Kategorie und Theorie

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Meine grundlegende Kategorie ist also das gegenständliche Herstellen. Als gegenständliches Herstellen bezeichne ich dabei jene Tätigkeiten, die Material formen und dabei einer technischen Entwicklung unterliegen, in welcher Werkzeuge durch Maschinen und Automaten ersetzt werden. In meinem Text über das Schreiben, mit welchem ich meine Theorie begründe, beobachte ich das Herstellen von Text. Beim Herstellen von Text forme ich verschiedene Materialien wie etwa Tinte oder Kreide mit verschieden entwickelten Werkzeugen wie Bleistift, Schreibmaschine oder Computer.

Indem ich das Herstellen als gegenständliche Tätigkeit an den Anfang stelle, stelle ich mich oder genauer mein Tun ins Zentrum. So wie kein Physiker erklären kann, weshalb ein Apfel vom Baum fällt, oder anders formuliert, weshalb sich Massen anziehen, kann ich – in meiner Theorie – nicht erklären, wieso Gegenstände hergestellt werden, weil ich darin den Grund für alles andere sehe. So wie die Naturwissenschaften eine gottgegebene Natur voraussetzen, setze ich das Herstellen von Gegenständen voraus. Was immer ich beobachte, beobachte ich als – wie auch immer abgeleiteten – Aspekt des Herstellens.[1]

Durch die Kategorie des Herstellens unterscheide ich Hergestelltes von nichthergestellter Natur.[2] Als Natur, zu welcher ich selbst auch gehöre, erscheint mir die materielle Voraussetzung meines Herstellens, die nur kybernetisch bestimmt, was ich herstelle, indem sie viele Gegenstände, die ich herstellen möchte, nicht zulässt oder verhindert.[3] Natur kann ich weder herstellen noch erklären. Ich kann verstehen, inwiefern sie mein Herstellen zulässt und was sie meinem Herstellen entgegensetzt. Natur erscheint mir als komplementärer Aspekt des Herstellens.

Ich beobachte das gegenständliche Herstellen nicht als Reaktion auf irgendwelche Ursachen, sondern als Ursache überhaupt. Als Ursache bezeichne ich in diesem Kontext nicht eine Differenz zur Wirkung, sondern die erste Sache meines Beobachtens, auf die ich alle meine Beobachtungen beziehe. Ich beobachte – wie früher schon erläutert – auch das Beobachten als gegenständliche Tätigkeit und mich selbst wie andere Menschen als Subjekte dieser Tätigkeit im engeren Sinne des Wortes. Als Subjekt bezeichne ich hier mein eigenes Unterstelltsein unter jene Kategorien, die ich mir durch meine Theorie bewusst mache.

Umgangssprachlich bezeichne ich Menschen als Subjekte der gesellschaftlichen Machtverhältnisse. In diesem Sinne bin ich Subjekt einer Verfassung, in welcher die herrschenden Verhältnisse, die als Gesetze beschrieben sind, mit Gewalt durchgesetzt werden. Virtuelles Subjekt der Verfassung bin ich, weil ich die gesellschaftlich anonymisierten Sichtweisen virtuell teilen muss, weil deren Verletzung mit Sanktionen verbunden sind. Dabei geht es nicht darum, dass gesetzwidriges Verhalten bestraft wird, sondern darum, dass ich durch die institutionalisierte Erziehung zur mindestens virtuellen Übernahme der Sichtweisen gezwungen werde. Als Schüler beispielsweise muss ich die vorgegeben Sichtweisen reproduzieren, um hinreichend gute Bewertungen zu erhalten.

Als Physik beispielsweise bekam ich in der Schule die Vorstellung, dass der Apfel vom Baum fällt oder anders formuliert, dass sich Massen anziehen. In dieser Vorstellung komme ich selbst nicht (oder nur als Masse) vor, obwohl ich es bin, der sich diese Sache vorstellen muss. Als Biologie bezeichne ich die Vorstellung, dass ich Hunger habe oder anders formuliert, dass ich stoffwechseln muss. In dieser Vorstellung komme ich zwar vor, aber nicht so, dass ich bezüglich der Vorstellung eine Zuständigkeit hätte. F. Freud schrieb, dass solche wissenschaftlich genannten Lehren den Verstand des Menschen dadurch kränken, dass sie ihm seine Bedeutungslosikeit vor Augen führen.[4] Mir aber führt solche Wissenschaft – wenn ich über meine eigene Theorie nachdenke – vor allem eine Perspektive vor, in welcher ich als Mensch – unmittelbar – auf eine gottgegebene Welt reagiere, wobei sogar mein Reagieren noch von gottgegebenen Genen abhängig sein soll.

A. Leontjew bezeichnet diese Perspektive mit seinem Unmittelbarkeitspostulat, nach welchem die Menschen wie Tiere unmittelbar auf Einwirkungen aus der Umwelt zu reagieren scheinen. Tätige Menschen dagegen reagieren auf Bedingungen ihrer Tätigkeit, was A. Leontjew als Vermittlung zwischen den menschlichen Motiven und der vermeintlich gegeben Umwelt bezeichnet.[5] Der Ausdruck Vermittlung ist ambivalent, weil damit nicht gemeint ist, dass Menschen – wie vermittelt auch immer – auf eine gottgegeben Natur reagieren, sondern dass sie sich selbst und ihre Umwelt durch ihre Tätigkeit vermittelt schaffen und entwickeln.

