Mein Theorie Projekt ( Meine Theorie): Die Wahl der Beobachtung

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Als Beobachten bezeichne ich das implizite Bezeichnen von Unterscheidungen, wenn ich beschreibe, was ich beobachte. Ich beobachte immer etwas Bestimmtes, das ich als Referenzobjekt der Beobachtung bezeichne. Indem ich sage, was ich beobachte, bestimme ich das Objekt. Dabei unterscheide ich das Objekt von seiner Umwelt. Wenn ich das Objekt beschreibe, bezeichne ich, wie das Objekt ist, aber gleichzeitig auch, wie es nicht ist. Ich kann beispielsweise von einer Brücke sagen, brueckedass sie mit Steinen gebaut wurde. Dabei wähle ich die Brücke als eine Einheit und sage etwas, über das Material, aus welchem sie besteht. Implizit spreche ich dann nicht von einem Brückenpfeiler oder etwas ganz anderem und sage nicht, die Brücke bestehe aus Stahl oder einem noch anderen Material. Die Wahl des Gegenstandes, über den ich etwas sage, und die Wahl der Eigenschaft, die ich beim Beschreiben thematisiere, sind Aspekte meiner Beobachtung. Ich könnte etwas anderes beobachten, oder eine andere Eigenschaft derselben Brücke, etwa, ob es eine Hängebrücke ist. Mein Beobachten mag beliebig scheinen, aber ich habe natürlich jeweils – mehr oder weniger bewusst – gute Gründe.

Als eigentliche Beobachtung bezeichne ich meine jeweilige Beschreibung in schriftlicher Form. Wenn ich nur sage, was ich beobachte, habe ich die Beobachtung nicht vollbracht, wie wenn ich nur wahrnehme, ohne zu bezeichnen. Es gibt in der Philosophie viele Spekulationen, ob Menschen ohne Sprache denken oder wahrnehmen können. Solche Fragen interessieren mich hier nicht, was einfach heisst, dass ich etwas anderes beobachte. Ich unterscheide schreiben und sprechen, und ich verwende den Ausdruck beobachten im eigentlichen Sinn nur für schreiben, weil ich das Schreiben als die primäre Sprachform begreife. Im Sprechen sehe ich eine flüchtige Ersetzung des Schreibens. Wenn ich jemanden sprechen höre, höre ich nur, dass er einzelne Wörter sagt, weil ich die Wörter unterscheide, während im Gehörten zwischen den Wörtern kaum Pausen zu hören sind.

Ich beobachte das Schreiben, indem ich einen Text über das Schreiben herstelle. In diesem Text, der zu meinem Buch über das Schreiben wird, bestimme ich das mit Schreiben bezeichnete Referenzobjekt und die Aspekte, durch die ich dieses Objekt charakterisiere. Hier geht es mir zunächst darum, die Beobachtung, die ich beobachte, etwas zu erläutern, indem ich eine Zusammenfassung oder ein Konzept des Buches mache, damit diese Theorie auch ohne das Buch über das Schreiben gelesen werden kann. Ich schreibe also ein Konzept zum Projekt „meine Theorie“ und innerhalb dieses Theoriekonzeptes ein Konzept zu meinem Text über das Schreiben.

Als Schreiben bezeichne ich – nicht nur in diesem Text, sondern generell – das Herstellen von Text. Beim jedem Herstellen treffe ich zwei Unterscheidungen, ich wähle ein Material und eine Form. Es macht keinen Sinn, das ein vor dem andern zu entscheiden, Material und Form sind Aspekte des je hergestellten Artefaktes. Beim Schreiben kann ich beispielsweise aus Graphit Buchstaben, Wörter und Text formen. Das hergestellt Artefakt hat als Worte immer eine doppelte Bedeutung, so dass ich zwei Zwecke unterscheiden kann, die funktionale Aspekte sind: Den Text als Gegenstand und den Text als Symbol. Gemeinhin interessiert das Symbol, während der materielle Gegenstand ignoriert wird.

Als Text bezeichne ich jede durch eine Grammatik generierte Menge von Zeichenketten, unabhängig davon, wozu ich sie verwende. Als Texte sind sich ein Computerprogramm und ein Liebesbrief gleich. Wenn ich schreibe – egal wozu und was ich schreibe – stelle ich ein Artefakt her, indem ich Material forme. Die Form von Text ist vielfältig bestimmt, zuletzt dadurch, was ich in welcher Sprache wie sagen kann. Davor aber halte ich mich an die Vorgaben einer jeweils von mir gewählten Schrift. Jede mir bekannte Schrift beruht auf Schriftzeichen, die ich der jeweiligen Grammatik gemäss anordnen muss.

Symbole kann ich nicht anders als in Form von materiellen Gegenständen herstellen. Und dass Symbole nicht nur Symbole für mich sind, kann ich gar nicht herstellen. Ich kann nichts dafür, dass andere meine Texte auch lesen können – ausser eben, Texte herzustellen und weiterzugeben.

Ich beobachte nicht Texte, sondern die Herstellung von Text. Text ist dabei ein expemplarischer Gegenstand, den ich verwende, um das Herstellen konkret zu begreifen.

weiter zu: Gegenständliche Tätigkeit


last update: 11. 8.2017

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