Zweck-Mittel-Verschiebung

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Alles, was Menschen verwenden und in irgendeiner Form der Produktion unterliegt, bezeichne ich als Lebensmittel oder als Mittel zum Leben. Sauerstoff in der Luft und Wasser aus dem Bach sind in diesem Sinne keine Lebensmittel, weil ich sie jenseits einer tätigen Vermittlung verwende. Zu Mitteln werden mir die Mittel, wenn sie in eine Zweck-Mittel-Verschiebung einbinde. Als Zweck-Mittel-Verschiebung bezeichne ich eine spezifische Entwicklung, in welcher Mittel zu neuen Zwecken werden, die ihrerseits nach Mitteln „rufen“. Die Bestellung des Ackers beispielsweise hat nach pflug1.pngdem Pflug als Mittel „gerufen“. Der Pflug wurde zum Zweck in der Schmiede. Die Schmiede verlangte nach Werkzeugen. Die Werkzeuge nach Werkzeugmaschinen. Werkzeugmaschinen verlangen Konstruktionspläne.

Die Technik entfaltet sich durch eine Zweck-Mittel-Verschiebung. Jede Entwicklungsstufe der Technik erklärt, was zuvor noch in den jeweiligen Tätigkeiten aufgehoben war. Maschinen zeigen, dass Werkzeuge von Hand bewegt werden müssen, Automaten zeigen, dass Werkzeuge und Maschinen von Hand gesteuert werden müssen. Natürlich muss ich keine Maschine kennen, um zu merken, dass ich den Hammer und die Sichel von Hand bewege. Aber die Maschine zeigt mir, dass ich meine körperliche Energie nur brauche, wenn ich keine Maschine habe.[1]

Automaten sind die aktuell entwickelsten Werkzeuge. So wie der Mensch den Schlüssel zum Verständnis der tierischen Evolution darstellt, bilden Automaten den Schlüssel zum Verständnis der Entwicklung der technischen Produktion. Sie zeigen im Nachhinein wohin sich Werkzeuge entwickeln, also welche Potentiale den Werkzeugen als Keimform innewohnen. Automaten bestimmen die Kategorien, unter welchen ich die technologische Entwicklung beobachte.

Ich verstehe diese Entwicklungsgeschichte theoretisch als Alternative zu Evolutionstheorien der Technik. In Evolutionstheorien wird eine andere Art der Differenzierung und ein anderer Prozess beschrieben. Die Zweck-Mittel-Verschiebung bringt nicht höher entwickelte Exemplare derselben Art hervor, sondern andere Arten. Die Evolution der Fauna zeigt sich in immer höherentwickelten Tieren, aber es bleiben Tiere.[2] Die Evolution der Fahrzeuge zeigt sich in immer entwickelteren Fahrzeugen, die aber eben Fahrzeuge sind. Die Zweck-Mittel-Verschiebung – die es in der Natur „natürlich“ nur in einem differentiellen Sinne gibt – bringt Vertreter anderer Kategorien hervor. Ein Pflug ist kategorial etwas anderes als eine Maschinenfabrik oder als ein Konstruktionsplan.

In der Tierwelt beispielsweise kann ich evolutionstheoretisch neue Funktionen erkennen, etwa dass bestimmte Tiere fliegen können, weil sie Flügel haben. Die Flügel der Insekten sind aber gemäss der Evolutionsgeschichte nicht zum Fliegen „erfunden“ worden, weil es in der Evolution weder einen entsprechenden Bedarf noch einen Erfinder gibt. Die Körperteile der Insekten, die ich jetzt als Flügel bezeichne, haben dazu geführt – hatten den Effekt -, dass die Insekten fliegen können. Als Effekt bezeichne ich das „Fliegenkönnen“, weil es keiner Intention entspricht und nicht Folge einer Zweckursache ist. Diese Geschichte wird gemeinhin so erzählt, dass sich anfänglich eine Körperoberflächenvergrösserung evolutionär bewährte, weil damit mehr Wärme aufgenommen werden konnte. Die Ausstülpungen bewährten sich dann als „Falschirme“ beim Springen, was eine Art Übergang zum Fliegen darstellt. Schliesslich ergaben sich eigentliche Flügel als Selektionsvorteil. So wird wird beschrieben, wie Flügel allmählich und ohne vorausgesetzten Zweck – evolutionär – entstehen konnten.

