Mein Theorie Projekt ( Meine Theorie): Einleitung

[ <– Zusammenf. KonzeptInhaltsverzeichnisDie Beobachtung –>]

Einleitende Bemerkungen haben oft den Charakter eines Konzeptes oder einer Projektbegründung. Das ist auch hier der Fall. Ich beschreibe aber mein Theorieprojekt in einem eigenständigen Konzept, in welchem ich auch Aussagen über den Projektgegenstand Theorie mache. Mir ist vorab nicht ganz klar, was ins Konzept gehört und was in die Theorie. Ich werde mich später darum kümmern und hier Überschneidungen und Wiederholungen in Kauf nehmen, in dieser Einleitung als einiges aus dem Konzept nochmals schreiben, damit man meine Theorie auch lesen kann, wenn man das Konzept dazu nicht kennt.

Den Ausdruck Theorie verwende ich in Anlehnung an eine Konvention, in welcher das griechische ‚theorein“ für „sich selbst beobachten“ steht. Ich beobachten aber nicht mich selbst, ich beobachte mein Beobachten. Den Ausdruck Beobachten verwende ich hier aber nicht im umgangssprachlichen Sinn. Als Beobachten bezeichne ich hier eine textherstellende Tätigkeit, in welcher ich Unterscheidungen bezeichne, die ich im Hinblick auf Kategorien beobachten kann. Ich beobachte also mein schreibendes Beobachten und bezeichne den dabei entstehenden Text als Theorie.

Ich beobachte dabei exemplarisch, was ich wie über das Schreiben schreibe. Ich könnte auch mein Schreiben über etwas ganz anderes beobachten. Ich treffe also eine Wahl. Damit ich mein Schreiben beobachten kann, schreibe ich einen Text über schrift-sprachedas Schreiben, in welchem ich meine Theorie bewusst reflektiere. Mein Text über das Schreiben und meine Theorie halte ich dadurch konsistent, dass ich beide Texte einander laufend anpasse.

Methodologisch verwende ich dabei, was ich als Hyperkommunikation bezeichne. Ich schreibe Hypertexte und verlinke die verwendeten Begriffe in einem Hyperlexikon, womit ich meine Begriffsverwendung kontrolliere.

Ich unterscheide Schreiben und Beschreiben. Als Schreiben bezeichne ich das Herstellen von Text, jenseits davon was im Text beschrieben wird. Ich unterscheide in Bezug auf das Herstellen Produktion und Produkt. Text sehe ich zwar als Produkt, aber eben als bewusst hergestelltes Produkt, in welchem die Herstellung wie in jedem Produkt aufgehoben ist.[1] Das Produkt ist das Produkt der Herstellung, es zeigt im Prinzip, was wie gemacht wurde oder was wie gemacht werden könnte. Ich erkenne ein Artefakt und eine Herstellerintention, weil ich darin meine eigene Tätigkeit wiedererkenne.[2] Ich kann nicht jedem Produkt ansehen, wie es hergestellt wurde, aber ich kann mir das vom Hersteller zeigen und erklären lassen. Jedes Produkt repräsentiert gesellschaftlich vorhandenes Herstellungswissen – wenigstens solange jemand das Produkt herstellen kann. Ich bezweifle beispielsweise ohne jedes Wissen darüber nicht im Geringsten, dass die ägyptischen Pyramiden von Menschen hergestellt wurden. Soweit ich sehe, weiss niemand, wie das geschehen ist. Aber mit moderner Technik wäre es einfach, solche Pyramiden zu bauen, weil sie ja bereits gebaut wurden – falls das der Fall ist.

