Textorganisation (Hyper-Bibliothek 5. Teil)

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Text muss materiell hergestellt werden. Artefakte haben teilweise den Sinn nachhaltig zu sein, das heisst sie wollen, oder sie sollen in den Augen ihres Schöpfers, auch nach längerer Zeit noch erhalten und zuhanden sein. Im Bedarfsfall muss ich sie aufbewahren. Meinen Einkaufszettel – auch ein hergestellter Text – werfe ich nach dem Einkaufen normalerweise weg. Solange ich auf Papier schreibe, bewahre ich den Text auf, indem ich das Papier aufbewahre, auf welchem er steht. Kleine Textpapiermengen finden in einer Schachtel Platz, grösserer Mengen habe ich in Form von Büchern in einem Gestell. Wenn die Menge hinreichend gross wird, muss ich sie organisieren, damit ich später einen bestimmten Text effizient wieder finden kann. Ein Teil meiner Bücher stehen in alphabetischer Reihenfolge der Autorennachnamen in meinem Gestell. Mir wichtige Bücher habe ich in Sichtweite.

Die Organisation von Text unterliegt wie die Herstellung von Text einer Automatisierung von anfänglicher Handarbeit. Das Binden eines Buches aus losen Blättern und das Herstellen von Büchergestellen sind Aspekte der Textorganisation, deren Operationen in der Produktion automatisiert werden. Hier meine ich aber vor allem die Automatisierung, die mit der Entwicklung des Textträgers verbunden ist. Im Computer sind lose Blätter und Holzgestelle aufgehoben.

Die Nachhaltigkeit und das Zuhandensein von Text bestimmen dessen Organisation. Am Anfang des Textes – etwa auf den Gebotstafeln von Moses – genügte ein einzelnes nachhaltiges Original, auch wenn es für viele Menschen geschrieben war. Aber seit die Autoren mehr geworden sind und überdies mehr als zehn Sätze schreiben, funktioniert die mündliche oder kirchliche Überlieferung nicht mehr. Ich muss ich die Texte zur Hand haben, wenn ich sie lesen will. Um Redundanz zu vermeiden, könnte ich – und alle anderen Leser – jeweils zum Original des Textes reisen, aber bei Papiertexten hat sich evolutionär eine gewisse Redundanz durchgesetzt. Zunächst indem das Original durch verschiedene Skriptorien reiste, in welchen die Texte abgeschrieben wurden. In exzessiver Form passierte das in der sagenhaften Bibliothek von Alexandria, in welcher alle Texte der Welt nochmals hergestellt wurden. Man sagt, dass die Alexandriner die herbeigeschafften Originale behielten und stattdessen die von ihnen gemachten Kopien zurückgegeben haben. Deshalb gibt es seit dem Brand dieser Bibliothek keine älteren Originale mehr.

Als Skriptorien bezeichne ich Institutionen, die den Sinn hatten, die Textproduktion zu kontrollieren und sich hauptsächlich innerhalb der Klöster entwickelt haben. Die Klöster konnten aber nicht verhindern, dass immer mehr Texte unter die Menschen kamen. Vielleicht ist die christliche Reconquista gegen den Islam der wesentlichste Grund dafür, dass die andalusische Zivilisation in ihrem Zerfall ihre Texte der Allgemeinheit überliessen. Die „alte Welt“ jedenfalls scheint auf den Texten von Andalusien aufgebaut. (1)

Im lateinalphabetischen Kulturkreis der sogenannt alten Welt hat die Zivilgesellschaft einen Anfang darin, dass immer mehr Menschen schreiben lernten. Es wurde im Mittelalter zunehmend üblich, dass die zivilisatorischen Diskussionen an der sogenannten Universitas mitgeschrieben und schliesslich geschrieben wurden. Diese Handschriften wurden immer häufiger kopiert, weil immer mehr Menschen sie lesen und nicht nur hören wollten und konnten. Darin sehe ich die Grundlage dafür, dass sich Druckverfahren entwickelt haben, durch welche Texte effizienter vervielfältigt werden konnten. (2)

Aber auch die mechanisierte Textreproduktion auf Papier führt nicht dazu, dass jedermann die meisten oder gar – wie die Alexandriner – alle Texte selbst besitzen können, weil nur wenige Menschen so grosse Häuser besitzen. Deshalb wurden zunächst in Bibliotheken Handapparate angelegt, die bald so gross wurden, dass der Ausdruck Bibliothek immer mehr für diese Büchergestelle verwendet wurde. Als Bibliothek bezeichne ich eigentlich so wenig ein Büchergestell, wie ich in einer Diskothek einen Schallplattenständer sehe. Als Bibliothek bezeichne ich Orte, wo Texte und deren Organisation diskursiv und kollaborativ entwickelt werden. Bibliotheken sind Orte des schriftlichen Dialoges. Wie auch immer, Bibliotheken wurden zunehmend mit Büchergestellen gefüllt, so dass, wer lesen wollte, doch zum Text reisen konnte, eben zu einer naheliegenderen gedruckten Kopie.