Das Fliegenkönnen mag ein Wunsch – kein Bedürfnis – von Menschen gewesen sein, als sie noch nicht „fliegen“ konnten. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Menschen quasi evolutionsgeschichtlich darauf hofften, ihnen würden eines Tages Flügel wachsen. O. Lilienthal, einer der Erfinder des Flugzeuges, schrieb anfänglich irritiert durch die Metapher des „Fliegens“, die er mitbegründete: „Mit welcher Ruhe, mit welcher vollendeten Sicherheit, mit welchen überraschend einfachen Mitteln sehen wir den Vogel auf der Luft dahingleiten! Das sollte der Mensch mit seiner Intelligenz, mit seinen mechanischen Hilfskräften, die ihn bereits wahre Wunderwerke schaffen liessen, nicht auch fertigbringen? Und doch ist es schwierig, ausserordentlich schwierig, nur annähernd zu erreichen, was der Natur so spielend gelingt“. Die in der nicht bewussten Metapher begründete Verwechslung zwischen Fliegen und in einem Flugzeug sitzen ist offensichtlich. Flugzeuge sind kein Produkt einer Evolution und sie imitieren im Unterschied zum schliesslich abgestürzten Ikarus keineswegs Insekten oder Vögel. „Mit überraschend einfachen Mitteln auf der Luft dahingleiten“ sehe ich keine Vögel, sondern die – wenn man überhaupt Vergleiche anstellen wollte – extrem primitiven Gleiter, die O. Lilienthal konstruiert hat.

Auf die wirkliche Konstruktionstätigkeit bezogen, schrieb er aber bereits während der langjährigen Entwicklungsphase des Flugzeuges, also lange bevor die ersten Flugzeuge geflogen sind: „Ob nun dieses direkte Nachbilden des natürlichen Fluges (des Vogels) ein Weg von vielen oder der einzige ist, der zum Ziel führt, das bildet heute noch eine Streitfrage. Vielen Technikern erscheint beispielsweise die Flügelbewegung der Vögel zu schwer maschinell durchführbar, und sie wollen die im Wasser so liebgewonnene Schraube auch zur Fortbewegung in der Luft nicht missen“. Sehr tiefschürfend konnte dieser Streit nicht gewesen sein, haben sich doch bislang immer die Ingenieure durchgesetzt, die die Natur nicht imitierten, sondern wie im Falle der „liebgewonnenen Schraube“, die mittlerweile nur noch in der Luft Propeller heisst, ein Mittel gefunden haben, das dem gesetzten Zweck diente. Überdies gibt uns die Natur, wie man sich etwa anhand des Schiffes bewusst machen kann, für die meisten Produkte, die wir bauen, überhaupt keine Vorbilder. Schwimmen überhaupt war nie eine Motivation für Ingenieure, und wenn wir nur wie Vögel fliegen könnten, hätten wir mehr Spass als Transportkapazität gewonnen.[3]

Die Zweck-Mittel-Verschiebung beschreibt etwas, was Menschen tun, nicht etwas, was sie wie die Evolution nur erleiden. Durch die Zweck-Mittel-Verschiebung, das zeigt der Propeller, werden Mittel generiert, die auch auf andere Zwecke übertragen werden können, während die wunderbare „Erfindung“ der natürlichen Flügel von anderen Lebewesen nicht übernommen werden kann. Was zunächst als Mittel für einen Zweck erscheint, wird als Zweck zum Mittel für neue Zwecke. Der Teflonbelag aus der Raumfahrt wird zum Bratpfanenbelag. Die Zweck-Mittel-Verschiebung vervielfacht die Entwicklungschancen, weil jedes Mittel als neuer Zweck eine eigene Entwicklung durchlaufen kann. Ackerbau mit verschiedenen Pflügen, Pflüge mit verschiedenen Antrieben, Pflüge aus verschiedenen Herstellungsverfahren mit verschiedenen Werkzeugen aus verschiedenen Werkzeugmaschinen.

