Vorwort

Dieses Buch lässt sich der Sache nach schwer in bestehende Genres einord­nen. Es ist in gewisser Hinsicht ein Buch über Schrift und Sprache, aber es schliesst in keiner Weise an sprachwissenschaftliche oder sprachphilosophi­sche Überlegungen an. Ich beobachte das Schreiben. Mich interessiert aber dabei weder wer warum was schreibt noch irgendeine lern- oder motivations­psychologische Interpretation der Schreibenden oder des Geschriebenen, mich interessiert das Schreiben als materielle Produktion von Text, also die gegen­ständliche Herstellung von Text.

Ich weiss nicht, ob Sie diesen Text in einem Buch oder auf dem Bildschirm eines e-books lesen. In beiden Fällen lesen Sie einen Text, der mit­tels viel Technik her- und vor Ihre Augen gestellt wurde. Wenn Sie ein Buch vor sich ha­ben, wur­de es mit komplizierten Maschinen gedruckt und gebunden. Wenn Ihr Text auf einem Bild­schirm erscheint, steht hinter dem Bildschirm ein Computer, also eine sehr komplizierte Maschine, und vielleicht sogar das Internet. In bei­den Fällen inte­ressieren Sie sich vielleicht nicht so sehr dafür, mit welcher Technik der Text vor Ihren Augen herge­stellt wurde, sondern mehr für das, was Sie le­sen. Der Text, den Sie hier lesen, behandelt die Her­stellung von Text, also auch die Herstellung des konkreten Textes vor Ihren Augen. Dabei geht es aber nicht um eine irgendwie gedankliche Herstellung des Inhaltes, sondern um die Herstellung des materiellen Gegenstandes, den Sie beim Lesen sehen. Es geht um die Herstellung der Schriftzeichen.

Ich habe den vorliegenden Text ursprünglich in einem Internet-Blog geschrie­ben, also auch beim Schrei­ben im Vergleich zum Bleistift eine sehr hochent­wickelte Technik verwendet.[1] Normalerweise beschäftige ich mich auch beim Schreiben viel mehr damit, was ich schreibe, als damit, welche Werkzeuge ich dabei verwende. Dass ich beim Schreiben meistens einen Computer verwende, fällt mir kaum je auf, wenigstens so lange er funktioniert. Aber auch ein Bleistift in meiner Hand wird mir skriptornormalerweise erst richtig bewusst, wenn beispielswei­se dessen Mine bricht. Technik wird mir in diesem Sinne meistens nur als ka­putte oder als nicht wunschgemäss funktionie­rende Technik bewusst. Ich kann mich aber noch sehr gut daran erin­nern, wo ich zum ersten Mal mit einem Com­puter geschrieben ha­be. Die damals für mich ganz neue Technik hat mich so sehr be­schäftigt, dass ich fast vergessen habe, was ich mittels dieser Technik schreiben wollte. Sie hat aber meine bewusste Aufmerksamkeit wieder verlo­ren, so­bald ich damit umgehen konnte. So habe ich auch mein anfängli­ches Schreiben mit dem Bleistift in Erinnerung. Das Hand­haben des Bleistifts selbst machte mir sehr rasch viel weniger Kopfzerbrechen als das richtige Her­stellen und An­ordnen der Schriftzeichen. Erst zurückbli­ckend erkenne ich, dass das eigentli­che Schreiben von Hand unter handwerkli­chen Gesichtspunkten an­spruchsvoller ist, als das Schrei­ben mit einer Maschi­ne. Umgekehrt aber muss ich natürlich sehr viel mehr wissen, wenn ich statt mit einem Bleistift mit einer Blogsoftware schreiben will. Und ich muss dazu nicht nur mehr wissen, sondern vor allem auch viel mehr besitzen. Ich brauche einen im Internet ver­netzten und stromversorgten Computer, also eine unglaublich mächtige Infra­struktur, in wel­cher ich die grösste Maschine der Welt erkenne.

Das Textherstellen ist eine Tätigkeit, die ich wie keine andere Tätigkeit sonst auf den verschiedenen Stufen ihrer technologischen Entwicklung selbst ausübe und deshalb in einem spezifischen Sinn erkenne. Ich benutze auch heute noch Bleistifte zum Schreiben, aber ich stelle auch Texte im Internet her, die ich manchmal sogar zu Büchern mache.

Der Text, den Sie jetzt lesend vor Ihren Augen haben, ist ein maschinell herge­stellter Gegenstand. Er ist keine Kopie, sondern ein Exemplar, weil es bei sol­chen Texten kein Original gibt. Von einem gedruckten Buch gibt es so wenig ein Original wie etwa vom Fiat Panda oder vom IBM PC. Eine Kopie wäre der Text nur, wenn Sie eine Abschrift oder eine Fotokopie in den Händen hätten.

Wenn Sie diesen Text in einem Buch aus Papier lesen, habe ich den Text und das Buch in dem Sinne selbst hergestellt, als bei der Herstel­lung dieses Buches keine anderen Men­schen Hand anlegen mussten. Ich habe bei der Herstellung des Textes und des Buches eine Maschinerie verwendet, die als Teil des Inter­nets – wo auch im­mer – in der Welt steht und die ich von meinem Compu­ter aus fernbedient habe, ohne diese Maschine je gesehen zu haben. An diesem Buch haben keine Data­typistin, kein Schrift­setzer, kein Drucker und kein Buchbinder gearbeitet. Ich ha­be alles selbst ge­macht, ob­wohl ich dazu nur von ferne eine Maschinerie be­dient habe, die nicht mir gehört und zu de­ren Herstellung ich gar nichts beige­tragen habe. Ich habe mit dieser Maschinerie den konkreten mate­riellen Text, den Sie aktu­ell als Buch in Ihren Händen haben, produziert.

