Einleitung: Schreiben als Tätigkeit (2. Teil)

Wenn ich ein Artefakt herstelle, verfolge ich ein Ziel, das im Artefakt als dessen Gegenstandsbedeutung erscheint. Ich stelle beispielsweise eine Brücke her, wenn ich mit weniger Aufwand auf die andere Seite des überbrückten Hindernisses kommen will. Als Maurer kann ich beispielsweise Steine so anordnen, dass eine Brücke entsteht. Der Zweck der Brücke besteht darin, ein Hindernis, etwa einen Fluss zu überbrücken. Sinn macht diese Brücke für mich, wenn ich über diesen Fluss gehen will. Verallgemeinert macht die Brücke für all jene Sinn, die auf die andere Seite des Flusses wollen. Und noch allgemeiner machen Brücken überhaupt Sinn, wenn jemand auf die je andere Seite will.

Das Artefakt, das ich herstelle, muss den Zweck erfüllen. Die Brücke muss beispielsweise stabil genug sein, dass sie nicht einstürzt, wenn sie benutzt wird. Ob die Brücke je benutzt wird oder warum jemand auf die andere Seite des Flusses will, ist für den Zweck der Brücke ohne Relevanz. Damit die Brücke ihren Zweck erfüllt, muss sie richtig konstruiert sein, um das Gewicht zu tragen. Wenn ich als Handwerker eine Brücke baue, kann ich die Backsteine nicht zufällig oder nach Belieben anordnen. Plato bedauerte Handwerker, weil sie nicht bauen können, wie sie wollen, sondern die Bedingungen des Gebrauchs erfüllen müssen. Ich glaube nicht, dass er das Schreiben als Handwerk begriffen hat, aber das Herstellen von Text unterliegt auch solchen Bedingungen. Vielleicht hat der Sklavenhalter Plato ohnehin mehr diktiert als geschrieben.

Wenn ich Text produziere, mag ich zwar als Sinn des Textes einen von Menschen interpretierbaren Verweis intendieren, aber ich konstruiere einen Zeichenkörper, den ich als Artefakt auffassen kann, ohne mich dafür zu interessieren, worauf der Text als Symbol verweisen soll. Wenn ich Text herstelle, ist mein Ziel unabhängig davon, was ich schreibe, dass der Text – oft auch noch nach längerer Zeit – quasi optisch gelesen werden kann.

Beim Lesen kommt nicht der Text in meine Augen, sondern durch den Text
strukturiertes Licht, also etwa am Graphitpixelmuster gebrochenes Licht einer Lampe. Das ist Grund dafür, dzeichen1ass ich im Dunklen oder etwa weissen Text auf weissem Hintergrund nicht lesen kann. Als Artefakt fungiert Text als Menge von Schaltstellen, mit welchen ich Signale steuere, die ins Auge, respektive auf die Retina des geneigten Lesers kommen sollen.

Im normalen Fall bin ich, wenn ich Text herstelle, nicht oder nur sehr mittelbar an den Reaktionen auf der Retina des Lesers interessiert, aber als gegenständlichen Zweck des Textes erkenne ich die Steuerung der Retina als Schnittstelle des Nervensystems. Beim Herstellen von Text sehe ich den Text, den ich schreibe jenseits davon, was ich schreibe, als Gegenstand. Ich sehe, ob der Text meinem Konstruktionsplan entspricht und wie ich ihn allenfalls korrigieren muss. Natürlich sehe ich auch inwiefern sich das Material und die Unterlage, die ich beim Schreiben verwende, bewähren.

Die primäre Funktion von Text sehe ich ein einer Art Selbstmitteilung, wo ich Text herstelle, der mich an etwas erinnern soll. Text fungiert dann als externes Gedächtnis. Der artefaktische Aspekt des Textes ist beim Lesen wie das sprichwörtliche Wasser für den Fisch, er entzieht sich der Wahrnehmung, die sich auf den Inhalt der Texte konzentriert. Die Textartefakte erfüllen ihre Funktion, wenn sie gelesen werden, quasi flach oder zweidimensional, weshalb ihre dritte Dimension und ihre Materialität oft gar nicht wahrgenommen werden. Text wird dann als etwas Immaterielles beobachtet, was mit einer geistig-ideellen Kopfarbeit verbunden wird. Text erscheint so als Information, die weder Materie noch Energie sein soll. Ob Texte leicht verständlich geschrieben sind, wäre in diesem Sinne das Resultat einer Kopfarbeit, weil die gemeinte Verständlichkeit ja auch im Kopf stattfinden soll. Was sich beim Verstehen von Texten im Kopf oder im Bewusstsein des Lesers abspielt, kann mir aber auch die kognitivistische Hirnphysiologie nicht anders als behavioristisch erklären. Die eigentlich handwerkliche Qualität eines Textes zeigt sich dagegen in einer nachhaltigen Lesbarkeit, also in der Form und in den verwendeten Materialien des Textes. Ich kann beispielsweise mit einer gut lesbaren Handschrift mit Tinte auf Papier schreiben – wenn ich Tinte, eine Feder und Papier habe, und schön schreiben gelernt habe.

