Einleitung: Schreiben als Tätigkeit (Teil 2)

In der Volksschule, die ich besuchte, hiess das Schulfach, in welchem ich Schrei­ben lernte, Schreiben, und das Schulfach, in welchem ich das vermeintli­che Handwerk des guten Schreibens lernte, hiess dann sinnigerweise Deutsch, womit natürlich nicht das Lernen der deutschen Sprache gemeint war, die ich ja schon kannte, sondern viel mehr die Ideologie, welche Inhalte gut angepasstes Schreiben ausmachen.

Viele Menschen, die schreiben können, lassen sich Texte von anderen Men­schen schreiben, die das Handwerk des guten Schreibens beispielsweise als Ghost­writers oder Werbetexter auf dem Markt anbieten, weil sie dieses meta­pho­risch gemeinte Handwerk des Schreibens selbst nicht gut genug beherr­schen. Darin erkenne ich eine Inversion des Falles, in welchem jemand meint, er könne gut schreiben, aber die eigentliche Textherstellung nicht selbst ausfüh­ren will und deswegen nur diktiert.

Das eigentliche Schreibhandwerk, um das es im vorliegenden Text geht, ist mir zuerst sxxchuhmacherganz am An­fang meiner Schulzeit etwas kompliziert vor­gekommen. Ich habe aber das Schrei­ben mit Griffel und Bleistift schnell „automatisiert“, so dass ich nur noch wenig Auf­merksam­keit darauf verwen­den musste, was ich körper­lich beim Schreiben mache.[1] Ich musste dann das Schreibhandwerk ein zweites Mal lernen, als ich die erste Tastatur mit zehn Fin­gern benutzen soll­te. Und ich übe jetzt noch etwas unbeholfen mit einer Spracherkennungssoftware, mit welcher ich Text hochautomatisiert herstellen kann.

In der Volksschule lernte ich nicht nur schreiben, sondern explizit auch schön­ schreiben. [2] Jedes Handwerk kennt den Unterschied zwischen kunstvollen Ge­genständen und solchen, die nur prakti­schen Bedürfnissen entsprechen. Die Kalligrafie kann man in diesem Sinne als Kunsthandwerk sehen.

Das schöne Schreiben ist allerdings an primitive Werkzeuge gebunden. Wenn ich mit einer Maschine schreibe, kann ich die Schönheit der Schriftzei­chen nicht mehr unmittelbar beeinflussen, sie ist dann meinem handwerklichen Geschick durch die Erfindung der Druckletter entzo­gen.[3] Schönschreiben geht in einem spezifi­schen Sinn nur als Handarbeit, bei wel­cher die Formgebung weitgehend durch die Hand bestimmt wird, was eben typi­scherweise beim Gebrauch von ei­gentlichen Werkzeugen, wie etwa dem Blei­stift, der Fall ist. Der Ge­brauch von Werkzeugen verlangt körperliche Fertigkei­ten, die sich dann in der re­lativen Schönheit der Produkte zeigen. Wenn ich Maschinen verwende, brauche ich natürlich auch Fertigkeiten, aber das Ausse­hen der Produkte wird stark durch die Maschine bestimmt.

Beim Schreiben mit einer etwas entwickelten Maschine wird mir auch bewusst, dass es typographisch schöne Schriften gibt, dass ich also auch beim Schrei­ben von Hand eine schöne Schrift wählen und mich dann in dieser Schrift üben muss, wenn ich einen Text schön schreiben will.

In der Volksschule lernte ich nicht nur schön zu schreiben, sondern vor allem auch richtig zu schreiben. Mit richtig schreiben ist dabei nicht vor allem das gu­te Handwerk der Rhetorik gemeint, sondern viel mehr, dass Texte keine Fehler enthalten dürfen. Jeder Handwerker muss seine Produkte hinreichend fehlerfrei herstellen. Teppichknüpfer, die von Hand arbeiten, machen der Legende nach bewusst unregelmässig Fehler in die Teppichmuster, damit sichtbar bleibt, dass die Teppiche Hand­arbeit sind. Aber natürlich muss dabei das Muster als sol­ches erhalten bleiben. Beim Schreiben kann ich beispielsweise einzelne Buch­staben vergessen, ohne dass der Sinn des Textes davon betroffen wäre – wenn es nicht zu oft geschieht. Solche Fehler kann ich beim Schreiben natürlich nur machen, wenn mir vorgegeben ist, welche Anordnungen welcher Buchstaben möglich und damit richtig sind.

