gegenständliche Form

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Als Form bezeichne ich im Kontext der Herstellung von Artefakten in einem operativen Sinn genau das, was ich zeichnen kann. Jede Zeichnung repräsentiert eine perspektivische Form des gezeichneten Gegenstandes. Dreirissige Konstruktionszeichnungen sind in diesem Sinne idealtypische Zeichnungen der Form, während einfache Zeichnungen als analoge Abbildungen konventionell den Aufriss des Gegenstandes darstellen. Ein Kuchen etwa hat die Form der kuchenform1Kuchen besteht aus Kuchenteig. Das Kuchenblech besteht aus Metall. In der Zeichnung sehen beide gleich aus, weil ich beim Zeichnen vom Material abstrahiere.

Kuchenform. Die Kuchenform ist ein geformtes Blech. Der Form ist in diesem Sinne eine sinnliche Kategorie, die durch die Zeichnung formcharakterisiert ist. Die Zeichnung ist natürlich auch ein hergestellter Gegenstand mit einer Form. Wenn ich mit einem Bleistift zeichne, stelle ich einen dreidimensionalen Gegenstand aus Graphit her, der in einer bestimmten Weise dieselbe Form hat, wie der gezeichnete Gegenstand. Diese Gleichheit der Form besteht darin, dass ich – in einem operativen Sinn – mit meinen Augen dieselben Bewegungen, wenn ich den Umriss des Gegenstandes und dessen Zeichnung betrachte. Beim Lesen eines Stadtplans etwa mache ich mit den Augen die Bewegungen, die ich dann mit meinem Körper mache, wenn ich durch die Stadt gehe.[1] Und wenn ich zeichne, bewege ich den Schreibstift analog zu meinen der Form des Gegenstandes folgenden Augen.

Wenn ich einen Gegenstand herstellen will, mache ich zuerst eine Zeichnung vom intendierten Gegenstand und forme dann den Gegenstand so, dass er der Form der Zeichnung entspricht. Arbeitsteilig kann das Zeichnen und das Herstellen getrennt werden. Dabei dient die Zeichnung als Informationsträger für andere Menschen. Ich brauche aber – wie ich bereits bezüglich des Schreibens erläutert habe – keine soziale Vereinbarung und keine interpersonalen Kommunikationsabsichten, damit Zeichnen für mich einen Sinn macht. Im Unterschied zum Schreiben muss ich mir auch nicht – im Sinne einer Selbstvereinbarung – merken, wofür meine Zeichnung steht, weil ich das naturwüchsig wiedererkenne, wenn ich die Zeichnung betrachte. Zeichnungen sind analoge Abbildungen.

Die Zeichnung der Form eines Kuchens lässt offen, ob eine Kuchenform oder ein Kuchen dargestellt ist. Ein gezeichnetes Rechteck zeigt noch viel weniger als eine Kuchenform, welcher Gegenstand gemeint ist, weil sehr viele Gegenstände die Form eines Rechteckes haben. Natürlich kann ich ein Rechteck als solches erkennen, aber ich kann nicht sehen, was damit abgebildet ist, ich kann nur erkennen, dass es ein rechteckiger Gegenstand ist. Und wenn ich die Zeichnung eines seriellen Produktes, beispielsweise eines VW Käfers sehe, sehe ich nicht welcher Käfer damit abgebildet ist, weil sich diese Produkte hinreichend ähnlich sind. Von solchen speziellen Fällen abgesehen, kann ich jeden Hund zeichnen, aber nicht den Hund, den ich mit dem Wort referenziere. Die gegenständliche Form ist die Form eines konkreten materiellen Gegenstandes.

Jede Form, die ich zeichne, kann ich auf einen Vieleck-Kreis reduzieren, indem ich die Auflösung reduziere, also die Form nur grob angenähert zeichne. Jede gezeichnete Form ist ein geschlossenes Gebilde und trennt einen Inhalt von seiner Umwelt ab. Dass ich den Inhalt zeichend nicht bezeichne, also dessen Material nicht bestimme, bedeutet, dass mich das Material nicht interessiert, aber nicht dass es Gegenstände ohne Material gäbe.

Forts. folgt


[1] von Glasersfeld, Ernst: Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme. Frankfurt 1996, S. 163


last update: 3.11.2017

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Eine Antwort zu “gegenständliche Form

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