Mein Theorie Projekt: Projekt

        [ <– VorwortInhaltsverzeichnisProjekt (Forts) –> ]

Als Projekt bezeichne ich die konzipierte einmalige Produktion eines hinreichend genau abgegrenzten Gegenstandes. Diese Produktion wird durch ein vorausgesetztes Produkt bestimmt und beendet. Ein Beispiel dafür ist etwa der Bau einer Eisenbahnbrücke an einer bestimmten Stelle innerhalb eines Eisenbahnnetzes. Das Projekt betrifft eine konkrete Brücke an einem bestimmten Ort, also eine Instanz des Objektes „Eisenbrücke“, die beispielsweise eine Hängebrücke oder brücke5.pngeine Betonkonstruktion mit einer gegebenen Spannweite sein kann und natürlich den Bedingungen der entsprechenden Eisenbahn genügen muss. Das Projekt ist abgeschlossen, wenn die Eisenbahn über die Brücke fährt – oder abgebrochen, wenn der Brückenbau beispielsweise mangels Geld eingestellt wird.

Wenn ich einen Gegenstand herstelle, verfolge ich ein Ziel, dem der Zweck des Gegenstandes unterliegt. Der Zweck des Gegenstandes erscheint als dessen Gegenstandsbedeutung oder als dessen Funktion. Zweck einer Eisenbahnbrücke ist, dass die Eisenbahn auf die jeweils andere Seite des überbrückten Hindernis fahren kann. Hergestellte Gegenstände befriedigen die Bedürfnisse, die deren Antizipation schaffen. Wenn ich beim Verlegen von Eisenbahnschienen an einen Fluss komme, entsteht in mir das Bedürfnis auf die andere Seite des Flusses zu kommen, weil ich mir vorstellen kann, dass das beispielsweise mit einer Brücke möglich ist. Projekte haben oft evidente Zwecke, aber manchmal wird die Erläuterung des Zweckes als Teil des Projektes gesehen. Wenn ich andere Menschen für das Projekt gewinnen will, muss ich erläutern, wozu es gut ist. Dabei kann das auch mir klarer werden.

Jedes mir hinreichend wichtige Projekt beschreibe ich in einem Konzept, das mir als Anweisung dient. Im Konzept beschreibe ich, was ich im Projekt weshalb tun werde und welche Resultate mir als Abbruchkriterien genügen. In diesem Sinne ist das Konzept immer auch ein erstes Resultat des Projektes, das seinerseits auf einem mehr oder weniger impliziten Konzept beruht, das bereits im Bedürfnis nach dem Projektgegenstand enthalten ist. Wenn ich mir eine Eisenbahnbrücke wünsche, weiss ich im Prinzip, wie die herzustellen wäre – auch wenn „im Prinzip“ sehr oft „eigentlich nicht“ heisst. Das jeweils erste Konzept ist entsprechend allgemein, aber bereits als Anweisung formuliert. In der Ausarbeitung des Konzeptes ersetze ich Tätigkeiten durch Handlungen, die ich zunehmend operativer beschreibe, so dass ich die Beschreibungen schliesslich – der Tendenz nach – als Programm lesen kann, in welchem die einzelnen Teilschritte des Projektes beschrieben sind. Als Konzept bezeichne ich in diesem Sinne einen nicht formalisierten Entwurf zur geplanten Tätigkeit. Ich mache hier aber noch ein paar Anmerkungen dazu, was ich von Konzepten überhaupt erwarte und was das Konzept in diesem nicht kommerziellen Fall hier erfüllen muss. In vielen Konzepten wird auch die Strategie und die Taktik explizit behandelt, die sich später in Form von Methoden zeigt. Strategie und Taktik sind kriegerische Konzepte, die einen Projektgegner implizieren. Ich nehme nicht an, dass irgendjemand etwas gegen mein Projekt haben könnte.

Die Systematik der Konzeption erscheint gebrochen, wenn ich das Projekt als Differenz zwischen Auftrag und Projekt beobachte. Wenn ich ein Konzept schreibe, habe oder will ich einen Auftrag. Ich kann mit einem Konzept Geldgeber oder Mitarbeiter für eine bestimmte Produktion suchen. Dann beschreibe ich natürlich den Sinn des Projektgegenstandes und im kommerziellen Bereich auch den finanziellen Gewinn, der mit dem Projekt verbunden ist. Wenn dagegen bereits klar ist, dass beispielsweise eine bestimmte Eisenbahnbrücke gebaut werden muss, beschreibe ich im Konzept nur noch, wie die Brücke gebaut wird. Wenn ich ein Projekt nur für mich plane, brauche ich weder Geldgeber noch Mitarbeiter, aber ich kann mir natürlich trotzdem Gedanken über den Sinn des Projektes machen. Und logischerweise kann jedes Konzept auch als eigenständiges Projekt aufgefasst werden.

