Schreiben und Sprechen

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Weil ich meine Theorie anhand eines Textes über das Schreiben entwickle, zeige ich hier wie die Kategorie der gegenständliche Tätigkeit auch die naturwüchsige Vorstellung, wonach Menschen gesprochen haben, bevor sie geschrieben haben, problematisiert.

Schreiben hat als gegenständliche Tätigkeit auch einen Sinn, wenn es keine Sprache und mithin noch keine anderen Menschen als Adressaten gibt. Am Anfang der Entwicklung ist Schreiben wohl noch nicht das passende Wort, aber ich kann mir durch Striche, beispielsweise als Kerben in Erinnerung behalten, was ich damit verbinde.[1] Dazu muss ich weder eine Sprache haben noch muss jemand anderer meine Striche verstehen oder schreibeninterpretieren können. Wenn ich mit dieser Technik einmal angefangen habe, kann ich die Striche für verschiedene Erinnerungen variieren. Die Vorstellung, wonach das Schreiben mit Strichen angefangen hat, ist Commonsense. Gemeinhin wird dabei aber unterstellt, dass vor allem auch für andere geschrieben wurde und dass sich die Schreibenden sprechend über die Bedeutung ihrer Striche verständigt hätten. Ich kann keinen plausiblen Grund dafür sehen, dass sich das Sprechen vorab entwickelt hat, nur weil Kleinkinder sprechen lernen bevor sich schreiben lernen. Hier geht es aber wiederum nicht darum, was wirklich der Fall war, sondern darum, was ich durch welche Kategorien beobachte.

Das Herstellen von gegenständlichen Zeichenkörpern und deren Entwicklung zu ikonischen Hieroglyphen bedarf keiner sozialen Vereinbarung und keiner interpersonalen Kommunikationsabsichten. Es ist eine gegenständliche Tätigkeit, die anfänglich nicht einmal Werkzeug braucht, die aber als Keimform der Textherstellung fungiert, auch wenn für das eigentliche Schreiben sehr viel mehr Voraussetzungen erfüllt sein müssen.

Ich will hier nur einen Aspekt hervorheben, der eine Priorität des Schreibens nahelegt. Sprachliche Ausdrücke bestehen aus Wörtern, Wörter sind diskret. Wenn ich jemanden sprechen höre, höre ich eine kontinuierliche Tonfolge, in welcher ich die einzelnen Wörter selbst unterscheiden muss, weil sie nicht wie in einem Text durch Leerstellen getrennt sind. Wörter sind überdies digitale Symbole, das heisst, sie müssen vereinbart werden, weil man ihnen nicht wie etwa bei konventionellen Zeichnungen ansieht, wofür sie stehen. Wenn ich die Rekonstruktion der Genesis der Sprache mit hergestellten Zeichenkörpern beginne, die mir selbst dienen, beginne ich mit diskreten Gegenständen, deren Bedeutung digital ist.[2] Solchen Zeichenkörpern kann ich ohne weiteres Laute zufügen, die ihren Sinn genau dann bekommen, wenn andere Menschen erkennen, wofür meine hergestellten Zeichenkörper stehen, weil sie dann auch die Zuordnung von Lauten nachvollziehen können. Hingegen ist extrem unwahrscheinlich, dass aus Laute wie Bellen oder Grunzen sprachliche Zeichen werden sollen. Das ist wohl auch ein Grund dafür, dass Affen nicht sprechen.[3] Ob Schreiben oder Sprechen zuerst auftraten, kann ich historisch nicht belegen, weil ich davon keinerlei Zeugnis erkennen kann. Allerdings geht es hier nicht darum, zu entscheiden, was historisch der Fall war, sondern darum zu zeigen, inwiefern Kategorien für Theorien, also dafür, was ich wie sehen kann, grundlegend sind. Mit der Kategorie der gegenständlichen Tätigkeit beobachte ich nicht naiv historisch, sondern eine logisch-genetische Entwicklung der Sache.

Ich beobachte überdies, dass ich die Entwicklung des Sprechens nicht beobachten kann. Ich kann annehmen, dass irgendwann in der Vorzeit das Sprechen zu den Menschen gekommen ist. Soweit ich aber zurücksehen kann, hat es sich nicht mehr verändert, genau wie das Bewusstsein und das Denken. Ich weiss zwar viel mehr als Aristoteles, aber ich glaube nicht, dass ich besser sprechen oder denken kann als er das gekonnt hat. Was ich mehr weiss als er betrifft die technologische Entwicklung. Ich schreibe wohl in vielen Hinsichten klüger als er[4], aber ich verwende beim Schreiben andere Werkzeuge als er. Das Schreiben dagegen unterliegt einer technischen Entwicklung, die ich als Zweck-Mittel-Verschiebung weitgehend rekonstruieren kann.

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[1] Man kann sich natürlich auf sein Gedächtnis verlassen. Aber Kopfrechnen zeigt die Grenzen im Vergleich zum Schreiben. Eichhörnchen verzichten ganz darauf sich zu erinnern, wo sie ihre Nüsse versteckt haben. Wenn sie diese Nüsse brauchen, schauen sie einfach dort, wo sie aktuell Nüsse verstecken würden.

[2] D. Zimmer schreibt: „Es entstanden ungezählte, teils gelind absurde Theorien, später meist auf farbige Spitznamen getauft. Die Wauwau-Theorie: Ihr zufolge ahmte die menschliche Sprache in ihrem Ursprung natürliche Laute nach, zum Beispiel Hundebellen. Die Aua-Theorie: Sprache wäre aus stark gefühlsbetonten Ausrufen hervorgegangen. Die Hauruck-Theorie: Am Anfang der Sprache stünden die Ausrufe bei gemeinsamer anstrengender körperlicher Arbeit. Die Bimbam-Theorie: So wie jedes Ding eine natürliche Resonanz habe, so bringe auch jeder Eindruck im Kopf einen charakteristischen Laut hervor. Die Tata-Theorie: Die Zunge mache die Handbewegungen der Gebärdensprache (etwa des Winkens) nach. Die Trarabumm-Theorie: Sprache habe mit rituellen Tänzen und Beschwörungen begonnen. Sie alle und viele mehr hatten denselben Fehler: Sie konnten ebensogut richtig wie falsch sein. Vielleicht gerade darum war die „Glottogenese“, die Sprachentstehung, das Lieblingskind der Spekulierer. Die Pariser Sprachgesellschaft erwehrte sich ihrer, indem sie 1866 in ihren Statuten die Annahme von Sprachentstehungstheorien (sowie von Vorschlägen für Weltsprachen) rundheraus verbot. Aber so sehr die glottogeneosche Spekulation unter Wissenschaftlern auch in Verruf geriet: die Menschen konnten es niemals, lassen.“ (So kommt der Mensch zur Sprache).

[3] Es gibt viele Belege dafür, dass Affen mit geschriebenen Wörtern gut umgehen können, weil das diskrete Zeichen sind, die sich per Dressur vereinbaren lassen. Nur können Affen solche Gegenstände nicht herstellen.

[4] Was Aristoteles beispielsweise über Sklaven geschrieben hat, zeigt mir, dass er nicht nur technologisch einen anderen Horiziont hatte als ich. Das hat aber mit dem Schreiben im Sinne der Textherstellung so wenig zu tun wie mit grammatikalisch und stilistisch korrekten Formulierungen.


last update: 17. 9.2017

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Eine Antwort zu “Schreiben und Sprechen

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