Ich erläutere diese Vermittlung anhand eines – in diesem Theorie-Projekt naheliegenden – Beispiels, nämlich anhand des Telefons. Dazu erläutere ich zunächst, was ich hier als Telefon bezeichne. Umgangssprachlich wird mit dem von P. Reis geprägten Ausdruck oft das Gerät bezeichnet, das die Benutzer beim Telefonieren unmittelbar vor Augen oder in der Hand haben. Hier ist aber die Technik insgesamt gemeint, die beim Telefonieren benutzt wird. Diese Technik wird heute gemeinhin als Internet bezeichnet und ist eigentlich die grösste Maschine der Welt. Der Ausdruck Telefon bezeichnet als Kunstwort die Fiktion, wonach „Töne“ in die Ferne übertragen werden. Übertragen wurden aber zunächst ausschliesslich elektrische, später auch elektromagnetische Signale, die vor Ort zur Steuerung von Schallwellen verwendet werden. Bereits vor der vermeintlichen Tonübertragung wurde das technische Netzwerk als Telegraf für die Übermittlung von „Text“ verwendet, wobei natürlich auch kein Text sondern Signale gesendet wurde. Telefon ist ein funktionaler Eigenname dafür, dass vermittelst dieser Technik mit einem nicht anwesenden Menschen in der Ferne gesprochen werden kann. Gesprochenes überwindet immer eine Distanz. Wenn ich mit anwesenenden Menschen spreche, gehen die Signale als Schallwellen vom Mund zum Ohr des jeweils anderen. „Tele“ kann in diesem Sinn als Hinweis auf Distanzen verstanden werden, die ich ohne technische Mittel sprechend nicht überwinden kann.

Als Technik hat das Telefon eine lange Geschichte, die wohl mit den Kommunikationsschkommunikationsschnurnüren von S. Gray ihren Anfang genommen hat. S. Gray hatte nasse Hanfschnüre als Stromleiter verwendet und dabei den Ausdruck Kommunikation in die Technik gebracht. Die Hanfschnur wurde in einem Klostergarten von Mönchen gehalten. Der letzte Mönch musste dann jeweils rufen, wenn ein Stromstoss bei ihm angekommen war. Es ging dabei wohl darum zu zeigen, dass Strom durch ein Kabel fliesst, nicht darum dem Mönch eine Nachricht zu schicken. Der Mönch schickte dann die Nachricht, dass der Strom bei ihm angekommen war durch Rufen, also nicht als elektrisches Signal. S. Gray hat eine Stromleitung hergestellt, die funktionierte. Diese Stromleitung wurde dann immer weiter entwickelt. Zusammen mit Mikrofon und Lautsprecher wurde die Leitung zum Telefon und zusammen mit Computern zum Internet.[6]

Hier interessiert mich die Leitung als hergestellte Übertragungsart. Es geht also nicht darum, dass die eigentliche Leitung, die zunächst eine nasse Schur und später ein Kupferdraht war, ein hergestellter Gegenstand ist, sondern darum, dass die Übertragung auf hergestellten Gegenständen beruht. Wenn anstelle einer Schnur, die elektrische Signale weiterleitet, der Funkäther elektromagnetische Signale transportiert, sind andere Sender und Empfänger im Spiel, aber es sind hergestellte Geräte. Wenn der Mönch dagegen ruft, dass das Signal bei ihm angekommen ist, ist kein Gerät im Spiel, obwohl ich seine Organe analog zu technischen Geräten begreife, wenn ich über deren Funktionsweise spreche.

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[1] In der Soziologie hat N. Luhmann die Kategorie Kommunikation vorgeschlagen. Er schreibt dazu: Es gibt Systeme. „Die folgende Ueberlegungen gehen davon aus, dass es Systeme gibt.“ (Soziale Systeme: 30). …und auch … „Die Aussage ‚es gibt Systeme‘ besagt also nur, daß es Forschungsgegenstände gibt, die Merkmale aufweisen, die es rechtfertigen, den Systembegriff anzuwenden; so wie umgekehrt dieser Begriff dazu dient, Sachverhalte herauszuabstrahieren, die unter diesem Gesichtspunkt miteinander und mit andersartigen Sachverhalten auf gleich/ungleich hin vergleichbar sind.“ (Soziale Systeme: 16).

[2] G. Bateson macht am Anfang seines Buches Geist und Natur den Vorschlag, sich anhand eines frisch gekochten Krebses zu überlegen, woran wir erkennen, ob ein Gegenstand ein Artefakt oder Natur sei. Er postuliert im Buch, dass wir Natur an einer Art Muster erkennen, welchem wir selbst unterliegen. Ich beobachte dagegen, dass ich Artefakte erkenne.

[3] Als Natur begreife ich mit einem Ausdruck von K. Marx meinen „unorganischen Leib“. Die Natur, die meinen Organismus umfasst, beobachte ich darin als Differenz, in welcher der Teil der Natur, der nicht zum Organismus gehört, als Material des Stoffwechsels zum Organismus gehört. Der Organismus fungiert so als Aspekt des natürlichen Stoffwechsels. Er beruht auf einer Autopoiese, in welcher er sich als organische Natur durch die Bildung einer Haut von seiner unorganischen Natur abgrenzt. (Marx-Lexikon)

[4] F. Freud, http://www.hyperkommunikation.ch/lexikon/kraenkungen.htmdrei Kränkungen

[5] A. Leontjew in seinem Buch Tätigkeit, Bewusstsein, Persönlichkeit

[6] Natürlich gehört neben einigen anderen Dingen immer auch die Stromproduktion zu dieser Maschine.


last update: 4. 9.2017

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