Jedes Handwerk zeigt sich insbesondere auch in den je verwendeten Werkzeugen. Ein werkzeugloses Handwerk, das nur die Hände verwendet, kenne ich nicht. Im Handwerk führen die Hände Werkzeuge. Beim handwerklichen Schreiben verwende ich beispielsweise einen Bleistift. Den Bleistift begreife ich als Werkzeug, wenn ich die Herstellung des Textartefaktes im Auge habe, während Bleistifte als (Schreib)geräte gesehen werden, wenn es um die durch einen Text geschriebene Mitteilung geht. Das Telefon beispielsweise ist ein Gerät, das ich verwende, wenn ich jemandem etwas mitteilen will. Mit Werkzeugen stelle ich etwas her, Geräte dienen mir unmittelbar. In diesem Sinne kann ich den Bleistift als Gerät sehen, wenn ich ihn statt als Mittel des Schreibens als Mittel des Mitteilens sehe.

Das Schreiben muss ich wie jedes andere Handwerk lernen, wenn ich es ausüben will. Die typischen Handwerker stellen viele Instanzen desselben Objektes her. Ein Hufschmied etwa schmiedet immer Hufeisen, auch wenn die jeweils sehr verschiedenen Perdehufen angepasst werden müssen. Wenn ich einmal ein Hufeisen schmieden müsste, würde ich meinen Kopf intensiv brauchen. Aber wenn ich dann das Produkt bereits viele Male hergestellt hätte, müsste ich wohl nicht mehr allzu viel denken, um ein weiteres Exemplar herzustellen. Texte sind in dieser Hinsicht spezielle Produkte. Ich schreibe sehr selten zwei- oder mehrmals den gleichen Text. Aber in einer bestimmten Hinsicht sehen natürlich meine Texte doch sehr ähnlich aus, weil sie alle ein Reihenfolge aus einer begrenzten Menge von Schriftzeichen sind.

Damit ich ein Artefakt als Text bezeichne, muss es bestimmten Produktionsregeln, die ich als Grammatik der jeweiligen Sprache bezeichne, und bestimmten semantischen Bedingungen genügen. Die Produktionsregeln von hinreichend grossen Sprachen bewirken, dass ich mit endlich vielen Zeichen unendlich viele verschiedene Texte herstellen kann. Beim Schreiben muss ich die Regeln der jeweiligen Sprache kennen. Wenn ich schreiben lerne, nachdem ich die jeweilige Sprache bereits spreche, sind mir grosse Teile der Produktionsregeln bereits bekannt. Ich weiss dann beispielsweise welche Sätze Sinn machen, wie ich die Wörter also sinnvoll anordnen kann. Dagegen beruhen viele Schriften auf orthographischen Regeln, die ich beim Sprechen nicht kennen muss. Das Schreiben hat spezifische Produktionsregeln. Sie bestimmen auch oft, wie ich über mein Sprechen nachdenke. Dass und welche Wörter ich unterscheide, scheint mir mehr eine Folge des Schreibens, wo ich entsprechende Abstände einfüge, während ich beim Sprechen zwischen den Wörtern oft keine Pause mache.

Beim Abschreiben muss ich die Regeln der Sprache nicht kennen. Ich unterscheide dabei aber Abschreiben und Abzeichnen. Wenn ich abschreibe, erkenne ich die Buchstaben als Schriftzeichen eines Alphabetes. Aber ich kann die Buchstaben natürlich auch als Zeichnungen sehen und sie dann eben abzeichnen ohne zu wissen, dass ich dabei Text herstelle. Ich stelle dann einfach eine Kopie des materiellen Gegenstandes her. Ich kann einen Buchstaben als Artefakt kopieren, ohne zu wissen, dass es sich um einen Buchstaben handelt.