Die Automatisierung in Form des Internets führt dazu, dass im Prinzip jeder Text nur einmal auf einem Server existieren müsste. Ich und jeder andere, der den Text dann sehen will, kann im Netz eine dissipative Kopie anschauen. Der Text, respektive eine Kopie davon, reist dann zu mir, respektive in mein Internetterminal.

Unabhängig davon, ob der Text zu mir kommt oder ob ich zu ihm gehen muss, muss ich den Text im Sinne einer Auswahl finden. Oft weiss ich, welchen Text ich lesen will, aber es gibt auch viele Texte, die mich interessieren könnten oder würden, von deren Existenz ich nicht weiss. Der erste Fall ist in meinem Büchergestell und in Bibliotheken durch systematische Anordnungen der Texte unterstützt. Wenn das Büchergestell noch nicht sehr viele Texte enthält, kann ich oder ein allfälliger Bibliothekar die einzelnen Bücher noch ohne organisatorischen Aufwand finden. Aber schon in mein kleine Büchergestell zu Hause stelle ich die Bücher nach einer bestimmten Ordnung, um sie schneller wieder zu finden. In grösseren Bibliotheken gibt es Kataloge, die als Indexe auf Standorte verweisen. Das hilft aber eben nur, wenn ich weiss, welches Buch ich suche.

Der zweite Fall ist komplizierter, es geht darum, Texte zu finden, von den ich nicht weiss, dass sie zu handen sind, aber angesichts der mir bekannten Textmenge annehmen kann, dass sie existieren. Explizit hat sich V. Bush als Direktor eines US-amerikanischen Geheimdienstes mit einer spezifischen Teilmenge dieses Problems befasst. Er erkannte, dass sein Geheimdienst im Prinzip fast alles wusste, aber nicht wusste, was er alles wusste, weil er die von ihm selbst geschrieben Texte weder effizient noch effektiv finden konnte.

V. Bush hat mit seiner Memex genannten Konstruktion ein Verfahren entworfen, in welchem er Verweise auf andere Texte so mechanisierte, dass diese Texte, die memexauf Mikrofichen gespeichert waren, angezeigt wurden. Er hat so in gewisser Weise den Hyperlink in einer technisch primitiven Form, die nie gebaut wurde, vorweggenommen. Er begründete seine Konstruktion im Aufsatz „As we may think“ damit, dass der menschliche Geist nicht mit Ontologien, sondern mit Assoziationen arbeite, die durch Links repräsentiert werden sollen.

Die Verlinkung von Texten findet unabhängig davon, wer wie denkt, als Hypertext im WWW massenweise statt. Und während V. Bush noch die Texte seines kleinen Geheimdienst meinte, sind im Internet natürlich nur selbstgeschriebene Texte einer etwas grösseren Menschengruppe verlinkt.


1) Im Namen der Rose beschreibt U. Eco diese Geschichte auf etwas skurile Art, macht aber anschaulich, wie die Textverwaltung auch in Form des Bibliothekgebäudes raffiniert wurde. (zurück)

2) Ich lese oft, dass die Erfindung des Druckens die Alphabetisierung ausgelöst oder wesentlich dazu beigetragen habe. Aber für wen, wenn nicht für Lesende sollten den Texte gedruckt werden? (zurück)


Fortsetzung folgt ..

last update 8. 6.2015

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2 Antworten zu “Textorganisation (Hyper-Bibliothek 5. Teil)

  1. Pingback: Hyper-Kollaboration (Hyper-Bibliothek 4. Teil) | Schrift-Sprache

  2. „Er begründete seine Konstruktion im Aufsatz “As we may think” damit, dass der menschliche Geist nicht mit Ontologien, sondern mit Assoziationen arbeite, die durch Links repräsentiert werden sollen.“
    !!! 🙂

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