertext nicht so konservativ verwendet und deshalb andere Fragen aufwirft als die Probleme, die die Wikipedia hat. (3)


1) „Buchgenerator: Mit der Buchfunktion kannst du ein Buch aus beliebigen Wikiseiten erstellen. Du kannst das Buch in unterschiedlichen Formaten exportieren (beispielsweise PDF oder ODF) oder in gedruckter Form bestellen.“ (Wikipedia) (zurück)

2) Die Wikipedia sieht das naheliegender Weise etwas anders, sie schreibt: „Die Artikel der Wikipedia werden in Mehrautorenschaft von unentgeltlich arbeitenden Freiwilligen konzipiert, verfasst und nach dem Prinzip des kollaborativen Schreibens fortwährend gemeinschaftlich korrigiert, erweitert und aktualisiert.“ (zurück)

3) Eine mehr psychologische Anmerkung zu Wikipedia kann ich nicht verkneifen: Ich stelle mir gerne vor, dass man die Wikipedia nur konsultieren dürfte, wenn man selbst schon etwas beigetragen hat. Vermutlich wäre dann die Seite nicht so schaltquoten-erfolgreich und die Mitschreibenden könnten sich weniger darin suhlen, dass sie die schaltquoten-erfolgreichste Webseite schreiben. Das wäre überdies auch eine engere Auffassung der Kollaboration, in welcher nicht „ehrenamtlich“ für Unbeteiligte gearbeitet würde. (zurück)


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last update 6. 6.2015

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3 Antworten zu “Hyper-Kollaboration (Hyper-Bibliothek 4. Teil)

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  2. interessant, klar und auch der persönliche bezug ist mit dabei, was sich natürlich bei diesem abschnitt gut angeboten hat.
    🙂

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