Material versus Materie

[ <– Material und FormInhaltsverzeichnisgegenständliche Form –> ]

Als Material bezeichne ich das, was ich durch gegenständliche Tätigkeit forme. Material bestimme ich in diesem Sinne operativ durch meine Tätigkeit, also nicht als eine Substanz, die ich jenseits meiner Tätigkeit beobachten könnte.[1] Ich unterscheide in demselben operativen Sinn verschiedene Materialien. Das je einzelne, konkrete Material bestimme ich durch Eigenschaften, die sich als Widerstände gegen meine Tätigkeiten beim Verwenden der Materialien zeigen. Materialien wie Bronze und Silber, oder allgemeiner wie Metalle sind in diesem Sinne Verdinglichungen von Eigenschaften, die ich – quasi-ontologisch formuliert – am Material wahrnehme. „Metall“ etwa bedeutet „glänzend, stromleitend, schwer, …“, „Silber“ bedeutet „Metall, helle Farbe, nicht oxidierend, …“ Materialbezeichnungen sind in diesem Sinne Sammelbezeichnung für eine Menge von Eigenschaften. Operationell verwende ich das Wort Metall genau dann, wenn ich mich auf den Träger der metalligen Eigenschaften beziehen will. Ich sage etwa: Dieses Schwert ist aus Holz, nicht aus Metall.

Die Eigenschaften, die ich dem Material zurechne, erkenne ich, wenn ich das Material oder den hergestellten Gegenstand verwende. Ich kann ein Messer aus Lehm, Holz oder Gold formen, wozu ich je verschiedene charakteristische haerteHandlungen unterscheide. Und ich kann praktisch erfahren, welches der Messer und mithin welche meiner Handlungen den Zweck am besten erfüllt. Dabei erkenne ich Eigenschaften, auf die ich achten muss. Ich merke beispielsweise, dass eine bestimmte Materialhärte beim Herstellen grössere Aufwände verursacht, aber für die Funktion des Gegenstandes nützlich ist. Die Härte bezeichne ich dann als eine Materialeigenschaft, die mich interessiert. Härte überhaupt oder als Kategorie würde mich nicht interessieren.

Wenn ich an einer bestimmten Eigenschaft interessiert bin, kann ich Material in dieser Hinsicht wählen und verarbeiten. Wenn ich Eisen will, muss ich es in einer spezifischen Tätigkeit aus dem Boden holen und das Holz, das ich verwende, war zuvor ein Baum, den ich fällen musste. Beim Herstellen interessiert mich aber weder der Boden noch der Baum, sondern das, was ich tun muss für das Material.

Material, das aus einer Verarbeitung folgt, bezeichne ich als Werkstoff. Stahlbleche haben eine Protoform, die noch keinem Gebrauch entspricht und die ich deshalb auch als Halbfabrikat bezeichne. Diese Halbfabrikate sind nicht „konstruiert“, ich verwende sie als Werkstoff für Konstruktionen. Ich forme aber auch beim Herstellen von Werkstoffen Material. Dabei interessiert mich die äussere Form nur sekundär, etwa so, wie die Form der Kuchenform beim Herstellen des Kuchenteiges.

Wenn ich Stahl oder Kuchenteig herstelle, stelle ich in gewisser Hinsicht die mich interessierende Eigenschaft des Materials her, indem ich Material umforme. Teig stelle ich her, indem ich Mehl, was auch ein hergestelltes Material ist, mit Wasser vermenge und knete. Stahl stelle ich her, indem ich Eisen und Kohle zusammen erhitze. In beiden Fällen verändere ich die äussere Form ohne dabei an der Form interessiert zu sein. In beiden Fällen interessiert mich ein Effekt des Umformens auf Materialeigenschaften. Wenn sich diese Eigenschaften ergeben haben, wähle ich eine Protoform, die sich für eine spätere Verarbeitung eignet. Die dabei entstehenden Eigenschaften bezeichne ich mit neuen Materialnamen. Stahl steht in diesem Sinn für relativ hartes Eisen, Teig für formbare Mehlmengen.