Das Schreiben im Sinne der materielle Produktion ist eine relativ einfache Tätigkeit, die mir nur in den ersten Schuljahren, als ich schreiben lernte, etwas kompliziert vorgekommen ist. Ich habe das Schreiben schnell routinisiert oder quasi automatisiert, so dass ich nur noch wenig Aufmerksamkeit darauf verwenden muss, was ich körperlich beim Schreiben mache, wenn meine Aufmerksamkeit auf dem Inhalt des Geschriebenen liegt. Das Abschreiben – etwa im klösterlichen Skriptorium – erscheint mir eine recht eintönige Tätigkeit, die mich an Fliessbandtätigkeiten erinnert. Umgekehrt ist aber die Kalligrafie eine Kunstform, die auf dem hier beobachteten Handwerk des Schreibens beruht, bei welcher es um die Herstellung der Zeichenkörper geht. In der Volksschule lernte ich nicht nur schreiben, sondern explizit auch schönschreiben. Jedes Handwerk kennt den Unterschied zwischen kunstvollen Gegenständen und solchen, die nur praktischen Bedürfnissen entsprechen.

Auch beim Schönschreiben unterscheide ich zwei Aspekte. Es gibt typographisch schöne Schriften und ich kann eine gegebene Schrift mehr oder weniger schön reproduzieren. Ich muss also eine schöne Schrift erkennen und wählen und mich dann in dieser Schrift üben, wenn ich schön schreiben will. Das schöne Schreiben ist allerdings an primitive Werkzeuge gebunden. Ich musste das Schreibhandwerk ein zweites Mal lernen, als ich die erste Tastatur mit zehn Fingern benutzen sollte. Dabei konnte ich die Schönheit der Schriftzeichen nicht mehr beeinflussen, sie war meinem handwerklichen Geschick entzogen.

Das metaphorische Handwerk des guten Schreibens hat sich in den letzten dreitausend Jahren nicht mehr weiterentwickelt. Plato und Goethe beherrschten es so gut wie irgendwer heute. Das Schreiben selbst hat sich aber wie jedes Handwerk durch die dabei verwendeten Werkzeuge entwickelt. In gewisser Weise sagen mir die jeweils verwendeten Werkzeuge, was ich beim Schreiben quasi von Hand mache, wenn ich die Werkzeuge noch nicht zur Verfügung habe. In diesem Sinne beobachte ich in diesem Buch die Auslagerung von Schreibhandlungen in Werkzeuge. Jedes Werkzeug verdeutlicht mir das Handwerk. Und alles, wofür ich noch kein Werkzeug habe, bezeichne ich als den noch nicht begriffenen Teil des Schreibens.

Ich beobachte das Schreiben unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung der Schreibwerkzeuge, respektive noch allgemeiner unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung der Textproduktionsmittel. Bei den Textproduktionsmitteln unterscheide ich drei Arten, die sich teilweise gegenseitig bedingen: Das eigentliche Werkzeug, das Material des Textes und den Träger des Textes. Wenn ich mit einem Bleistift auf Papier schreibe, ist der Bleistift das Werkzeug, das Graphit das Material des Textes und das Papier der Textträger.

Ich bezeichne das kategoriale Zurückblicken auf Entwicklungen, in welchem ich immer schon weiss, was geworden ist, ohne dies je aus früheren Stadien vorhersagen oder begründen zu können, als Evolutionstheorie. Ich beobachte dabei, wie sich das Schreiben und noch viel mehr meine Vorstellung davon, was ich als Schreiben auffasse, in Abhängigkeit von den respektive noch allgemeiner unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung der Produktionsmittel entwickelt.

Zu Evolutionsgeschichten gehört, dass mehr oder weniger rezente Formen des Evolutionären nicht verschwinden müssen. In der biologischen Evolution beispielsweise gibt es neben der jüngsten Entwicklung in Form von Menschen allerlei rezente Arten wie Mammuts und Elefanten, die nur zum Teil ausgestorben sind. Als Evolution bezeichne ich ganz besonders die Vorstellung, dass ich beispielsweise Mensch und Tier einander gegenüberstelle, gerade weil sie unter evolutionären Gesichtspunkten dasselbe in verschiedenen Formen sind. Obwohl der Mensch in dieser Differenz kein Tier ist, sage ich beispielsweise, dass er ein werkzeugherstellendes Tier sei.

