Vorwort

Den vorliegenden Text habe ich in einem Internet-Blog geschrieben. Ich habe dabei meinen im Internet vernetzten Computer verwendet und den Text so an einem mir unbekannten Ort auf einen Harddisk kopiert, wo er durch die Blogsoftware von allen Internetbenutzern gesehen werden kann. Beim Schreiben in einem Blog vervielfältigt sich der Text auf eine unübersehbare Weise. Zunächst entsteht eine flüchtige Version des Textes im sogenannten Arbeitsspeicher meines Computers und ein Abbild davon auf meinen Bildschirm. Wenn ich den Button „Veröffentlichen“ anklicke, wird der Text auf den Blog-Server kopiert, von wo er dann auch via Internet auf die Bildschirme der Lesenden kopiert wird. Es gibt also während des Schreibens jeweils viele, teilweise flüchtige und teilweise stabiler gespeicherte Kopien des Textes, ohne dass ich sagen könnte, was ich als Original bezeichnen würde. Wenn ich Texte im Blog publiziert habe, mache ich sicherheitshalber auch eine Kopie auf dem Disk meines Computers, die ich dann als Quasi-Original betrachte, aber im Hinblick auf das schliesslich zu produzierende Buch bezeichne ich diesen Text metaphorisch auch als mein Manuskript, aus welchem das Original, das ich dann im gedruckten Buch wieder nicht sehe, erst entstehen soll. Mit dem Ausdruck Manuskript verweise ich darauf, dass ich mir Schreiben immer noch als Handarbeit vorstellen kann, obwohl ich die Blogsoftware und meinen Computer benutze.

Mit diesem Buch mache ich mir auch bewusst, was ich als Buch bezeichne. Eigentliche Bücher werden nicht geschrieben, sondern beispielsweise aus bedrucktem Papier gebunden. Was im Buch geschrieben steht, ist für dessen Buchsein unerheblich, beliebig und gleichgültig. Dass ich ein Buch in den Händen habe, sehe ich lange vor jedem Wort in diesem Buch. Wenn ich sage, dass ich ein Buch geschrieben habe, sage ich eigentlich, dass ich den Text eines Buches geschrieben habe. Als Text ist mein Werkstück zu jeder Zeit eine linear angeordnete Menge von Buchstaben, was mit einem Buch zunächst gar nichts zu tun hat. Das Herstellen des Textes besteht nicht nur im Anfügen weiterer Zeichen, sondern in einem fortgesetzten Umformen des bereits vorhandenen Textes. Solange ich an einem Text schreibe, verändert sich nicht nur dessen Länge, sondern auch dessen Struktur.

Ich kann mich fragen, was in einem gegebenen Buch steht. Ich kann das Buch aber auch als Buch anschauen, ohne mich um dessen Inhalt zu kümmern. In einem entsprechenden Buch finde ich dann einen Text, der in einem bestimmten Zustand konserviert oder eingefroren ist. Im Buch ist das Schreiben als Tätigkeit aufgehoben. Ein Buch zu machen, heisst den Prozess des Schreibens abzubrechen. Solange ich am Schreiben bin, verändere ich den Text, ich füge weitere Zeichen an und setze Textteile ein, die ich auf meinem Computer bereits früher gespeichert habe. Den dabei entstehenden Text überarbeite ich laufend. Ich füge vieles ein, verändere die Position von Sätzen und Abschnitten und lasse auch vieles wieder weg. In diesem Überarbeiten von Text sehe ich den wesentlichen Teil des Schreibens. Es geht mir dabei um die allmähliche Verfertigung meiner Gedanken beim Schreiben, die sozusagen zunächst im Kopf stattfindet, wenn ich den ersten Entwurf herstelle, danach aber vor meinen Augen passiert. Schreiben bedeutet in diesem Sinne den Text solange umzustellen, bis er mir passt.

Natürlich ist jedes Passen situativ und je aktuell. Zu einem späteren Zeitpunkt würde ich den Text wieder verändern, weil ich ihn neu sehen würde, respektive weil sich mein Sehen weiterentwickelt hat, während der Text derselbe geblieben ist. Es gibt ja auch im Zeitpunkt des ersten Entstehens eines Textes bereits verschiedene Interpretationen. Dies zu erkennen fällt mir leichter, wenn ich meine Entwürfe im Blog schreibe, weil ich dann in den Kommentaren andere Interpretationen quasi noch beim Schreiben bekomme.