Wenn ich Text herstelle, mache ich beides, schreiben und beschreiben. Das Textherstellen ist die Einheit der Differenz. Text hat in diesem Sinn zwei nicht trennbare, aber unterscheidbare Bedeutungen. Schreibend stelle ich das Textartefakt her, beschreibend stelle ich ein Symbol her. Der Text, den ich herstelle, ist ein Gegenstand wie etwa ein Hammer oder eine Eisenbahnbrücke. Beim Herstellen verforme ich Material. Ich kann beispielsweise „hammer“ schreiben oder – um einen Satz zu machen – „Der Schmied hat einen Hammer in der Hand“. Das Wort „hammer“ ist dann ein Gegenstand, aber es ist kein Hammer.(8) Die beiden Artefakte „hammer“ und Hammer haben ganz verschiedene Zwecke, die ich bei der Herstellung bewusst intendiere, und die sich in zwei ganz verschiedenen Produkten zeigt.

Seine Bedeutung bekommt jedes Artefakt bei seiner Herstellung, die Gegenstandsbedeutung entspricht der Herstellerintention. Wenn jemand einen Hammer als Briefbeschwerer verwendet, bleibt der Hammer ein Hammer, weil er als Hammer hergestellt wurde. Was ein Hammer ist, zeigt sich in seiner intendierten Verwendung, die ich kenne, wenn ich einen Hammer herstelle. Auf der noch nicht entwickelten Produktion von einfachen Gegenständen stelle ich einen Gegenstand für mich selbst her. Dabei weiss ich nicht nur vorweg, was ich herstelle, sondern im Nachhinein auch, wozu ich den Gegenstand hergestellt habe. Andere Menschen können dann sehen, was ich mit dem Hammer mache und im Sinne der Mimesis auch einen Hammer herstellen oder verwenden wollen.

Das Wort „hammer“ kann ich ebenso wie einen Hammer für mich selbst herstellen. Es ist üblich, aber gleichwohl historisierend naiv, Text als Vergegenständlichung einer nicht-gegenständlichen Sprache aufzufassen, und so zu tun, als ob „Sprache“ sehr viel mit Bewusstsein und Geist, aber nur ganz wenig mit konstruierten, materiellen Strukturen zu tun hätte. Dass ich beim Herstellen von Texten „sprachlich denke“, sagt weder etwas darüber aus, was Text ist, noch darüber, was Denken und Bewusstsein sein soll. Dass ich aber den Handlungszusammenhang, den ich mit materiellen Text-Konstruktionen begründe, Sprache nenne, sagt etwas darüber aus, dass ich „Sprache“ mindestens in bestimmten Hinsichten auch konstruktiv und nicht nur funktional verstehe.(9)

Wenn ich das Symbol „hammer“ für mich herstelle, weiss ich nicht nur vorweg, was ich herstelle, sondern im Nachhinein auch, wozu ich das Wort geschrieben habe. Anderen Menschen mag ein Aspekt des Zweckes, den ich mit diesem Gegenstand verfolge, zunächst verborgen bleiben. Ich aber weiss, weshalb ich den Gegenstand so herstelle und wie er seinen – doppelten – Zweck erfüllt.

Mit Text steure ich das Lichtmuster, das in das Auge des Lesers fällt. Die Funktion von Text besteht darin, dem Beobachten eine unendliche Menge von möglichen Mustern zu geben. Darin sehe ich die primäre Gegenstandsbedeutung von Text. Ich komme später ausführlich darauf zurück, wenn ich die Entwicklung der Schrift beschreibe. In dieser Hinsicht dient Text als Zeichenkörper anstelle von mit Händen winken oder Zurufen. Als Zeichen ist Text eine im Produkt geronnene Tätigkeit. Das Winken ist nicht mehr sichtbar, wenn mit der Tätigkeit aufgehört wurde, Text bleibt als hergestelltes Produkt eine Zeitlang erhalten.

Text dient mir als externes Gedächtnis. Mit „hammer“ referenziere ich den Hammer. Nachdem ich diese Zuordnung zwischen „hammer“und Hammer gemacht habe, muss ich den Gegenstand „hammer“ hinreichend adäquat herstellen, damit er seine Funktion erfüllen kann. Aber ich muss ja auch einen Hammer oder ein Brücke hinreichend adäquat herstellen, damit sie ihre Funktionen erfüllen.