Wenn ich von einer Autopoiese spreche, bezeichne ich in gewisser Hinsicht einen spezifischen Moment einer dort geteilten Entwicklung. Wenn ich beispielsweise von der Entwicklung des Menschen spreche, unterscheide ich in diesem Sinne eine naturhistorische Entwicklung innerhalb des Tierreiches, die mit dem Auftreten des Menschen abgeschlossen ist, und eine sozialhistorisch Entwicklung des Menschen, die mit dem Auftreten des Menschen beginnt und in welcher sich nicht mehr der Mensch, sondern dessen Lebensverhältnisse als Kultur entwickeln. Wenn ich Menschen als werkzeugherstellende Tiere sehe, beobachte ich eine Entwicklung im Tierreich hin zur Verwendung von Objekten, welche am Schluss den Menschen als Herstellenden hervorbringt, und eine zweite Entwicklung, in welcher sich die Menschen dadurch entwickeln, dass sie ihre Werkzeuge entwickeln.

Ich begreife Schreiben nicht als Erfindung in dem Sinne, wie ich die Schreibwerkzeuge als Erfindungen begreife. Schreiben begreife ich als eine Tätigkeit, die auf Erfindungen beruht. In der Autopoiese des Schreibens unterscheide ich dessen quasi naturhistorische Entwicklung, die im Lesen von Spuren begründet ist, und dessen sozialhistorische Entwicklung, die auf Schriftzeichen und deren Herstellung beruht. Im Tier-Mensch-Übergangsfeld invertiert das Spuren lesen zum Spuren herstellen, was etwas anderes ist, als Spuren hinterlassen. Wenn ein Tier sein Revier markiert, kann ich darin zwar eine instinktive Absicht erkennen, aber nicht das Herstellen eines Zeichens. Und wo Menschen im Tier-Mensch-Übergangsfeld bereits bewusst Spuren legten, legten sie immer noch naturwüchsig nur Spuren, auch wenn diese als Keimformen der späteren Zeichen und Schriftzeichen gesehen werden können.

Als eigentliches Zeichen bezeichne ich ein einen hergestellten Gegenstand, der im Prinzip arbiträr für ein konventionell vereinbartes Referenzobjekt steht. Die eigentliche Differenz sehe ich darin, dass sich das Herstellen der Zeichenkörper in einem sozialhistorischen Prozess entwickelt, was bei naturhistorischen Anzeichen nicht der Fall ist. Schriftzeichen schliesslich implizieren einen sprachlichen Handlungszusammenhang, in welchem sie ihre inhaltlich „Bedeutung“ entfalten. Als Artefakte aber sind sie wie alle Zeichen Gegenstände einer gesellschaftlichen Produktion.

Die Evolution des Schreibens verstehe ich in dem Sinne exemplarisch für die sozialhistorische Seite der menschliche Entwicklung, als ich das Schreiben als Tätigkeit sehe, für welche auch immer umfassendere Werkzeuge entwickelt werden. Der Differenzierungsprozess zerlegt dabei nicht nur das handwerkliche Schreiben, sondern integriert in einer Entdifferenzierung Funktionen, die zunächst nicht als Teile des Schreibens aufgefasst werden, wie etwa die Verwaltung der Dokumente. Insbesondere das Verfügbarmachen der Texte im Internet. Als entwickelste Stufe des Schreibens sehe ich schliesslich das Hyperlesen, bei welchem ich lesend durch das Anklicken von Hyperlinks den Text, den ich lese, in einem eigentlichen Sinne erst erzeuge – was durch die bislang höchstentwickelten Textproduktionsmittel möglich wird.

Ich beobachte im Folgenden die Entwicklung des Schreibens als eine Entwicklung der Textproduktionsmittel, in welcher der Schreibprozess wie jede gesellschaftliche Produktion immer umfassender automatisiert wird, wodurch der Gegenstand der Produktion in Form von Handlungszusammenhängen, die ich als Schrift und Sprache bezeichne, begrifflich fassbar wird, also immer adäquater beschrieben werden kann.

Fortsetzung: 1. Schreibwerkzeuge (kommt bald)

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2 Antworten zu “Einleitung: Schreiben als Tätigkeit (2. Teil)

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