Unter dem Gesichtspunkt der herstellenden Tätigkeit beschreiben Evolutionstheorien eine Art der Herstellung ohne Hersteller. Die menschliche Intention wird in eine Götterwelt oder moderner in eine sich selbst organisierende Welt projiziert.[4] H. Maturana hat dafür den sinnigen Ausdruck Auto-Poiesis geprägt. Poiesis bedeutet in einer spezifischen Differenz zur Praxis das Herstellen, und Lebewesen erscheinen in dieser Projektion als hergestellte Dinge, die keinen Hersteller haben. H. Maturana spricht explizit von autopoietischen Maschinen und meint damit nicht wie KI-Phantasten Roboter, die sich selbst herstellen, sondern alle Lebewesen.[5]

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[1] Umgangssprachlich werden Maschinen und Kraftmaschinen, beispielsweise Motoren oft nicht unterschieden. Technologisch beruhen Maschinen aber auf Kraftmaschinen. Lange Zeit war der tierische Körper die einzige „Kraftmaschine“, die Sonnenenergie in Bewegung umwandeln konnte – bis Dampfmaschinen hergestellt wurden. Diese Energieumwandlung ist die eigentliche Revolution, die umgangssprachlich oft als industrielle bezeichnet wird.
Ich sehe hier davon ab, dass es davor bereits Anwendungen von Schiesspulver gab. Und Industrie verwende ich für die kapitalistische Produktion, nicht für die maschinelle.

[2] F. Engels spricht von einem dialektischen Grundgesetz, wonach die Quantität in Qualität umschlägt. Anschaulich meinte G. Hegel dazu, dass Eis, wenn man es erwärmt, zu Wasser und dann zu Dampf wird, was eben neue Qualitäten seien. Und analog dazu wird das Tier der Evolutionsgeschichte an einem bestimmten Punkt der Entwicklung zum Menschen. Als Quanität wurde später das Wachsen der grauen Hirnmasse nachgeliefert.

[3] Die Zitate von O. Lilienthal stammen aus Technische Intelligenz (1992), wo R. Todesco aus der Geschichte der Technik von F. Klemm (1983) zitiert.
„Der Streit dauert an. Die kanadische Firma Battelle hat nach eigenen Angaben 1992 ein Patent für einen Flügelkippmechanismus angemeldet, mit welchem ein Ornithoper genanntes Flugzeug wie ein Vogel fliegen kann (Battelle today, zit. in: Tagesanzeiger, Zürich, 24.10.92, 88). LeonardodaVinci wollte den Streit auch nicht entscheiden. Neben technisch begründeten Beispielen musste auch der Flug des Vogels als Beweis dafür herhalten, dass seine konstruktiven Überlegungen zum Fliegen richtig waren: ”Mit einem (bewegten) Gegenstand übt man auf die Luft eine ebenso grosse Kraft aus wie die Luft auf diesen. Du siehst, wie die gegen die Luft geschwungenen Flügel dem schweren Adler ermöglichen, sich in der äusserst dünnen Luft nahe an der Sphäre des feurigen Elements zu halten. Weiter siehst du, wie die bewegte Luft über dem Meere das schwer beladene Schiff dahinziehen lässt, indem sie die geschwellten Segel stösst und zurückgeworfen wird” (Leonardo, zit: Klemm, 1983,79).

[4] In seinem Roman Die Ästhetik des Widerstands beschreibt P. Weiss solche Projektionen in eine Welt, in welcher die Menschen als Erleidende, keineswegs nur Göttern ausgeliefert sind. Die Evolutionstheorie zeichnet nicht nur als Sozialdarwinismus seltsame Bilder des Menschen.

[4] H. Maturana bringt die Verdoppelung dieser Projektion schön auf den Punkt, wo er sagt, dass Chemie Kochen und Biologie Züchten sei, womit er herstellende Tätigkeiten im Sinne des Konstuktivismus ins Spiel bringt. Naturwissenschaften erscheinen dabei als ideologische Verklärung eines Engineerings, das die Welt herstellt. (Reality and Explanations, 1992)
Um Missverständnissen vorzubeugen: Mir gefällt die Vorstellung einer Autopoiesis sehr gut, hier geht es nur um die verwendete Sprache, die auf das Herstellen Bezug nimmt, obwohl das in keinster Weise gemeint sein kann.


last update: 28. 9.2017

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2 Antworten zu “Zweck-Mittel-Verschiebung

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