Beim Schrei­ben eines gegebenen Textes unterscheide ich das Abschreiben et­wa im klösterli­chen Skrip­torium und das Aufschreiben etwa eines Dikta­tes durch eine Sekretärin­. Beides sind eintönige Tätigkeiten, die mich sehr an an­spruchslose Fliessbandtätigkeiten erinnern.

Beim Abschreiben muss ich die Regeln der Sprache nicht kennen. Ich unter­scheide dabei aber Abschreiben und Abzeichnen. Wenn ich abschreibe, erken­ne ich die Buchstaben als Schriftzeichen eines Alphabetes. Aber ich kann die Buchstaben natürlich auch als Zeichnungen sehen und sie dann eben abzeich­nen ohne zu wissen, dass ich dabei Text herstelle. Ich stelle dann einfach eine Kopie des materiellen skriptorGegenstandes her. Ich kann einen Buchstaben als Arte­fakt kopieren, ohne zu wissen, dass es sich um einen Buchstaben handelt. Wenn ich dagegen einen mir diktierten Text aufschreibe, muss ich natürlich die Orthographie kennen, weil durch das Diktat nur der Text gegeben ist, aber nicht die Schreibweise der einzelnen Wörter. Wenn ich nur aufschreibe, was andere diktieren, muss ich die Grammatik der Sprache, die die Satzbildung der Spra­che beschreibt, nicht kennen. Man mag einwenden, dass es kaum Menschen gibt, die die Orthographie beherrschen, ohne die Sprache zu sprechen. Aber jenseits der Menschen gibt es Wörterbücher, die nur die Orthografie behandeln und viele Computerprogramme haben mit dem Übersetzen und Rechtschreiben einzelner Wörter viel weniger Probleme als mit den Wortstellung im Satz.

Wenn ich selbst schreibe, muss ich das ganze Handwerk der Textherstellung hi­nreichend beherrschen. Ich muss dabei nicht nur mit einem Bleistift umgehen können, sondern auch wissen, was ich als Text bezeichne. Damit ich ein Arte­fakt als Text bezeichne, muss es bestimmten Produktionsre­geln, die ich als Grammatik der jeweiligen Sprache bezeichne, und bestimm­ten semantischen Bedin­gungen genügen. Die Produktionsregeln von hinreichend grossen Spra­chen be­wirken, dass ich mit endlich vielen Zeichen unendlich viele verschiede­ne Texte herstellen kann. Beim Schreiben muss ich die Regeln der jeweiligen Sprache kennen. Wenn ich schreiben lerne, nachdem ich die jeweil­ige Sprache bereits spreche, sind mir grosse Teile der Produktionsregeln be­reits bekannt. Ich weiss dann beispielsweise welche Sätze Sinn machen, wie ich die Wörter also sinnvoll anordnen kann. Dagegen beruhen viele Schriften auf ortho­graphi­schen Regeln, die ich beim Sprechen nicht kennen muss. Das Schreiben hat spezifische Produktionsregeln. Sie bestimmen auch oft, wie ich über mein Spre­chen nachdenke. Dass und welche Wörter ich unterscheide, scheint mir mehr eine Folge der Schrift, während ich beim Sprechen zwischen den Wörtern oft gar keine Pause mache und als Kind vielleicht Sätze oder Satzteile lernte, ohne zu merken, dass ich dabei einzelne Wörter verwendet habe.

Die Tätigkeit des Schreibens stellt sehr viele sehr verschiedene Anforde­rungen, welchen ich auch auf der Stufe der Handarbeit weitgehend mit implizi­tem Wis­sen und Können begegnen kann. Implizit heisst, dass ich schreiben kann, ohne begrifflich zu verstehen, was ich dabei tue. Wenn ich statt einer Füllfeder ein Schreib­ma­schine verwenden will, muss ich zwar eine neue Handlungsweise ler­nen, aber ich muss mir dabei nicht bewusst machen, inwiefern das von Hand schrei­ben in der Maschine aufgehoben wird. Unter dem Gesichtspunkt der An­forde­run­gen kann ich jede Art des Schreibens als neue Tätigkeit betrachten, die dann auch neue Anforderungen stellt. Ich will mich aber nicht mit Anforderun­gen befassen, sondern das Schreiben als Produktionsprozess beobachten, der einer tech­nischen Entwicklung unterliegt.

