Einleitung: Schreiben als Tätigkeit

Dieses Buch lässt sich der Sache nach schwer in bestehende Genres einordnen. Es ist in gewisser Hinsicht ein Buch über Schrift und Sprache, aber es schliesst in keiner Weise an sprachwissenschaftliche oder sprachphilosophische Überlegungen an. Ich beobachte das Schreiben als Tätigkeit. Mich interessiert aber nicht irgendeine lernpsychologische Entwicklung der Schreibenden, sondern die Entwicklung des Schreibens, das ich anfänglich als handwerkliches Tun begreife. Ich verwende eine Art konstruktivistische Sprache, aber ich schreibe anders als Konstruktivisten, weil ich nicht über mentale Konstruktionen spreche, sondern über wirklich materiell hergestellte Texte und deren Herstellung. Die Produktion von Text begreife ich dabei als Arbeit, die wie jede Produk¬tion der Entwicklung der Produktivkraft durch die Mechanisierung und Automati-sierung unterliegt.

Schreiben wird umgangssprachlich sehr oft als Handwerk bezeichnet, es gibt ganz viele Kursangebote, das Handwerk des Schreibens zu lernen. Mit Handwerk wird in diesen Redeweisen aber nicht die Herstellung eines materiellen Gegenstandes gemeint. Es geht in dieser Art Handwerk darum, verständlicher, spannender oder interessanter zu schreiben. Es geht dabei nicht darum, das handwerkliche Ab- oder Aufschreiben zu lernen oder zu verbessern, sondern um irgendeine psychologische Fähigkeit, von andern verstanden oder gerne gelesen zu werden. Der Ausdruck “Handwerk” dient dabei als Metapher für eine gute Arbeit, die einem einzelnen Menschen zugerechnet werden kann. Die Differenz zwischen der Herstellung von Text und einer Erinnerungs- oder Mitteilungsfunktion von Texten ist in diesem Handwerk aufgehoben. Gutes Schreiben bezieht sich in dieser Handwerksmetapher nicht auf einen Gegenstand, der von Hand hergestellt wird, sondern auf die psychologische Wirkung, die das Geschriebene erzeugen soll. Diese Art guten Schreibens zeigt sich beispielsweise auch im Diktieren dessen, was dann die Sekretärin mit ihren Händen wirklich niederschreibt. Wer diktiert, stellt keinen Text her, er lässt Text herstellen.

Als Texte bezeichne ich Artefakte, also von Menschen hergestellte Gegenstände. Hergestellte Gegenstände haben eine Bedeutung, also eine Funktion oder einen Zweck. Archäologen sprechen von Artefakten, wenn sie erkennen, dass beispielsweise ein ausgegrabener Gegenstand hergestellt ist, sie aber nicht wissen, wozu er hergestellt wurde, also wenn sie dessen Bedeutung nicht erkennen können. Als Artefakt bezeichne ich hergestellte Gegenstände, wenn ich von deren Bedeutung absehe, weil es mir um deren Beschaffenheit und um deren Herstellung geht. Ich beobachte hier die Textherstellung also nicht unter dem Gesichtspunkt, was in den Texten gelesen oder verstanden werden kann, sondern unter dem Gesichtspunkt, wie der Text im engeren Sinne zunächst handwerklich und später in einem hochautomatisierten Produktionsprozess hergestellt wird. Gleichgültig auf welchem technologischen Niveau Text hergestellt wird, es muss dabei immer einem gewählten Material eine gewählte Form gegeben werden. Am Anfang der technologischen Entwicklung steht das Handwerk.