Natürlich hätten Sie kein Buch in den Händen, wenn nicht viele Arbeitende Tin­te, Papier und Leim herbeigeschleppt hätten, und wenn nicht davor jemand all das Material abgebaut und bearbeitet hätte, das in dem internetvernetzen Buch­herstellungsautomaten und all den auch automatischen Verpackungs- und Aus­lieferungswerkzeugen steckt. Und schliesslich mussten Sie das Buch selbst in Ihre Hän­de nehmen, um den Textes zu sehen. Dass Sie den Text jetzt lesen können, hat also sehr viele Voraussetzun­gen, die ich in gewisser Weise aus­blende, wenn ich sage, dass ich den Text in der Ihnen vorliegenden materiellen Version selbst hergestellt habe, während andere Menschen nur al­lerlei Maschi­nen hergestellt haben, die ich beim Schreiben des Buches verwen­det habe.

Ich werde später in diesem Buch darüber schreiben, inwiefern diese Auffassung von Textherstellen auch für Texte am Bildschirm sinnvoll ist. Hier will ich noch­mals die sprachliche Differenz zwischen Text und Textinhalt hervorheben. Das, was ich herstelle, ist der materielle Zeichenkörper. Diese graphischen Artefakte sind nur Text, wenn ich sie im Handlungszusammenhang Sprache beobachte. Dass ich oder Sie in der Anordnung der Tinte Symbole erkennen, dass diese Zei­chen­körper als Symbole für etwas Gemeintes fungieren, kann ich nicht her­stel­len. Ich kann praktisch kaum beeinflussen, wie andere Menschen die Sym­bole interpretieren. Wenn ich hier von Textherstellen spreche, meine ich nicht den Inhalt des Tex­tes, sondern beispielsweise die auf Papier aufgetragene Tin­te, die in den Augen der geneigten Lesern Buchstaben und Wörter repräsen­tiert.

Die Buchstaben aber und mithin die so gemeinten Texte sind materielle Gegen­stände. Die Herstellung solcher Gegenstände unterliegt einer technolo­gischen Entwicklung, in welcher ursprüngliche Handarbeit durch Mechanisierung und Automatisierung aufgehoben wird. Geschrieben wird wohl seit es Menschen gibt, auch wenn Schrift oft als Erfindung datiert wird. Ich kann nicht sehen, dass sich die Menschen bezüglich dem, wie sie beschreiben, wesentlich entwickelt ha­ben. Ich kenne niemanden, der besser beschreibt als Homer. Aber die Werk­zeuge, die ich beim Herstellen von Text verwende, haben eine enorme Entwick­lung hin­ter sich. Das kollaborative Herstellen von Büchern im Internet sehe ich als aktuell letzte Stufe dieser Entwicklung, durch welche sich auch immer wie­der verändert hat, was ich überhaupt als Schrei­ben begreife und dem Prozess des Schrei­bens zurechne.

Die technologische Entwicklung betrifft nicht nur die Schreibwerkzeuge im en­geren Sinne, sondern insbesondere auch den Text als Artefakt, den Textträger und die Organisation der Textproduktion. Das Schreiben im Internet lässt mich das Umfeld des ursprünglichen Schreibens wie etwa den Briefver­sand oder Bib­lio­theken neu sehen. In diesem Sinn beschreibe ich die Evolution der Textpro­duktion durch die Kategorien, die ich anhand der modernen Technik entwickelt habe.[3] Der Ausdruck Schreiben, der ursprünglich für das Herstellen von Text gestanden hat, hat durch diese Entwicklung sehr verschiedene Ver­wendungen bekommen. Als Schreiben bezeichne ich jetzt die Differenz zwischen Schreiben und dem vollautomatischen Herstellen eines Buches, weshalb ich von Textpro­duktion spreche.

 


weiter zu: Einleitung: Schreiben als Tätigkeit (Teil 1)

last update 26. 6.2016, 28. 6.2016 , 31.12.2016, 23.1.2017


Anmerkungen

[1] Der Blog ist immer noch im Internet, wo ich auch sehr gerne weiterhin Kommentare zum Text lese und beantworte: https://schriftsprache.wordpress.com/

[2] „Die Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die Andeutung auf Höhres in den untergeordneteren Tierarten können dagegen nur verstanden werden, wenn das Höhere selbst schon bekannt ist.“ (Marx-Engels-Werke Band 42, S. 39). Was Schreiben ist, verstehe ich in diesem Sinne erst, wenn ich im Internet geschrieben habe.

[3] „Die Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die Andeutung auf Höhres in den untergeordneteren Tierarten können dagegen nur verstanden werden, wenn das Höhere selbst schon bekannt ist.“ (Marx-Engels-Werke Band 42, S. 39). Was Schreiben ist, verstehe ich in diesem Sinne erst, wenn ich im Internet geschrieben habe.

 

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Eine Antwort zu “Vorwort

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