Ich begreife dabei das Schreiben nicht als Erfindung, sondern als eine sich au­to­poietisch entwickelnde Verhaltensweise, die im Tier-Mensch-Übergangsfeld allmählich zu einer mit Werkzeugen produzierenden Tätigkeit wird. Autopoiese heisst evolutionär entstanden.[4] Wenn ich von einer Autopoiese[5] spreche, be­zeichne ich in gewisser Hinsicht einen spezi­fischen Moment einer dort geteilten Entwicklung. Wenn ich bei­spielsweise von der Entwicklung des Menschen spre­che, unterscheide ich in diesem Sinne eine naturhistorische Entwicklung inner­halb des Tierreiches, die mit dem Auftreten des Menschen abgeschlossen ist, und eine sozialhistorisch Entwicklung des Menschen, die mit dem Auftreten des Menschen beginnt und in welcher sich nicht mehr der Mensch, sondern dessen Lebensverhältnisse als Kultur entwickeln. Wenn ich Menschen als werkzeug­herstellende Tiere sehe, beobachte ich eine Entwicklung im Tierreich hin zur Verwendung von Objekten, welche am Schluss den Menschen als Herstel­len­den hervorbringt, und eine zweite Entwicklung, in welcher sich die Menschen dadurch entwickeln, dass sie ih­re Werkzeuge entwickeln.[6]

In der Autopoiese des Schreibens unterscheide ich dessen quasi naturhistori­sche Entwicklung, die ich im Lesen von Spuren be­gründet sehe, und dessen sozialhistorische Entwicklung, die auf der Herstellung von Schriftzeichen beruht. Im Tier-Mensch-Übergangsfeld invertiert das Spuren lesen zum Spuren herstel­len, was etwas anderes ist, als Spuren hinterlassen. Wenn ein Tier sein Revier markiert, kann ich darin zwar eine instinktive Absicht erken­nen, aber nicht das Herstellen eines Zeichens, weil ich als eigentliches Zeichen einen hergestellten Gegenstand bezeichne, der im Prinzip arbiträr für ein konventionell vereinbartes Referenzobjekt steht. Das Markieren von Tieren braucht ja keine Vereinbarung darüber, was es bedeutet. Schriftzei­chen schliesslich implizieren einen sprachli­chen Handlungszusam­menhang, in welchem sie ihre inhaltliche „Bedeutung“ ent­falten. Als Artefakte aber sind sie wie alle Zeichen Gegenstände einer sich gesell­schaftlich ent­wi­ckelnden Pro­duktion.

Wo Menschen im Tier-Mensch-Übergangsfeld bereits bewusst Spuren legten, etwa durch Hinlegen von gefundenen Gegenständen, sehe ich Keimformen der späteren Zei­chen und Schriftzeichen, auch wenn solche Spuren noch sehr noch naturwüchsig waren.

Die Evolution des Schreibens verstehe ich in dem Sinne exemplarisch für die sozialhistorische Seite der menschliche Entwicklung, als ich das Schreiben als Tätigkeit sehe, für welche auch immer umfassendere Werkzeuge entwickelt werden. In dieser Entwicklung wird nicht nur das handwerkliche Schreiben zer­legt, sie integriert in einer Entdifferenzierung auch Funktionen, die zu­nächst nicht als Teile des Schreibens aufgefasst werden, wie etwa die Verwal­tung der Do­kumente und insbesondere das Verfügbarmachen der Texte im Inter­net. Als entwickelste Stufe des Schreibens sehe ich schliesslich das Hyperle­sen, bei welchem ich lesend durch das Anklicken von Hyperlinks den Text, den ich lese, in einem eigentlichen Sinne erst erzeuge – was durch die bislang höchstentwi­ckelten Textproduktionsmittel möglich wird.