Als Handwerk bezeichne ich – differenziell – Tätigkeiten, die unter arbeitsteili-gen Gesichtspunkten durch die Manufaktur und die Industrie zerlegt wurden, so dass eine Art Kopfarbeit entstanden ist, bei welcher die Hände nicht mehr an das herzustellende Produkt angelegt werden. Bei vielen betrieblichen Arbeitsteilungen wird die Kopfarbeit von Ingenieuren im Konstruktionsbüro geleistet, während in der Werkstatt nur noch nach Plan gearbeitet wird. Beim Schreiben wird mir diese Arbeitsteilung zwischen Hand- und sogenannter Kopfarbeit – wie sie etwa zwischen einem diktierenden Chef und seiner Sekretärin gegeben ist – beim Abschreiben sicht- oder erlebbar. Wenn ich abschreibe, muss ich nicht verstehen, was ich abschreibe, und ich kann das, was ich abschreibe auch nicht mehr oder weniger gut verstehbar machen. Mein Verstand hilft mir beim Abschreiben nicht. In dieser spezifischen Hinsicht brauche ich den Kopf beim Abschreiben nicht. Allerdings zeigt sich schon hier auch eine Differenz in Bezug auf Kopfarbeit. Auch beim Abschreiben steuere ich natürlich meine Hand in einer gewissen Weise im “Kopf”, soweit ich meine beim Schreiben anfallenden Hand- und Augenbewegungen quasi in meinem Kopf koordiniere.

Abschreiben ist ein ziemlich spezieller – und wohl auch ein nicht wesentlicher – Fall des Schreibens, obwohl ich – etwa zitierend – immer noch recht oft abschreiben muss. Auch beim Formular ausfüllen muss ich lesen und schreiben können, ich kann dabei aber auch nicht schreiben, was ich will, sondern muss dem Formular folgen. Ich lasse jetzt solche speziellen Fälle vorerst ausser Acht. Ich beobachte ein quasi noch vollständiges Handwerk, wie es im Zunftwesen gemeint war. Dieses Handwerk wird konventionell einer Person zugerechnet, die vor allem auch für den Inhalt des Textes zuständig scheint. In den Kursen, die als “Handwerk des Schreibens” angepriesen werden, ist normalerweise sogar nur der inhaltliche Aspekt gemeint, wobei oft ausser Acht gelassen wird, dass im Ausdruck “Autor” diese Zuständigkeit aufgehoben ist. Der Ausdruck Autor verweist auf ein Autorisiertsein, das zu schreiben, was geschrieben werden muss. Im exemplarischen Fall schreibt ein Autor in der Bibel etwa Gottes Worte und in einem vergleichbaren Fall schreibt ein Wissenschaftler, wie die Welt wirklich ist, also auch nicht einfach seine Meinung. Der Autor ist nicht verantwortlich, für das was er schreibt, er kann nichts dafür, dass die Welt ist, wie sie ist. U. Eco spielt mit der Variante, dass er als Schriftsteller Subjekt einer Romanhandlung ist, der er so ausgeliefert folgen muss, wie ein Wissenschaftler seiner Realität.

Gleichgültig was ich schreibe und gleichgültig, wie sehr mein Kopf dabei ist, wenn ich schreibe, stelle ich schreibend einen Gegenstand her. Bei jedem hergestellten text2Gegenstand unterscheide ich zwei Aspekte. Ich unterscheide den Gegenstand als Artefakt und dessen Funktion, die ich auch als Gegenstandsbedeutung bezeichne. Ich forme durch diese Unterscheidung gesehen einen materiellen Gegenstand so, dass er eine bestimmte Funktion erfüllt, worin ich dessen Zweck und dessen Sinn erkenne. Unabhängig von Zweck und Sinn bestehen Texte beispielsweise aus geformtem Graphit, wenn ich sie mit einem Bleistift herstelle. Ich arbeite dann wie etwa ein Maurer, der mit Backsteinen ein Haus baut, nur verwende ich anstelle der Backsteine Graphitteilchen, die ich auf einem Papier auftrage. Der Text ist als Artefakt, also jenseits seiner Bedeutung, ein dreidimensionales materielles Produkt, das handwerklich hergestellt ist, wenn ich beim Schreiben einen Bleistift verwende. So wie ich bei einer Mauer anstelle von Backsteinen auch Beton verwenden kann, kann ich Text auch mit Tinte, die hinreichend rasch kristallisiert, herstellen. Und wie jede Mauer braucht auch jeder Text ein Fundament. Mit dem Bleistift baue ich typischerweise auf Papier.

Fortsetzung

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Eine Antwort zu “Einleitung: Schreiben als Tätigkeit

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