In kommerziellen Konzepten wird Aufwand und Nutzen in Geld aufgewogen. In einem allfälligen Gewinn sind Sinnfragen aufgehoben. Wenn in Bezug auf Geld nur Kosten ausgewiesen werden können, muss der Gewinn vermittelt im Sinn des Projekts gefunden werden. N. Luhmann schrieb: „Bei meiner Aufnahme in die 1969 gegründete Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld fand ich mich konfrontiert mit der Aufforderung, Forschungsprojekte zu benennen, an denen ich arbeite. Mein Projekt lautete damals und seitdem: Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine.“ (Die Gesellschaft der Gesellschaft:11) Damit hat er geflissentlich übersehen, was (s)eine Professur kostet, aber wohl richtig eingeschätzt, dass der Kostenträger kaum Nutzen erkennen wird. Die akademische Forschung und deren Institutionen beispielsweise postulieren einen durchaus materiellen Gewinn für die Allgemeinheit, die die Kosten trägt, wobei die Verteilung der Gewinne innerhalb der Gesellschaft normalerweise nicht thematisiert wird. Die Volksschule etwa hat neben ihrem eigentlichen Nutzen ein Zivilisierungsinstrument zu sein, den oft propagierten Nutzen, dass alle, die die Volksschule durch Steuern bezahlen, lesen und schreiben können, auch wenn ganz und gar unklar bleibt, wie das für die Einzelnen die Kosten materiell aufwägen sollte. Wenn die Regierung eines Staates beispielsweise in Form von gebundenen Subventionen, die als Projekt gesehen werden können, Geld ausgibt, um den CO2-Ausstoss zu verringern, haben die Empfänger der Subventionen einen materiellen Nutzen, während die Kostenträger insgesamt sich allenfalls damit trösten, dass es der Natur besser gehe. Es ist eine Frage des Projektes, inwiefern Termine, Ressourcen und Kosten eine nennenswerte Rolle spielen, in vorliegenden Projekt spielen sie keine.

Wenn ich keinen kommerziellen Zweck verfolge, kann ich meine Motivation in dem Sinne problematisieren, dass ich ein persönliches und ein gesellschaftliches Interesse unterscheide. Ich kann beispielsweise in meiner persönlichen Entwicklung ein Motiv sehen, das nicht nur mir Vorteile verschafft. Wenn ich einen Text herstelle, dient er mir beim Verfassen meiner Gedanken, er kann aber – wenn ich ihn publiziere – auch anderen Menschen helfen. Ich beobachte dieses Differenz in meinem Text über das Schreiben.

In vielen Projekten, vor allem in wenn das Konzept zur Abschätzung der Projektfinanzierung dient, gibt es fliessende Übergänge zwischen dem Konzept und der Planung im engeren Sinne. Insbesondere wenn der Projektgegenstand in dem Sinne arbeitsteilig hergestellt wird, dass Planung und Ausführung getrennt werden, wird die Konzeptarbeit abgeschlossen, wenn die eigentliche Projektarbeit in Form der Planung beginnt. Wenn ein Ingenieur eine Eisenbahnbrücke plant, stellt er keine Brücke, sondern Pläne her. Die Planung kann dann sowohl als Umsetzung wie auch als letzte Stufe des Konzeptes gesehen werden, die die Tätigkeiten vollständig bestimmt. Während das Konzept primär eine Abbildung des Projektes darstellt, wird in den Plänen hauptsächliche der Projektgegenstand abgebildet. Das ist insbesondere der Fall, wenn ein Konstruktionsplan der gemeinten Arbeit vorausgeht. Eine weniger klare Trennung zwischen Konzept und Planung besteht in Fällen, in welchen die Pläne der praktischen Projektentwicklung wie etwa ein Stadtplan nachgeführt werden, wenn das Projekt vom Konzept abweicht.

Wenn der Gegenstand des Projektes als Resultat einer Entwicklung gesehen wird, kann das Konzept den Entwicklungsprozess beschreiben. Das ist insbesondere der Fall, wenn es sich um ein Forschungsprojekt handelt, bei welchem das Resultat noch nicht bekannt ist, obwohl klar ist, was erforscht wird. Im vorliegenden Fall geht es um die Entwicklung einer bestimmten Theorie, also um einen recht genau bestimmten Gegenstand, wobei aber nicht vorab geklärt ist, was überhaupt als Theorie bezeichnet wird und inwiefern eine Theorie ein Projektgegenstand sein kann. Das Konzept ist in diesem Sinne ein Entwurf zu einer Theorie, den ich in der Theorie reflektiere. Ich beschreibe auf der Stufe des Konzeptes Voraussetzungen der Theorie, die später in der Theorie aufgehoben sind – oder im Konzept entsprechend korrigiert werden. Als Voraussetzung bezeichne ich in diesem Zusammenhang nur, was ich später in der Theorie aufheben will. Ich selbst bin in diesem Sinne keine Voraussetzung des Projektes, obwohl es dieses Projekt ohne mich nicht geben würde.

Im vorliegenden Fall beschreibe ich im Konzept, wie ich meine Theorie entwickle. Das beinhaltet viele Entscheidungen, die sich in der Theorie erst noch bewähren müssen, aber vor allem auch implizite Annahmen darüber, was ich als Theorie begreife. Implizit sind diese Annahmen, weil ich die Theorie ja noch nicht geschrieben habe. Umgangssprachlich würde man sagen können, dass ich meine Theorie bereits im Kopf habe, wo sie aber eben – auch von mir – nicht gesehen werden kann.

weiter zu Projekt (Forts)


last update: 26. 7.2017

Werbeanzeigen

Eine Antwort zu “Mein Theorie Projekt: Projekt

  1. Pingback: Mein Theorie-Projekt: Vorwort | Schrift-Sprache

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s