Der Text, den ich hier herstelle, ist nicht deshalb eine Theorie, weil es ein Text ist. In der umgangssprachlichen Verkürzung wird ja sogar vom Textsein der Theorie abstrahiert. Theorie erscheint dann als etwas Immaterielles oder Geistiges. Wenn ich beispielsweise ein Brücke aus Steinen herstelle, ist die Brücke auch nicht eine Brücke, weil sie aus Steinen besteht, sondern weil die Steine auf ganz bestimmte Weise angeordnet sind. Natürlich könnte man sagen, dass die Brücke etwas Geistiges ist und dass die Steine nur das Material liefern. Dann würde man einfach andere Kategorien verwenden, als ich es tue, wenn ich von einer Brücke spreche. Als Theorie bezeichne ich nur bestimmte Texte. Sie können so verschieden sein, wie auch Brücken verschieden sind, aber es müssen Theorien sein.

Dass ich Wiederholungen und Überschneidung mit meinem Konzept in Kauf nehme, hat auch damit zu tun, dass meine Theorie wie das Konzept ein Text ist. Wäre mein Projektgegenstand beispielsweise eine Brücke, würde ich Teile des Konzeptes im Bauplan, der eine Abbildung ist, wiederholen. Die Brücke aber wäre keine Abbildung einer Brücke, sondern eine Brücke. Meine Theorie dagegen hat die Funktion einer Abbildung, sie ist wie das Konzept eine Beschreibung. Ich beschreibe die Kategorien, die ich beim Beobachten verwende.

Als Reflexion bezeichne ich meine Theorie, weil ich in ihr lesen kann, was ich beim Schreiben mehr oder weniger bewusst mache. In einem metaphorischen Sinn repräsentiert die Theorie ein Spiegelbild, welches ich mit dem gespiegelten Gegenstand vergleichen kann, weil ich beides vor Augen habe.

In meiner Theorie setze ich voraus, dass ich beobachtend mehr oder weniger bewusst auswähle, was ich beobachte. Ich bin keine Kamera obscura, ich sehe bei weitem nicht alles, was sichtbar vor meinen Augen steht. Keine Wirklichkeit zwingt mich, etwas Bestimmtes zu beobachten. Ich beobachte, was mich interessiert. Und was mich auf welche Weise interessiert, kann ich erkennen, wenn ich mein Beobachten im Hinblick auf Kategorien beobachte.

weiter zu Die Wahl der Beobachtung


[1] Charakteristikum dieser Tätigkeit ist ihre Vergegenständlichung, ihr „Erlöschen“ im Produkt, wie K. Marx es ausdrückt. Er schreibt im „Kapital“: „Was auf seiten des Arbeiters in der Form der Unruhe erschien, erscheint nun als ruhende Eigenschaft, in der Form des Seins.“ Und wir lesen weiter: „Während des Arbeitsprozesses setzt sich die Arbeit beständig aus der Form der Unruhe in die des Seins, aus der Form der Bewegung in die der Gegenständlichkeit um.“ (Marx: Das Kapital, S. 195 und 204)

[2] G. Bateson stellt sich die Frage ganz anders. Er macht den Vorschlag, sich anhand eines frisch gekochten Krebses zu überlegen, woran wir erkennen, ob ein Gegenstand ein Artefakt oder Natur sei (Geist und Natur:14). Und er gibt kategoriell auch eine ganz andere Antwort. Er erkennt ein „schliesslich leeres“ rekursives Muster, das sich durch die ganze Natur hindurchziehe und diese erkennbar mache. Man kann nicht beschreiben, worin dieses Muster besteht, man erkennt es, weil man ihm selbst unterliegt, als analog zum eigenen Muster. Ein Pferd hat auch ein Skelett wie ich, die Vorderbeine sind wie die Hinterbeine, usw. Er beobachtet nich sein Tun, sondern ein naturgegebenes Muster.
G. Bateson fragt: Gibt es ein Muster, das allen Lebewesen gemeinsam ist? Ökologie des Geistes)


last update: 7. 8.2017

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