Ich beobachte in diesem Buch die Entwicklung des Schreibens als eine Ent­wick­lung der Textproduktionsmittel, in welcher der Schreibprozess wie jede ge­sell­schaft­liche Produktion der Entwicklung der Werkzeuge unterliegt und im­mer umfassender automatisiert wird.[7] Ich unterscheide dabei drei verschiedene Mittel der Textproduktion, die sich teilwei­se gegenseitig bedingen: Das ei­gentli­che Werkzeug, das Mate­rial des Textes und den Träger des Textes. Wenn ich mit einem Bleistift auf Pa­pier schreibe, ist der Bleistift das Werkzeug, das Gra­phit das Material des Tex­tes und das Papier der Textträger. Die wesentliche Entwicklung beobachte ich bei den Werkzeugen, weil mir die Werkzeuge zei-gen, was ich beim Schreiben quasi noch von Hand ma­chen muss, wenn ich die jeweils neueren Werkzeuge noch nicht zur Verfügung habe. So macht mir bei­spielsweise die elektrisch angetriebene Schreib­maschine bewusst, dass ich den Bleistift wie etwa einen Hammer mit meiner Körperkraft bewegen muss, was mir beim Schreiben mit dem Bleistift nicht ohne weiteres auffällt, weil ich dafür sehr wenig Kraft brauche.

Alles, wofür ich noch kein Schreibwerkzeug habe, bezeichne ich als die noch nicht begriffenen Aspekte des Schreibens. Einen Aspekt des Schreibens will ich hier noch besonders hervorheben, weil er auch davon ablenkt, das Handwerk zu sehen. Die typischen Handwerker stellen viele Instanzen des­selben Objek­tes her. Ein Hufschmied etwa schmiedet immer Hufeisen, auch wenn sie jeweils sehr ver­schiedenen Perdehufen angepasst werden müssen. Wenn ich als Hand­werker das Pro­dukt bereits viele Male hergestellt hätte, müsste ich wohl nicht mehr allzu viel denken, um ein weiteres Exemplar herzustellen. Tex­te sind in die­ser Hinsicht spezielle Produkte. Ich schreibe sehr selten zwei- oder mehr­mals den gleichen Text. Aber in einer bestimmten Hinsicht sehen natürlich mei­ne Texte doch sehr ähnlich aus, weil sie alle ein Reihenfolge aus einer be­grenz­ten Men­ge von Schriftzeichen sind.

[1] Dass ich dieses Verinnerlichen einer Fähigkeit als automatisieren bezeichne, nimmt vorweg, dass diese Fähigkeit später durch Textautomaten aufgehoben wurde.

[2] Schönschreiben wird mittlerweile an den Volksschulen nicht mehr unterrichtet. Dagegen gibt es Opposition, die den handarbeitlichen Aspekt der Bildung hervorhebt.

[3] Ich komme darauf zurück, wo ich am Computer eigene Schriften entwerfen kann. Aber auch das Verwenden von verschiedenen …. Kursiv, fett … mit dem Kugelkopf ..

[4] Autopoiese ist ein Kunstwort, das quasietymologisch für „(sich) selbst-erzeugt“ (auto-poiesis) steht, das ursprünglich von H. Maturana zur Charakterisierung von Leben eingeführt wurde, aber in einem weiteren Sinn als Eigenname für spezielle Theorien der Selbstorganisation ver­wendet wird.

[5] Autopoiese ist ein Kunstwort, das quasietymologisch für „(sich) selbst-erzeugt“ (auto-poiesis) steht, das ursprünglich von H. Maturana zur Charakterisierung von Leben eingeführt wurde, aber in einem weiteren Sinn als Eigenname für spezielle Theorien der Selbstorganisation ver­wendet wird.

[6] In naturhistorischen Zeiträumen mag sich unter evolutionstheoretischen Gesichtspunkten natürlich auch der Mensch weiterentwickeln, aber im historischen Zeitraum kann ich keinerlei Entwicklung des Menschen als biologisches Wesen erkennen. Ich wüsste nicht, inwiefern ich „entwickelter“ sein sollte als beispielsweise die „alten Griechen“, deren Philosophen auch zeigen, dass nicht ernsthaft von einer geistigen Weiterentwicklung gesprochen werden kann. Was wir früheren Generationen voraus haben, sind Maschinen wie das Internet.

[7] Eine umfassende Darstellung zur Entwicklung der Arbeit im modernen Produktionsprozess gibt H. Braverman im gleichnamigen Buch.

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