Bedarf und Bedürfnis

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Hier geht es darum, dass S. Gray eine Stromleitung hergestellt hat, die zuvor niemand brauchte oder wollte. Und auch vor der Erfindung des Telefons gab es kein Bedürfnis mit jemandem zu sprechen, der nicht anwesend war. Die Erfindung des Telefons erfüllte keine Bedürfnisse, sondern schaffte welche. Eine schöne Geschichte beschreibt, dass das Telefon zunächst als Radio gedacht war, also zur Übertragung von Tönen, aber nicht für Gespräche. A. Bell versuchte seine Installationen dann reichen Geschäftsleuten als praktische Form eines Telegrafen zu verkaufen, bei welcher die Nachricht nicht mehr geschrieben werden musste. Der Geschichte nach interessierte das die Geschäftsleute wenig, weil sie die Telegraphennachrichten ja nicht selbst geschrieben, sondern diktierend immer schon gesprochen haben. Es waren dann die Frauen der Geschäftsleute, die mit dem modernen Telegrafenersatz das Chatten durchs Telefon entdeckten und so einen neuen Markt eröffneten. Alsbald hatten ganz viele Menschen den Wunsch ein Telefon zu haben, weil man damit mit nicht anwesenden Menschen sprechen kann.[1]

Wenn ich einen Gegenstand wie etwa ein Telefon herstelle, weiss ich natürlich, was ich herstelle, auch wenn ich noch nicht weiss, was daraus alles wird. Die kaum zählbaren Erfinder des Telefons stellten Geräte her, mit welchen irgendetwas, was sie kannten besser ging. Nachdem ein bestimmter Gegenstand wie etwa das Telefon hergestellt ist, kann er als Motiv für gegenständliches Herstellen erscheinen. Dann ist der Zweck des Gegenstandes bekannt, weil er mit dem Gegenstand zusammen entwickelt wurde. Wenn dann viele Menschen ein Telefon wollen, werden allenfalls viele Telefon hergestellt. Dann geht es auch darum, das Herstellen zu organisieren und zu optimieren, was sich in weiterer Technik zeigt. Umgangssprachlich kann man von einem Bedürfnis nach einem Telefon kommunikation_telefon_grosssprechen, da aber die Menschen lange ohne Telefon gelebt haben und sich ein Telefon auch nicht vorstellen konnten, ist dieses Bedürfnis hergestellt. Das Telefon und die dazugehörenden Tätigkeiten vermitteln dann zwischen neu geschaffenen Handlungsmöglichkeiten und dem, was Menschen tun. Menschen sprechen miteinander, seit es das Telefon gibt, auch wenn sie an ganz verschiedenen Orten sind. Ich kann jetzt das Bedürfnis haben, mit jemandem zu sprechen, der nicht hier ist, weil ich weiss, dass es das Telefon gibt.

Hier geht es mir darum, dass ich das Bedürfnisse voraussetzen oder als Folge begreifen kann. Im ersten Fall verwende ich das Bedürfnis als primäre Kategorie, im zweiten Fall bezeichne ich mit Bedürfnis, dass ich etwas Hergestelltes gerne hätte oder es auch herstellen können möchte. Das sind zwei ganz verschiedene Funktionen, die zwei sehr verschiedenen Theorien gehören, was ich noch etwas verdeutlichen will.

In der hier verfolgten Perspektive der Tätigkeit ist beispielsweise Hunger ein ambivalentes Bedürfnis. Zunächst ist Hunger eine Emotion, die fehlende Einsicht kompensiert, wonach ein Organismus Nahrung braucht. Einfache Organismen haben dieses Wissen nicht, sie haben stattdessen Hunger. Die Nahrung, die ein Organismus braucht, bezeichne ich als dessen Bedarf. Das Wissen um diesen Bedarf habe ich unabhängig davon, ob ich Hunger habe und insbesondere auch dann, wenn ich keinen Hunger habe. Menschen produzieren Nahrungsmittel, weil sie einsichtig produzieren, nicht weil sie Hunger haben. Hunger haben Menschen nur, wenn die Produktion, die die Konsumption umfasst, nicht funktioniert.[2] Die Produktion erzeugt das Bedürfnis, das zunächst teilweise mit dem Bedarf zusammenfallen mag, aber das Bedürfnis kennt seine Grenzen nur in der Produktion. Menschen produzieren viel mehr Nahrungsmittel als sie brauchen, sie produzieren grenzenlose Gelüste, die mit ihrem Bedarf gar nichts zu tun haben.[3]

Zur jeder Produktion, die sich bewährt, indem deren Produkt konsumiert wird, kann man ein vorausgehendes Bedürfnis unterstellen. Bedürfnisse fungieren dabei als Erklärungsprinzipien, also als letzte Gründe, die keiner Erklärung bedürfen.[4] Durch die Kategorie Tätigkeit würde ich in diesem Sinn – wenn man das so sehen will – das Bedürfnis postulieren, tätig zu sein. Die herstellende Tätigkeit beobachte ich aber jenseits von Bedarf und Bedürfnis. Ich brauche dafür kein Erklärungsprinzip, aber natürlich eine entsprechende Theorie.