Ich kann Material in einer bestimmten Perspektive als Materie beobachten. Materie ist eine physikalische Kategorie. In der eigentlichen Physik spielt Material keine Rolle, weil Material dort ausschliesslich als Materie beobachtet wird. In den Materialwissenschaften wird Material zwar als Werkstoff begriffen, aber als Substanz gesehen, die weitgehend mit klassischer Physik beschrieben wird. Die klassische Physik beobachtet Körper mit Massen, die moderne Physik verwendet Materie als Kategorie oder noch viel mehr als Erklärungsprinzip, weil sie die Substanz der Masse nicht mehr vernünftig lokalisieren kann.[2] Materie hat natürlich keine Form, aber alles, was eine gegenständliche Form hat, wird als Materie oder äquivalent als Energie aufgefasst.

Gleichgültig wie fadenscheinig Materie in der Physik begriffen wird, es bleibt kategoriell eine ontologisch der Tätigkeit vorausgesetzte Substanz., während Material im hier gemeinten Sinne in der Physik eine Art Epiphänomen darstellt. Die Physik sagt über gesellschaftliche Verhältnisse und wie die Menschen ihre Umwelt entwickeln nichts Falsches, sondern gar nichts. Ich erkenne darin ein bewusstes Wegsehen, das durch die Wahl spezifischer Kategorien geleistet wird.

Das, was ich als Material bezeichne, kann tautologischerweise nur in einer – zwar beliebigen – Form erscheinen, weil es ja nur in einer Umformung erscheint. Das Referenzobjekt des Ausdruckes Bronze beispielsweise kann als Barren, Klumpen, Ohrring oder Statue, aber nicht ohne Form existieren.

Ich verwende den Ausdruck Form allerdings in zwei ganz verschiedenen Zusammenhängen. Zum einen spreche ich von der Form eines Gegenstandes, wenn ich von dessen Material abstrahiere, also nur den formenden Aspekt der herstellenden Tätigkeit beobachte. Den Ausdruck Form verwende ich aber auch in einem ganz anderen – formalen – Sinn für die Abstraktion des Gegenstandes selbst. Die gegenständliche Form beruht auf der Kategorie des Herstellens, die gegenstandslose Form dagegen ist wie die physikalische Materie eine fundamentale Kategorie, die Beschreibungen der Welt an sich begründet.

weiter zu gegenständliche Form


[1] Interessanterweise wird Material auch in der Wikipedia auf die Herstellung bezogen: „Material ist in der Fertigungstechnik ein Sammelbegriff für alles, was zur Produktion oder Herstellung eines bestimmten Zwischen- oder Endproduktes verwendet wird und in dieses Produkt eingeht oder verbraucht wird. Das Material umfasst gegebenenfalls Rohstoffe, Werkstoffe, Halbzeuge, Hilfsstoffe, Betriebsstoffe, Bauteile und Baugruppen.“

[2] In der Wikipedia steht: „In den Lehrbüchern der Physik wird er [der Materiebegriff] überwiegend ohne eine genauere Definition einfach vorausgesetzt.“ Mit etwas mehr Nachsicht würde man wohl sagen, dass die Physik auch eine Art operative Bestimmung verwendet, die sich als Messverfahren bezeichnen lässt.
Material hat so gesehen zwei Verallgemeinerungen: Materialien und Materie. Den Plural verwende ich, wenn ich auf die Verschiedenheit der Materialien verweisen will, von Materie spreche ich, wenn ich das – physikalisch – Gemeinsame hervorheben will.


last update: 17.10.2017

Werbeanzeigen

3 Antworten zu “Material versus Materie

  1. Pingback: Material und Form | Schrift-Sprache

  2. Pingback: Schrift-Sprache

  3. Pingback: gegenständliche Form | Schrift-Sprache

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s