Die Produktion von Text passiert – nicht nur im Blog – als Produktion von Texten, die einen je bestimmten Umfang haben und so als relativ eigenständige Texte erscheinen, beispielsweise als Briefe eines Briefwechsels oder als Buch unter Büchern. Zu einem Buch mache ich einen Text in einem beliebigen Zeitpunkt, in welchem mir der Text hinreichend passt, obwohl ich weiss, dass ich ihn immer weiterschreiben könnte. Ich entscheide, wann ich das Weiterschreiben abbreche und in welcher Form ich den Text schliesslich aufbewahre. Im vorliegenden Fall erscheint mein Text als Buch.

Den Ausdruck Buch verwende ich aber mittlerweile immer öfter in dem Sinne metaphorisch, als ich dabei gar nicht an ein eigentliches Buch aus Papier denke, sondern an einen hinreichend langen Text, der nicht mehr verändert wird. Mit der Buch-Metapher bezeichne ich natürlich auch, dass der jeweilige Text konventionell als Buch veröffentlicht würde oder werden könnte. Es gibt ja sehr viele Texte, die nicht mehr verändert werden, buch1aber zu keiner Zeit als Buch erscheinen oder auch nur dafür gedacht wären. Der hier vorliegende Buchtext ist in diesem Sinne ein als Buch bezeichneter Text, jenseits davon, ob er in einem Buch steht. Er kann auch in einem sogenannten e-Buch gelesen werden, wobei e-Buch eben genau dafür steht, dass der Text in einem Buch stehen könnte, aktuell aber unter dem Gesichtspunkt, dass er nicht mehr verändert wird, auf einem Internet-Server zum Download gespeichert ist. Er ist mit einer ISBN-Referenznummer versehen und kann so – wie ein Buch – zitiert, aber auch gekauft werden. Und weil sich nicht nur die Textwelt, sondern auch die Buchwelt entwicklt hat, kann der Text „on demand“ auch in einem eigentlichen Buch gelesen werden. Vielleicht ist das in Ihrem Fall sogar der Fall. So taucht das Buch wieder auf, wo es zunächst ersetzt wurde.

Ich befasse mich in diesem Buch mit der Herstellung von Text. Und ich danke an dieser Stelle meinen Blog-Kommentatoren, die dieses Buch in gewisser Weise mitgeschrieben haben, was im Buch unter dem Aspekt einer Kollaboration auch Thema sein wird. Als Text über das Schreiben verletzt der Text wohl ein paar konventionelle Erwartungen, weil es mir um die gegenständliche Herstellung von Texten, also nicht um deren Inhalt geht. J. Derrida schreibt in „Maschinen Papier“, dass das tithemi in biblio-theke auf das setzen, stellen, legen hinweist, darauf etwas einer stabilisierenden Unbeweglichkeit anvertrauen, und dass biblion nicht erst Buch heisst, sondern die materielle Unterlage bezeichnet, auf die geschrieben wird, also auch die Papyrusrolle. Der Textträger muss den Text tragen können, er muss hinreichen gross und hinreichend stabil sein. Aber natürlich braucht auch der Text selbst eine hinreichende Festigkeit, damit er auf ein Papier gesetzt werden kann.

Gemeinhin, also im gängigen Commonsense, wird Schreiben als Mitteilen, nicht als Herstellen von Gegenständen aufgefasst. N. Luhmann hat F. Kittler einmal vorgeworfen, dass er sich nicht für den Inhalt von Texten, sondern für deren Textsein interessiere. F. Kittler hat geantwortet, dass es ohne Texte auch keine Inhalte geben würde. Und ich füge an, dass es keine Texte geben würde, wenn sie nicht materiell hergestellt worden wären. Wer beispielsweise eine Brücke baut, muss wissen, wie er sie bauen muss, damit sie ihren Zweck erfüllen kann. Und wer einen Text herstellt, muss wissen, wie er den Text herstellen muss, damit er seinen Zweck erfüllen kann. Wenn ich eine bestimmte Beschreibung machen will, muss ich dazu einen bestimmten Text herstellen, aber ich muss den Text in irgendeiner materiellen Form herstellen. Ich kann beispielsweise mit einem Bleistift auf Papier schreiben, wenn ich schreiben kann und Papier und Bleistift habe. Wenn ich schreiben kann, kann ich aber auch entwickeltere Produktionsmittel als Papier und Bleistift verwenden.

In diesem Buch beschreibe ich, wie sie die Textproduktionsmittel entwickelt haben und wie sich das Schreiben dabei verändert hat. Der Text ist immer noch im Blog zu finden, wo ich auch sehr gerne weiterhin Kommentare lese und beantworten werde: https://schriftsprache.wordpress.com/

Forts: Einleitung: Schreiben als Tätigkeit

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s