Erklärungsprinzipien wie Schwerkraft, Instinkt oder Bedürfnis dienen nicht als Erklärungen, sie erklären nichts. Sie dienen dazu, Theoriearbeit abzuwehren. Erklärungsprinzipien naturalisieren Verhältnisse, die impliziten Theoriebruchstücken geschuldet sind. Bedürfnisse – um beim Beispiel zu bleiben – erscheinen so als Natur jenseits der Kategorien dessen, der Bedürfnisse beobachtet. Wenn ich Bedürfnisse dagegen als Kategorie bezeichne, mache ich mir mein Beobachten als solches bewusst. Wenn ich meine Kategorien bezeichne, erkenne ich, wie meine Erklärungen und damit verbunden die zu erklärenden Phänomene von meiner Theorie anhängig sind.

Wenn ich mein Beobachten gar nicht beobachte, verzichte ich nicht nur auf das Bezeichnen von Kategorien, sondern auch auf Erklärungsprinzipien. Ich mache Erfahrungen als letzte Gründe. Ich kann erkennen, dass Gegenstände ein Gewicht haben, ohne irgendeine Schwerkraft zu bemühen. Und ich kann erkennendass ich atmen muss, ohne ein Bedürfnis dazu zu postulieren. So kann ich auch sehen, dass Menschen Gegenstände herstellen, ohne mir Gedanken über die von mir verwendeten Kategorien zu machen.

Dass Menschen beispielsweise sprechen, wird sehr selten mit einem entsprechenden Bedürfnis im Tier-Mensch-Übergangsfeld begründet. Das Sprechen fungiert viel mehr – wie etwa das Denken oder das Bewusstsein – als Wesensmerkmal des Menschen, das keiner Entstehungsgeschichte bedarf.[5] Sicher hatten – evolutionstheoretisch gesehen – werdene Menschen kein Bedürfnis zu sprechen. Wer will schon sprechen, wenn er niemanden kennt, der ihn verstehen könnte, weil es noch keine Sprache gibt? Dem Schreiben – also einer herstellenden Tätigkeit – wird dagegen oft ein Bedürfnis zugerechnet, etwas über das Sprechen hinaus festzuhalten. Schreiben scheint dabei das Sprechenkönnen vorauszusetzen, ich kann in dieser Sicht schreiben, was ich auch sagen könnte. In solchen Vorstellungen schimmert das Haeckelsche Prinzip durch, wonach sich die Phylogenes analog der Ontogenese begreifen lasse. Kinder können sprechen bevor sie schreiben können.

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[1] Als S. Jobs seinen Mac auf den Markt brachte, wurde er gefragt, ob er davor eine Marktanalyse gemacht habe. Er soll zurückgefragt haben, ob wohl Alexander Bell etwa Marktforschung betrieben habe, bevor er das Telefon erfunden habe. Siehe dazu auch Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge

[2] Menschen fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Bedarfsmittel zu produzieren. „Hunger ist Hunger, aber Hunger, der sich durch gekochtes, mit Gabel und Messer gegessnes Fleisch befriedigt, ist ein andrer Hunger, als der rohes Fleisch mit Hilfe von Hand, Nagel und Zahn verschlingt. Nicht nur der Gegenstand der Konsumtion, sondern auch die Weise der Konsumtion wird daher durch die Produktion produziert, nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv. Die Produktion schafft also den Konsumenten.“ (MEW23, S. 624)

[3] Hier geht es mir um Kategorien, nicht Bedarfszustände und Bedürfnisse. Da ich aber Hunger als Beispiel verwende, komme ich nicht umhin, auf zwei spezifische Verhältnisse hinzuweisen. Die Erfindung des Getreideanbaus führte zu einer Bevölkerungsexplosion, weil viel mehr Nahrung produziert wurde, als die Menschen, die davor von Jagen und Sammeln lebten, brauchen konnten. Hungersnöte sind die Kehrseite der Bevölkerungsexplosion, die mit dem sie verursachenden Getreideanbau nicht immer und überall kompensiert wird, weil Getreideanbau Landeigentum und Eigentümerklassen hervorgebracht hat. Getreide ist eine der übelsten Erfindungen für die Menschheit, die sehr direkt für Hungerkatastrophen bis zum heutigen Tag Ursache ist. Getreide ist überdies als Zucker auch eine sehr biologisch sehr schlechte Nahrung, was sich in Fettleibigkeit zeigt, überall, wo gerade keine Hungersnot herrscht.

[4] Man sagt gemeinhin, dass Aristoteles vier Arten von „Ursachen“ unterscheide. Aristoteles bezieht sich mit seinen „Ursachen“ (die erst in der lateinischen Uebersetzung zu Ursachen wurden) aber auf das Wissen über Sachverhalte, also darauf, wie wir auf warum-Fragen antworten, nicht auf die Sachverhalte selbst. E. von Glasersfeld übersetzt deshalb adäquater mit „Prinzipien“ (1997:115ff).

[5] D. Zimmer meint, rezente Affen könnten nicht sprechen, weil sie die nötigen Laute nicht modulieren können. Dass sie intelligent genug wären, schliesst er aus den Experimenten, die unter anderen D. Premack mit Schimpansen gemacht hat. Solche Argumentationen beruhen auf unbewussten Kategorien, die auf Affen projiziert werden. In meiner Theorie fehlt den Affen die Begriffsbildung, weil sie keine Gegenstände herstellen. Mit den Geräuschen, die sie machen, könnten sie zwar nicht so wie Menschen sprechen, aber sprechen könnten sie allemal.


last update: 11. 9.2017

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